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Ritualmord: Woher stammt der moslemische Antisemitismus?

Als der Syrische Präsident, Bashar Assad, Papst Johannes Paul II im Jahre 2001 traf, überrumpelte er das Kirchenoberhaupt mit seiner Bemerkung über die Juden: „[…] sie wettern gegen alle Prinzipien göttlicher Überzeugungen mit der gleichen Geisteshaltung, mit der sie Jesus Christus betrogen und gepeinigt haben und mit der sie versuchten, den Propheten Mohammed zu verleumden.“…

Von Yaron Harel, haArez

Um den Hintergrund dieser Anschuldigungen zu beleuchten, ist es nötig, die Ereignisse des Jahres 1986 zu rekapitulieren, als der damalige Syrische Kriegsminister, Mustafa Tlass, der als Koryphäe auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften und der Kulturgeschichte galt, sein Buch „Die Matzen Zions“ veröffentlichte. Dieses damals recht erfolgreiche Buch bezichtigt die Juden der vermeintlichen Ermordung eines christlichen Mönches im Jahre 1840, welche als eine der wichtigsten Ritualmordlegenden der Jüdischen Geschichte unter dem Namen „Damaskus Affäre“ in die Geschichte eingegangen ist.

Ritualmordlegenden gegen die Juden waren bis dato eher die Ausnahme in den islamischen Ländern. Die Mehrheit der Muslime lebte damals zusammen mit den beiden christlichen und jüdischen Minderheiten unter Osmanischer Herrschaft. Beide Minderheiten wurden als sogenannte Schutzbefohlene (Dhimmi) erachtet und dementsprechend tolerant behandelt: Ihnen wurde gewährt, ihre Religionen zu praktizieren, und im Gegenzug mußten sie bestimmte Schutzsteuern abtreten und ihren niedrigeren Stand vor dem Gesetz und den sozialen Institutionen anerkennen. Doch zwischen 1831 und 1832 eroberte Ägyptens Oberhaupt, Muhammad Ali, Syrien von der Herrschaft des Osmanischen Sultans und regierte das Gebiet bis Ende 1840. Die Phase der ägyptischen Herrschaft in Syrien wurde von den ansässigen Christen aufgrund der wesentlichen Verbesserung ihrer Rechtssituation als goldene Ära wahrgenommen. Diese Periode trägt auch entscheidend zum Verständnis über die veränderte Haltung der Muslime gegenüber den Christen bei.

Die Rechte, die die ägyptischen Machthaber den Nicht-Muslimen zugestanden, darunter die Benennung in Regierungskommissionen und regionale Verwaltungssysteme, die Errichtung und Renovierung ihrer Heiligtümer, die Erlaubnis, Pferde zu reiten und bunte Kleider zu tragen, also Rechte, die bis dahin nur den Muslimen des Landes vorbehalten waren, verletzten das Selbstverständnis der muslimischen Bevölkerung und erweckten in ihnen den Groll gegen die nicht muslimische Bevölkerung. Es wurde Muhammad Ali unterstellt, unter Duldung der europäischen Mächte – geführt von französischen Interessen in der Region – zu regieren und dafür im Gegenzug den nicht-muslimischen Minderheiten, insbesondere den Christen übermäßige Rechte einzuräumen. Darüberhinaus wurden die ansässigen Christen als Kollaborateure der Europäischen Mächte erachtet, die nach der Kontrolle über das Osmanische Reich trachteten. Infolge dessen entwickelte sich ein Christenhass gegen die politischen Rivalen unter den Muslimen.

Konflikte und Spannungen zwischen Juden und Christen hatten bereits seit Menschengedenken sowohl aus religiösen als auch aus historischen Gründen existiert und spitzten sich zu, sobald die Konkurrenz über wirtschaftliche und kaufmännische Positionen zunahm. Um im Handel, bei den Behörden und in der Öffentlichkeit erfolgreich zu sein, benötigte jede Minderheit den Zuspruch und die Unterstützung der moslemischen Mehrheit. Deshalb versuchten Vertreter beider Minderheiten, die Muslime gegen die jeweils gegnerische Gruppe aufzuhetzen. Der muslimische Hass und ihre Abneigung gegenüber den ansässigen Christen, und ihre relative Sympathie gegenüber den Juden führten zur Beschwerde der Damaszener Christen über ihre grausame Behandlung durch die Qadis (die muslimischen Richter). Ihre Furcht vor muslimischen Gewaltexzessen nach einer bevorstehenden Rückgabe der Osmanischen Herrschaft an eine syrische Autorität zwang die Christen, neue Anschuldigungen gegen die Juden zu erfinden, um die Muslime gegen sie aufzuhetzen. Zu diesem Zweck warben sie katholische Priester des Franziskaner- und Kapuzinerordens an. Diese brachten nicht nur katholische Kultur und Rituale Europas mit sich, sondern auch die mittelalterlichen Legenden, die Juden benötigten menschliches Blut für ihre Passahfest Rituale.

