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Eine Erfolgsgeschichte: Zwölf Jahre Internationale Sommeruniversität in Beer Sheva

Als Professor Mark Gelber 1998 erstmalig die internationale Sommeruniversität ins Leben rief, war dies ein einzigartiger Modellversuch – und er blieb es bis heute. Als einzige Hochschule in Israel bietet die Ben Gurion Universität in Beer Sheva neben dem Hebräisch-Intensivkurs ein spezielles deutschsprachiges Programm für Jüdische Studien, Archäologie und Israelwissenschaften an. Einzigartig auch der Erfolg dieser akademischen Einrichtung, der vor allem auf den unermüdlichen Einsatz des Initiators zurückzuführen ist…

1951 in New York geboren, hatte Mark Gelber schon früh begonnen, sich für Geschichte zu interessieren und Deutsch zu lernen. Bei Studienaufenthalten in Europa entdeckte Gelber mit der deutschen Sprache zugleich eine ihn faszinierende Literatur und Kultur.
Weitere Auslandssemester, unter anderem in Israel, verstärkten zudem sein Interesse, die Literaturwissenschaft mit jüdischen Studien zu verbinden. Nach seiner Promotion in vergleichender Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte und Philosophie wanderte er Ende der 70er Jahre mit Frau und Kindern nach Israel ein und erhielt alsbald einen Ruf als Komparatist an die in Beer Sheva neu gegründete Ben Gurion Universität des Negev.

Während seiner weiteren Forschungstätigkeit, die ihn immer wieder nach Deutschland und Österreich führte, fand er insbesondere unter deutschen Studenten großes Interesse an Israel und Judentum, dem von Seiten der Universitäten ein eher unzureichendes Lehrangebot gegenüberstand. So hatten Geschichts- oder Judaistikstudenten nur selten Gelegenheit, im Rahmen ihrer akademischen Ausbildung mit Juden oder Israelis über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder das Judentum in Mitteleuropa bzw. Israel zu sprechen.
Genau dies wollte Mark Gelber ändern: „Was Studenten hier in Beer Sheva erfahren können – über die Hebräisch-Stunden und die akademischen Vorträge hinaus – das könnte einzigartig sein, und eben deshalb habe ich den Kurs initiiert.“

Für Amerikaner gab es derartige Sommerkurse schon länger, in Beer Sheva wie auch an vielen anderen israelischen Universitäten, und so waren die 23 europäischen Studenten, die 1998 zur ersten Sommeruniversität in den Negev kamen, zunächst noch eine kleine deutschsprachige Minderheit. Doch sehr bald kehrte sich das Verhältnis um. Trotz Intifada, dem 11.September 2001 und dem Libanonkrieg 2006 kamen und kommen immer wieder bis zu 70 europäische Studenten nach Beer Sheva, die meisten aus Deutschland, aber einige auch aus Österreich, der Schweiz, Italien, Polen, Finnland, Holland, Belgien und Frankreich.

Viele von ihnen sind bereits zum wiederholten Mal dabei, so zum Beispiel die Theologie-Professorin Julia, die neben dem für ihr Fach obligatorischen Althebräisch nun noch das moderne Ivrith lernen will. Oder die Journalistin Eva, die auch im Ruhestand nicht aufhören will, zu lernen – was auf eine weitere Besonderheit der Sommeruniversität in Beer Sheva verweist: Ältere „Studenten“ – und von denen gibt es einige – fühlen sich hier ebenso wohl wie ihre im Schnitt fast vierzig Jahre jüngeren Kommilitonen. Die Atmosphäre ist freundschaftlich-familiär, man duzt sich und hilft einander bei den Hausaufgaben.

Die individuellen Vorkenntnisse zu Land, Leuten, Kultur und Sprache sind bei den Teilnehmern ebenso unterschiedlich wie die Motive, aus denen sie sich für den sechswöchigen Sommerkurs entschieden haben. Manche haben mit ihrer Schule vor Jahren einmal eine Studienfahrt nach Israel gemacht, andere haben bereits für längere Zeit in einem Kibbuz gearbeitet, wieder andere sind zum ersten Mal in Israel. Die einen studieren Völkerrecht und sehen im Einwanderungsland Israel einen spannenden Fall, andere studieren Politik mit Schwerpunkt Nah-Ost und wollen vor allem Hebräisch lernen, da an ihrer Heimat-Universität nur ein Arabisch-Kurs angeboten wird, wieder andere studieren Archäologie, Judaistik oder vergleichende Religionswissenschaften und interessieren sich vorrangig für die historischen Stätten des Landes.
Allen gemeinsam ist der Wunsch, Israel und Israelis vor Ort kennenzulernen, etwas über das ganz normale israelische Alltagsleben zu erfahren, von dem in der üblichen Berichterstattung über dieses Land eher selten die Rede ist.

