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Ziegenstall gegen den Papst

Wegen eines Ziegenstalls kann das Amphitheater für die Papstmesse bei Nazareth nicht fertig gestellt werden. Das meldete eine israelische Zeitung. Aber Michal Marmary vom „Jüdischen National Fond“ behauptete standhaft: „Da stinkt nichts. Das Gelände ist frei. Einen Ziegenstall habe ich nicht gesehen“…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Doch eine erneute Recherche ergab, dass es tatsächlich den Ziegenstall gibt und dass ausgerechnet in ihm die Sicherheitskontrollen für die Messebesucher durchgeführt werden. Mit „vereinten Kräften“, zusammen mit der Stadt Nazareth und dem Vatikan, bereitet der jüdische Nationalfond das Gelände für die Papstmesse am „Berg des Absturzes“ vor.

Berg des Absturzes? Eine peinliche Geschichte. Laut Lukas hat Jesus seine Zeitgenossen in der Synagoge von Nazareth provoziert. Er sei als Erlöser für die Heiden gekommen. In heutige Sprache übersetzt, klang es in den Ohren seiner Glaubensgenossen, als wolle er zur Hisbollah nach Libanon oder zur Hamas nach Gaza gehen, statt sein eigenes Volk zu erlösen. Daraufhin trieb der empörte Mob den Jesus vor die Stadt und wollte ihn von einem Steilhang hinunterstürzen. Vielleicht, um das zu vertuschen, wird der Steilhang meist lateinisch „Berg Precipe“ genannt.

Peinlich und in jedem Fall theologisch belastet ist auch jenes Tal in Jerusalem, wo Olivenbäumchen und Gestrüpp weggeräumt werden, um maximal 5000 Pilgern eine Gelegenheit zum Mitbeten zu bieten. Der Vatikan redet vom „Garten Gethsemane“. Die Israelis nennen es das Kidron-Tal. Doch biblisch korrekt handelt es sich um das Jehoschafat-Tal. Da wird Gott am Ende der Tage alle Völker versammeln, um sie zu „richten“, wegen dem, was sie seinem Volk Israel und dem Land angetan hätten. Gleich nebenan liegt sogar die Hölle, das biblische Gehenna oder auf Hebräisch „Tal des Hinnom“.

Das Jeschofat-Tal diente zudem als christlicher Friedhof, dessen Gräber gerade renoviert werden. Manchen könnten die Grabsteine während der Messe als Sitzplatz dienen. Am östlichen Abhang des Tals warten die „trocknen Knochen“ von etwa einer halben Million Juden aus den letzten dreitausend Jahren auf die Wiederauferstehung. Am westlichen Abhang haben Moslems ihren Friedhof eingerichtet. Und gleich hinter der künftigen Tribüne für den päpstlichen Gottesdienst erhebt sich das traditionelle Grab des biblischen Verbrechers und Verräters Absalom. Dieser dritte Sohn des Königs David hat seinen Halbbruder Amnon ermordet, weil der seine Halbschwester Tamar erst vergewaltigt und dann nicht heiraten wollte. Absalom initiierte einen Staatsstreich gegen seinen Vater David, bis sich seine Haarpracht bei der Flucht in einem Baum verfing, er gefangen und von seinem Cousin Joab getötet wurde. Doch ganz so schrecklich ist das Tal dann doch nicht, denn nach Auffassung der Moslems befindet sich auf dem nahen Tempelberg der Eingang zum Paradies, dem biblischen Garten Eden.

jehoschafat
Das Tal, in dem die Papstmesse stattfinden wird, im Hintergrund das Absalomgrab

Der katholische Medienkoordinator des lateinischen Patriarchats, Wadie Abunassar, kannte die theologische Problematik dieser Orte, „aber wir haben sie aus rein logistischen Gründen ausgewählt, um möglichst vielen Menschen die Teilnahme an den Messen zu ermöglichen“.

Modernerer Streit droht beim Aida-Camp in Bethlehem, wo der Papst den palästinensischen Flüchtlingen, überwiegend Moslems, die Aufwartung machen will. Ursprünglich sollte die Begegnung im Hof der UNO-Schule passieren. Da dort aber nur 500 Menschen Platz haben, beschlossen die Palästinenser, eine Tribüne auf einem freien Platz außerhalb des Lagers, direkt unter der israelischen Mauer und einem furchterregenden Wachtturm zu errichten.

Da aber funkten die israelischen Besatzungsbehörden dazwischen. Jener Platz gehöre nicht zur palästinensischen Autonomie, sondern stehe unter israelischer Kontrolle. Per Gerichtsurteil ließen die Israelis einen Baustopp verfügen. „Die Palästinenser haben sich keine Baugenehmigung eingeholt“, erklärt ein Militärsprecher. Ob die Palästinenser trotzig weiterbauen oder ob die Israelis mit einem Bulldozer die Papsttribüne wieder einreißen, muss abgewartet werden. Beide Seiten versichern, den Papst bei seiner Pilgerreise ins Heilige Land nicht mit politischen Querelen behelligen zu wollen. Dabei wissen Alle, dass jeder Schritt des Papstes hochpolitisch ist. Alles hängt nun vom Geschick des Benedikt XVI ab, die bereitstehenden nahöstlichen, christlich-jüdisch-muslimischen, deutsch-israelischen und sonstigen Fettnäpfen zu umgehen.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com / 27. April 2009