Am 5. Februar 1840 wurden ein Kaputzinermönch, genannt Pater Tomaso, zusammen mit seinem Diener, Ibrahim Amara, vermißt. Kurze Zeit später verbreiteten sich Gerüchte, die beiden seien zuletzt im jüdischen Viertel von Damaskus gesehen worden und von Juden umgebracht worden, damit diese ihr Blut für die Passah-Rituale nutzen könnten. Die Vorsitzenden der Gemeinde, geführt von Rabbiner Yaakov Antebi, wurden festgenommen und gefoltert, um von ihnen ein Schuldbekenntnis zu erzwingen. Der französische Konsul, der seiner Rolle als Verteidiger des Katechismus gerecht werden wollte, leitete die Verhörmaßnahmen. Einige Juden brachen zusammen und gaben ein vermeintliches Geständnis ab, andere starben während des Verhörs, während haChacham Moshe Abulafia zum Islam übertrat, um so seinen Peinigern zu entkommen. Später wurde er als Kronzeuge herangezogen und genötigt, die Juden zu belasten, indem er aussagte, sie hätten ihn gezwungen, Christenblut in seine Matzen unterzumischen und der Ermordung des Mönches durch Rabbi Antebbis Anordnung beizuwohnen.

Durch Drohungen, Folter und gefälschte Beweise, darunter das Auffinden der Gebeine des Mönches in einer Kloake des Judenviertels, erreichten die Ankläger der Juden die Umschwenkung der öffentlichen Meinung zu ihren Gunsten. Über ein rechtliches Verfahren wurden die Juden für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Das Ereignis wurde auch in Europa publik, so dass auch dort ein anklagender Finger auf die Juden gerichtet wurde. Daraufhin begannen die Juden in Westeuropa in einer weitreichenden politischen Kampagne bei den unterschiedlichen europäischen Regenten vorstellig zu sein, um sie zu überzeugen, Druck auf Muhammad Ali auszuüben, ihren Glaubensgenossen ein gerechtes Verfahren zu ermöglichen, in dem sie ihre Unschuld unter Beweis stellen können. Zu diesem Zweck machte sich eine jüdische Delegation unter der Führung von Moses Montefiore und Adolphe Cremieux auf den Weg nach Ägypten, um dem Khediven vorstellig zu werden.

Die diplomatischen Bemühungen trugen Früchte und führten zu einer angeordneten Begnadigung durch den Khediven. Anfang September des Jahres 1840 erreichte der Befehl Damaskus, und bald darauf wurden die Gefangenen freigelassen, ohne dass die Anklage gegen sie fallengelassen wurde. Die jüdischen Gemeinden in Damaskus und der übrigen Diaspora feierten die Freilassung der gepeinigten Gefangenen, doch ihre Freude erwies sich als verfrüht. Die Freilassung wurde in der Öffentlichkeit nicht als Freispruch wahrgenommen, und die Juden wurden weiterhin als Mörder angesehen, die nur mit Hilfe der Bestechungsgelder ihrer europäischen Seilschaften der Justiz entkommen konnten. Als Konsequenz setzten sich die anti-jüdischen Ressentiments vor dem Hintergrund von Ritualmordlegenden in Damaskus und ganz Syrien über viele Jahre hin fort. Im Kapuzinerkloster in Damaskus wurde ein Steinmonument errichtet, das die folgende Inschrift auf Arabisch und Italienisch trägt: „Hier sind die Gebeine des Mönches Tomaso beerdigt, der am 5. Februar 1840 durch die Juden ermordet wurde.“

Der französische Konsul von Aleppo behauptete später: „Die Juden Aleppos gehören einer grausamen Sekte an, die geheimen und blutrünstigen Ideologien anhängt. Dieser Sekte wird nachgesagt, ihren Matzen menschliches Blut beizumischen anstatt ein Lamm zum Passahfest zu opfern, so wie es in den Büchern Mose geschrieben steht.

Zwischen den Jahren 1841 bis 1860 entstanden mindestens 13 weitere Ritualmordlegenden in Syrien, von denen zehn in Damaskus und drei weitere in Aleppo öffentlich bekannt wurden. Manchmal nutzten die Christen den Vorwand einer Ritualmordlegende, um die Juden zu erpressen, so dass Gerüchte von rituellen Mordfällen beinahe jährlich und pünktlich zum Passahfest auftauchten. Schließlich inspirierte die christliche Aufhetzung die Muslime zu eigenen Ritualmordlegenden. Aus Rachegelüsten oder Erpressungsversuchen begannen sie ebenfalls den Juden das Verschwinden eines Jungen oder eines Mädchens anzuhängen. Aus den Ereignissen im Juli des Jahres 1860, als die Damaszener Muslime Tausende von Christen ermordeten, ging die christliche Gemeinschaft sehr geschwächt hervor, und infolge dessen klang auch das Phänomen der Ritualmordlegenden ab. Mit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhundert kehrten jedoch die schwarzen Tage des Jahres 1840 zurück.

