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Die Papstrede in Jad Vaschem

Wer die Rede des Papstes in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem mit deutschen Ohren gehört hat, mag sie gelobt und für angemessen gehalten haben. Doch die Leitung von Jad Vaschem reagierte zunächst „empört und erschüttert“, auch wenn sie später ein wenig die Wogen diplomatisch glätteten…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 12. Mai 2009

In ersten schnellen deutschsprachigen Berichten war die Rede von „Menschheitsverbrechen“ an den Juden und davon, dass der Papst „der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht“ habe. Gleichwohl kommen in seiner Rede weder „Verbrechen“, noch die Nationalsozialisten und nicht einmal das Wort „Mord“ vor.

Nachfolgend Originalzitate aus der wohl entscheidenden Rede des Papstes bei seiner heiklen Reise und eine kurze Analyse, weshalb die Rede in jüdischen Ohren empörend klang.

«Ich bin gekommen, um in Stille vor diesem Denkmal innezuhalten, das errichtet wurde zur Erinnerung an das Gedenken der Millionen Juden, die in der schrecklichen Tragödie der Schoah getötet wurden.» Israelis monierten, wieso der Papst nicht die symbolische Zahl „sechs Millionen“ über die Lippen brachte. Die Verwendung des Wortes „Tragödie“ klingt wie ein Erdbeben, ein Tsunami oder ein anderes Unglück, nicht aber wie ein von Menschen ausgedachter industrieller Massenmord.

Laut Papst wurden die Millionen, es könnten zwei, drei, oder vier Millionen gewesen sein, bei dieser „Tragödie“ lediglich „getötet“ und nicht etwa ermordet. Selbst deutsche Juristen unterscheiden zwischen „Totschlag“ und „Mord“. Freilich hat schon Luther die zehn Gebote der hebräischen Bibel falsch übersetzt. Luther schrieb: „Du sollst nicht töten“. Im Original heißt es: „Du darfst nicht morden“ (Al Tirzach).

Ein kluger Jude hat uns mal den feinen Unterschied erklärt. Menschen wie Tiere können „getötet“ werden, aber nur für Menschen gilt der hebräische Begriff „Du darfst nicht morden.“

Der Papst sagt weiter: „Sie verloren ihr Leben…“ Das Leben verliert man bei Autounfällen, Katastrophen oder durch Krebs. Doch die Juden in Auschwitz „verloren“ nicht nur das Leben. Sie wurden zum Sterben in die Gaskammern geschickt, also willentlich ermordet.

Jene, die „ihr Leben verloren“ würden niemals ihren Namen verlieren, sagt der Heilige Vater weiter. Er spielt auf das Bemühen von Jad Vaschem an, die Namen der Opfer herauszufinden, um sie zu verewigen. Nur etwa die Hälfte der rund 6 Millionen jüdischen Opfer der Schoah sind namentlich bekannt. Die Darstellung des Papstes, dass jene, die „ihr Leben verloren“ hätten, niemals ihren Namen verlieren, wird von den Juden als eine ihrer größten Tragödien empfunden. Fast ein Viertel des Volkes hat nicht nur den Namen verloren. Die Toten wurden verbrannt. Das ist ein extremer Frevel bei Juden, die an ein Begräbnis glauben, damit ihre Knochen am Ende der Tage wieder auferstehen können. Deshalb muss ein Jude komplett begraben werden. So haben die Nazis den ermordeten Juden nicht nur ihre Identität und den Namen geraubt, sondern sogar die Chance, am Ende der Tage an der Wiederauferstehung teilzunehmen.

Wusste der Papst etwa nicht, dass drei von sechs Millionen Juden nicht nur „getötet“ wurden und „ihr Leben verloren“, sondern auch ihres Namens beraubt wurden?