Im Studentenwohnheim leben die europäischen Teilnehmer während der Dauer des Kurses zusammen mit ihren israelischen Kommilitonen in kleinen spartanisch eingerichteten Wohngemeinschaften. Die Kontaktaufnahme ist herzlich und leicht, schnell sind erste Verabredungen zum gemeinsamen Essen getroffen. Das Gespräch ist geprägt von einem gegenseitigen offenen Interesse, wie man es im öffentlichen bzw. veröffentlichten Diskurs europäischer Medien nur sehr selten findet. Verblüfft nehmen einige europäische Studenten dabei zur Kenntnis, wie hart ihre israelischen Kommilitonen mit sich selbst und ihrer eigenen Regierung ins Gericht gehen. Wer geglaubt hatte, Israelis stünden immer solidarisch hinter den Entscheidungen ihrer militärischen Führer, hätten stets Verständnis für ihre ultraorthodoxen Landsleute und grundsätzlich Vorbehalte gegenüber Palästinensern, wird bei den oft sehr emotional geführten Debatten zwischen Campus und Cafeteria schnell eines Besseren belehrt.
Denkbarrieren gibt es hier ebenso wenig wie Sprachbarrieren.
Dank Mark Gelber gibt es an der Ben-Gurion-Universität ein reichhaltiges Lehrangebot zu deutscher Literatur und Geschichte. Einige israelische Studenten sprechen daher sehr gut Deutsch, aber auch über Englisch oder Russisch kommen letztlich alle mit allen ins Gespräch – auch wenn sie noch kein Wort Hebräisch können.
Dass Letzteres nicht so bleibt, dafür sorgt der tägliche Sprachunterricht, der in effektiven kleinen Lerngruppen und ausschließlich in der Landessprache, dem modernen Ivrith, abgehalten wird. Nur in den Einführungsklassen wird gelegentlich auf Englisch zurückgegriffen, aber auch dies nur in Ausnahmefällen. Schon nach kurzer Zeit sind selbst Anfänger in der Lage, sich im Straßen-Bistro Falafel, Salate und andere landesübliche Spezilitäten zu bestellen oder auf dem Markt die Preise von Obst und Gemüse zu erfragen.

Neben dem intensivem Hebräisch-Training bietet das tägliche deutschsprachige Vorlesungsprogramm den Studenten zudem eine breite Themenpalette, angefangen von biblischer Archäologie über jüdische Kunst in Antike und Mittelalter, jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte in Deutschland und Israel, bis zur aktuellen Politik in Israel und der Nahost-Region. Regelmäßig lädt Gelber außerdem bekannte deutschsprachige Autoren zu Lesungen nach Beer Sheva ein, wie zum Beispiel Ruth Klüger oder Doron Rabinovic.
Wöchentliche Exkursionen zu historischen Stätten in Jerusalem oder Massada, aber auch Besuche in Dörfern der beduinischen Bevölkerung des Negev sorgen in jeder Hinsicht für zusätzliche Horizonterweiterung.

Auch englischsprachige Vorlesungen gehören seit einigen Jahren zum Programm und werden zu gleichen Teilen von Amerikanern wie Europäern besucht. Während aus den USA fast nur jüdische Studenten nach Israel kommen, sind es aus Deutschland und Europa oft zu fast gleichen Teilen Juden und Nichtjuden. Unter den Amerikanern sorgt diese Entdeckung regelmäßig für Verwunderung, führt aber in der Folge stets zu einem intensiven Gedankenaustausch, was wiederum für Mark Gelber spricht, den diese Entwicklung sichtlich freut: „Es ist sehr interessant für die Amerikaner zu sehen, dass es deutsche Studenten gibt, die Hebräisch lernen – und können – und manchmal besser als sie, und sie sagen: ‚Wieso …?‘ – Das ist eine tolle Gelegenheit für Amerikaner aber auch für die deutschen Studenten, mit amerikanischen Juden in Kontakt zu kommen, was in Deutschland, naja, nicht so selten ist, aber für die meisten immer noch kaum realisierbar.“

Immer wieder sucht Mark Gelber das persönliche Gespräch mit möglichst vielen Studenten. Schon am zweiten Tag kennt er jeden Einzelnen mit Vornamen und ist mit seiner Präsenz und seinem schier unerschöpflichen Adressbuch ein akademischer Agent, der seinesgleichen sucht. Nicht selten haben Teilnehmer der Sommeruniversität ihren Studienaufenthalt in Beer Sheva gleich auf ein ganzes Jahr ausgedehnt, sind später entweder noch auf andere israelische Hochschulen gewechselt, oder haben bei Mark Gelber selbst ihre Examensarbeit und in einigen Fällen sogar ihre Doktorarbeit geschrieben.

Auch in diesem zwölften Jahr sind die Sommerkurse der Ben-Gurion-Universität schon wieder gut gebucht. Am 3. August ist Unterrichtsbeginn und das Abschlussfest am historischen Abrahams-Brunnen in Beer Sheva ist für den 9. September geplant.
Einige Plätze sind noch frei, und wer nicht rechtzeitig an eines der begehrten Stipendien des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) gekommen ist, hätte auch noch die Chance auf ein sogenanntes Teilstipendium der Ben Gurion Universität.

Weitere Informationen zur Sommeruniversität 2009 an der BGU Beer Sheva unter:
bgu.ac.il/CISP/Int-Pages/German/GermanProgram

© Franziska Werners