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Lieber Herr Ratzinger: Weniger heilig als der Papst

Besonders frustrierend ist, dass Sie in Jad vaSchem gar nichts Außergewöhnliches, nichts Heroisches tun sollten. Ein kurzer Satz, ehrwürdiger Papst, in dem Sie Ihr Bedauern ausdrücken, hätte uns genügt. Das war alles, was wir hören wollten. Alles war dafür bereit. Sie waren in Yad Vashem. Die ganze Welt blickte auf Sie. Alle warteten auf den Moment- aber er kam nicht…

Aus einem Brief von Chanoch Daum an den Papst, Jedioth achronoth

Dieser kleine Satz, der in Ihrer Rede fehlte, hätte bei uns viele Zweifel beseitigt, lieber Freund XVI. Es wird ja behauptet, Sie hätten einen Bischof in Ihrer Kirche, der den Holocaust leugnet, und es heißt, als Kind seien Sie Mitglied der Hitlerjugend gewesen.

Aber andererseits waren Sie ja noch ein Kind, und wenn jemand schuld ist, dann Ihre Eltern, und überhaupt- ziemlich alle gingen damals ja in diese Bewegung. Die Kirche hat zwar während des Krieges kaum etwas gegen die Judenverfolgung unternommen, aber auch hier kann man vielleicht Nachsicht walten lassen: Sie sitzen ja in Rom, Sie haben keine Armee und die Deutschen drangen auch nach Italien ein. Sie müssen verstehen, Herr Benedikt, wir haben großen Respekt vor Ihnen, aber auch viele Zweifel, die Sie gestern mit Ihrer Rede hätten beseitigen können.

Und Sie waren auch nicht weit davon entfernt: Das Treffen mit den Palästinensern haben Sie verlassen, als sie Israel angriffen, Ihr ganzer Besuch wurde von einer Stimmung der Versöhnung begleitet, und überhaupt, der Besuch in Yad Vashem lieferte die ideale Bühne für einen Ausdruck der Reue. Sie waren jedoch anderer Meinung. Sie dachten, es genüge, nach Yad Vashem zu kommen. Sie nahmen an, Yad Vashem sei eine Art Kunstmuseum- Hauptsache, man kommt. Den Holocaust nannten Sie Krieg, die Menschen, die in die Gaskammern geschickt wurden, wurden in Ihrer Rede als Menschen bezeichnet, die umgekommen sind, und nicht, Gott behüte, die ermordet wurden. Besonders bedauerlich ist: Tief in unserem Inneren wissen wir, dass es sich hier nicht nur um Semantik handelt, sondern um das Wesentliche. Das Wesentliche fehlte gestern in Ihrer Rede. Eine Rede, Herr Benediktus, die uns allen verdeutlichte, dass sogar Sie weniger heilig sind als der Papst.