Der Papst redete weiter von „überlebenden Mitgefangenen“. Das klingt, als seien jene Juden, die „ihr Leben verloren“ rechtmäßige Gefangene gewesen. Entsprechend waren die Überlebenden „Mitgefangene“. Die meisten Juden waren nicht einmal zeitweilig „Gefangene“, sondern wurden nach der Selektion an den Rampen der Vernichtungslager ohne Prozess und Gerichtsurteil direkt in die Gaskammern gejagt. Unvorstellbar, dass der Papst beschönigend von „Mitgefangenen“ redet, wenn er Überlebende des Holocaust erwähnt.

Der Papst sagt weiter: „Man kann einen Nachbarn seines Besitzes berauben, seiner Möglichkeiten oder seiner Freiheit“. Man könne ein Netz spannen, damit gewisse Gruppen keinen Respekt genießen. Aber man könne niemals einem menschlichen Wesen den Namen stehlen.

So vergleicht der Papst den Holocaust, die systematische Entrechtung der Juden, ihre Erniedrigung zum Ungeziefer und schließlich ihre systematische Ausrottung letztlich mit Kleinkriminalität unter Nachbarn im bayrischen Hintertupfingen. Erneut verkennt er, dass es das Ziel der von ihm nicht erwähnten Nazis war, die Juden nicht nur ihres Besitzes zu berauben, ihnen jenseits von „Möglichkeiten“ ihr Leben und ihre Angehörigen auszulöschen und sie keineswegs nur ihre „Freiheit“.

Nach Zitaten aus dem Alten Testament, das der christliche Papst für sich in Beschlag nimmt, behauptet Ratzinger, dass die Juden im Holocaust ähnlich wie Abraham von Gott geprüft wurden. „Ihr Glaube wurde getestet“, sagte Benedikt XVI in schlechtem Englisch. „Wie Jakob waren sie eingetaucht in den Kampf, die Wege des Allmächtigen zu erkennen.“ Ins Hochdeutsche übersetzt war also der weltliche Rassenwahn der Nazis, und der nachfolgende industrielle Massenmord an Frauen, Kindern und Greisen, bei der Wannsee-Konferenz geplant und von Rechtsanwälten abgesegnet, kein modernes Verbrechen an der Menschlichkeit, sondern eine religiöse Prüfung. Als hätten damals Jene, die vermeintlich auf den „Wegen des Allmächtigen“ wandelten, auch nur die geringste Chance gehabt, ihrem eigenen Tod und dem ihrer Frauen und Babies zu entkommen.

So hat Professor Joseph Ratzinger in seiner weltfremden aber gewiss gelehrten theologischen Vorlesung in Jad Vaschem den sechs Millionen Opfern der Nazis mitgeteilt, dass ihr Tod in Wirklichkeit ein von Gott gestartetes Glaubensexperiment war, um ihre Frömmigkeit zu prüfen. Die Juden waren offenbar selber schuld, wenn sie die Prüfung nicht bestanden. Deshalb mussten sie halt sterben. Wie gut, dass Gott willige Helfer hatte, zum Beispiel die Deutschen, die Nazis, und deren Helfershelfer, von denen Ratzinger freilich nichts gehört hatte und die er deshalb nicht erwähnt.

In der logischen Folge hat deshalb der deutsche Professor Worte wie „Mord“ oder „Verbrechen“ vermieden und die Täter nicht beim Namen genannt. Wenn überhaupt, war es der Gott der Juden, der sein Volk auf den Prüfstein legte und dafür Unbekannte anheuerte, um sie alle umzubringen, nachdem sie bei der Prüfung durchgefallen waren.

Auch im weiteren Verlauf seiner Rede wiederholt er dieses Motiv. Gott lebe, aber seine Wege seien manchmal „mysteriös und unerforschbar“. Um es hier noch einmal hervorzuheben: nicht Deutsche oder Nazis haben den Holocaust verbrochen, sondern der Gott der Juden selber, wie Ratzinger das anhand der Verse um Abraham und Jakob hervorhebt.