Im Jahre 1890 fielen das Passahfest und Ostern auf die gleiche Zeit. Am 7. April, dem zweiten Tag der jüdischen Festwoche, verschwand ein sechsjähriger Christenjunge. Die Juden wurden angeklagt, ihn ermordet zu haben und sein Blut für ihre Rituale benutzt zu haben. Daraufhin brachen in der Stadt Aufstände aus.

Zwei Wochen später wurde die Leiche des Kindes in einem Brunnen aufgefunden. Eine Autopsie deckte mehrere Erkenntnisse auf, die den vermeintlichen jüdischen Ritualmord bestätigen sollten. Danach war die Leiche des Jungen blutleer, und es befand sich ein Einschnitt auf dem Arm des Jungen. Schließlich wurde aber festgestellt, dass der Junge ertrank und dass keine Juden für seinen Tod verantwortlich waren. Dies genügte jedoch nicht, um vielen Christen und Moslems die Überzeugung zu nehmen, die Juden seien verantwortlich für den Mord und seien ein weiteres Mal, Dank der Macht und des Einflusses ihrer Glaubensgenossen in Europa, der angemessenen Strafe entkommen.

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erreichte die christliche Gemeinde in Damaskus die Wiederherstellung ihres ehemaligen Status, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht als auch in Bezug auf ihren öffentlichen Status. Dies setzte sich fort bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zeichnete sich aus durch die fortwährende Verdrängung der Juden aus ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Positionen. Die jüdische Gemeinde wurde zum Opfer einer Hetzkampagne der christlichen Presse aus Beirut. Das Wochenblatt Al-Bashir veröffentlichte zum Beispiel einen Beitrag, in dem erklärt wurde, wie Juden christliches Blut für ihre Passahfest-Rituale einsetzten. Die gleiche Zeitung, ein Organ des Jesuiterordens im Libanon, enthielt auch reaktionäre katholische Schriften aus Frankreich, die der Neutralität der Repräsentanten im französischen Konsulat widersprachen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei antisemitische Pamphlete in der Region verteilt: Eines der beiden wurde in Kairo auf Arabisch herausgegeben und entstammte der Feder eines christlichen Journalisten aus dem Libanon; das zweite wurde von einem französischen Priester in Paris unter dem Titel „Von den Juden ermordet: Die Geschichte der Ritualmorde“ herausgegeben. Die Hetzkampagne aus französisch-katholischen Kreisen erreichte die christliche Bevölkerung in Damaskus und führte zu Übergriffen auf Juden in den Straßen von Damaskus. Einige Tage nach dem Passahfest hetzten zwei Kaputzinermönche den christlichen Mob zu einem Pogrom gegen die Juden auf: Jüdische Geschäfte wurden geplündert, viele Juden wurden verprügelt und ein jüdisches Mädchen wurde durch einen der Priester entführt und zum Verhör eingesperrt.

Manche der damals häufig vorkommenden Ritualmordlegenden waren eher kurzlebig und zogen kaum öffentliches Aufsehen auf sich, andere wiederum führten zu schweren Gewaltausbrüchen. Schließlich breiteten sich viele dieser Ritualmordlegenden über viele andere Städte des Nahen Ostens aus.

Die Damaskus Affäre spielte eine wichtige Rolle in der modernen Jüdischen Geschichte. Sie diente als Auslöser für das neu erstarkte jüdische Nationalbewusstsein und für das Wiederaufleben der Beziehungen zwischen den unterschiedlichen jüdischen Gemeinden im Westen und im Orient. Die Solidarität innerhalb der jüdischen „Nation“ förderte schließlich den Entstehungsprozess des modernen jüdischen Nationalethos. Doch ebenso führte sie zur Entstehung antisemitischer Mythen von der jüdischen Weltverschwörung. Diese Legenden, deren prominentestes Beispiel in den Protokollen der Weisen von Zion Ausdruck findet, haben in den letzten Jahrzehnten erneute Populartität gewinnen können, was sich auf Buchmessen und in den Medien der Arabischen Welt widerspiegelt. Mehrere arabischsprachige Fernsehserien und Zeitungsartikel greifen erneut das Motiv der jüdischen Verantwortung für Ritualmorde auf, was unvorstellbar war in der Muslimischen Welt vor der intensiven Einflussnahme der europäischen Mächte im Nahen Osten [nach dem Ersten Weltkrieg].

Dr. Yaron Harel ist Dozent der Jüdischen Geschichte an der Bar-Ilan Universität. Sein Buch „Intrige und Revolution in den Jüdischen Gemeinden in Damaskus, Aleppo und Baghdad, 1744-1914“ (Intrigue and Revolution in the Jewish Communities of Damascus, Aleppo and Baghdad, 1744-1914) wurde letztes Jahr auf Hebräisch herausgegeben und wird voraussichtlich 2011 durch Littmann Library auf Englisch herausgegeben werden.

Übersetzung I. Gall