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Israel und der Vatikan – aus israelischer Sicht

Nach dem Holocaust hat die Kirche ihr „Mea Culpa“ verstanden, und eingesehen, was zum Holocaust führte. Der fast zweitausendjährige christliche Anti-Judaismus habe den Weg zur Schoah gebahnt, wobei Hitler zusätzlich versucht habe „Gott auszuschalten“ und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Das sagte ein hoher israelischer Beamter bei einem Hintergrundgespräch. Der Beamte hat an zahlreichen Treffen mit den Päpsten teilgenommen und gilt als einer der profiliertesten Vatikan-Experten der israelischen Regierung…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 1. Mai 2009

Erste Kontakte des Vatikans mit Juden gab es nach Angaben des Beamten 1949. Ab 1950 habe die katholische Kirchenspitze verstanden, „dass Gott kein Politiker“ sei. Wenn er Jesus ausgewählt habe, dann werde sich das ebenso wenig ändern, wie die Tatsache, dass allein die Juden jenes Volk seien, „das mit seinem Heimatland verheiratet“ sei.

Einen Riesenschritt machte die Kirche ab 1962 mit ihrem Zweiten Konzil, das 1965 mit der Erklärung „Nostra Aetate“ gipfelte. Erst da seien die Juden von der Erbschuld freigesprochen worden, „Gottesmörder“ zu sein, indem der Vatikan feststellte, dass nicht „alle“ Juden an der Kreuzigung Jesu beteiligt waren. Ebenso wurde festgemacht, dass Antisemitismus ein Verbrechen gegen Gott und die Menschheit sei.

Der Beamte zählte die wichtigsten Schritte der Päpste in Richtung Judentum in den letzten 26 Jahren auf. Dazu zählte 1979 der erste Besuch des Papstes Johannes Paul II im KZ-Auschwitz. „Zwar hat er von 6 Millionen Söhnen Polens gesprochen“, monierte der Israeli, „obgleich wir Juden nicht in Auschwitz verbrannt wurden, weil wir Polen waren, sondern eben Juden.“ Gleichwohl habe die Erwähnung der Zahl Sechs-Millionen klar gemacht, wer gemeint gewesen sei. Weitere Stationen seien 1986 der Gang des Papstes zur Synagoge von Rom gewesen und die Feststellung gegenüber Rabbiner Elio Toaff: „Ihr seid unsere älteren Brüder.“ So habe der Papst Johannes Paul II „die ganze Kirche an jenen Ort gebracht, wo Jesus und Petrus gebetet haben“. Nächste Stationen waren 1993 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel und 2000 der Besuch an der Klagemauer.

Johannes Paul II sei in Polen nur 50 Kilometer von Auschwitz entfernt aufgewachsen. Er habe seine langen persönlichen Beziehungen mit Juden „vom Herzen her“ gestaltet. Bei dem deutschen Professor Joseph Ratzinger, gehe der Weg „genau anders herum, vom Kopf ins Herz“. Papst Benedikt XVI habe schon „sehr viel erreicht“ und habe bei seinem ersten Besuch in Deutschland die Kölner Synagoge besucht. Zum Lebenslauf Ratzingers erwähnte der Beamte dessen erzwungene Mitgliedschaft bei der HJ, seinen Dienst als Flakhelfer, dessen Desertieren und die Gefangenschaft (bei den Amerikanern), bis er schließlich Priester wurde. Ratzinger gehe „rational“ an die Dinge heran und habe als junger Mann aus einer Familie, die gegen Hitler war, „seine eigenen Erfahrungen“ gemacht.

Zu den seit 1993 laufenden Verhandlungen über Steuerbefreiung und Statusfragen katholischer Einrichtungen in Israel äußerte sich der Beamte zuversichtlich. Der Vertrag könnte „sehr bald, vielleicht schon während des Papstbesuches Mitte Mai, sonst aber einen Monat später“ unterzeichnet werden. „Große Fortschritte“ habe es gegeben, seitdem beide Seiten eingesehen hätten, dass bei diesen Verhandlungen allein Israel geben müsse, während die Kirche nur Forderungen stelle. Das sei kein „Geben und Nehmen“, wie auf Hebräisch Verhandlungen bezeichnet werden. Erst als der Vatikan mehr Flexibilität zeigte und „weniger forderte“, seien die Verhandlungen „fast bis zum Abschluss“ gelangt.

Es mangelt nicht an Krisen und Zwischenfällen, die immer wieder die Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan vermeintlich in den Grundfesten erschüttern. Mal vergisst der Papst in einer Aufzählung von Terroranschlägen in der Welt einen Anschlag in Israel, mal bietet eine Satire im israelischen Fernsehen Anlass zu heftigen Protesten. Die Rückkehr des antisemitischen Bischofs Richard Williamson „in den Schoß der Kirche“ führte zu einer zeitweiligen Unterbrechung aller Kontakte, ebenso die Wiedereinführung der als antijüdisch empfundenen alten Karfreitagsliturgie. Darin ist von „verblendeten Juden“ die Rede.

Gleichwohl setzten Vatikan und Israel erst am Donnerstag ein Zeichen. Eine „Plenarsitzung“ der Verhandlungsgruppen sei „in großer Freundschaft und in einem Geist der Kooperation und des guten Willens“ verlaufen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com