Der Papst erzählt den Juden in Jad Vaschem weiter, dass die katholische Kirche der Lehre Jesu „und seiner Liebe für alle Menschen“ verpflichtet sei. Mancher Jude mit historischem Gedächtnis mag sich da gefragt haben, wieso Millionen Juden während der Kreuzzüge in Deutschland, während der Inquisition in Spanien 1492 und während der Pogrome in Osteuropa immer wieder wegen dieser „Lehre Jesu“ ermordet, auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder vertrieben wurden. Das vom Papst verkündete „Mitgefühl der Kirche“ hatte keine Auswirkung, teilweise bis heute.

Im nächsten Satz wurde der Papst ganz aktuell, da die Kirche sich jenen nahe fühlt, die heute wegen Rasse, Farbe, Lebensbedingung oder Religion verfolgt werden. Diese Auflistung könnte Pamphleten bestimmter Menschenrechtsorganisationen oder der UNO entnommen sein, die das Schicksal der unterdrückten Palästinenser beklagen. Die vom Papst gleich darauf erwähnte „Hoffnung auf Gerechtigkeit“, ist im Nahen Osten eine Formel mit unmissverständlichen Zwischentönen. Sie wird verwendet, um die Legitimität der Existenz Israels in Frage zu stellen und Forderungen der Palästinenser zu rechtfertigen, darunter das vermeintliche „Recht auf Rückkehr“, was dem Ende eines jüdischen Staates gleichkommt. Mit „gerechtem Frieden“ meinen die Araber bei genauem Hinschauen meistens Dinge, die keinen Platz für einen jüdischen Staat lassen.

Nur noch peinlich ist Ratzingers Erwähnung eines Wasserbeckens, in dem sich die Gesichter jener spiegeln, von denen jeder einen Namen trägt. Seine Berater, falls er die überhaupt bemüht hat, verwechselten die „Halle der Namen“ im Museum von Jad Vaschem mit dem „Zelt des Gedenkens“, wo der Papst seine Rede hielt. Die Halle der Namen hat der Papst nicht besucht und im „Zelt des Gedenkens“, wo er die Rede hielt, gibt es kein Wasserbecken.

Und wenn er dann auch noch ausführlich erzählt, wie fröhlich Eltern Namen für ihre Kinder ausgesucht hätten, scheint der Theologieprofessor aus dem Elfenbeinturm deutscher Universitäten völlig den Boden der Wirklichkeit in Ghettos und Konzentrationslagern verlassen zu haben.

Subtil politisch wird der Papst dann wieder im vorletzten Abschnitt seiner Rede. Da erwähnt er einen Aufschrei „gegen jede Tat der Ungerechtigkeit und Gewalt“. Das Vokabular könnte er bei Amnesty International oder bei Human Rights Watch abgeschrieben haben. Die beschweren sich allein über israelische „Taten der Ungerechtigkeit und Gewalt“, nie oder nur selten aber über palästinensische Selbstmordattentate oder den Raketenbeschuss der Hamas von Gaza auf Israel. Die Auswahl seiner Worte muss deshalb von den Israelis falsch verstanden werden, auch wenn es der Papst vielleicht anders meinte.

Gleichwohl könnte das System haben. Vor etwa zwei Jahren zählte der Papst bei seinem Angelus Gebet die jüngsten Terroranschläge auf. Alle möglichen Länder wurden genannt. Nur Israel fehlte, obgleich es auch dort einen Anschlag gab. Proteste der Israelis endeten mit einer halbherzigen Entschuldigung des Vatikans. Es blieb der fade Beigeschmack, dass der Papst Vorgänge in Israel anders beurteilt oder übergeht. Und genau das bestätigte Papst Benedikt XVI ausgerechnet in Jad Vaschem, wo er jegliche Chance verpasst hat, mit treffenden Worten die Herzen des jüdischen Volkes zu erobern.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com