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Ende der Schonzeit? Messianische Juden in Deutschland

Im Nachgang zur päpstlich-katholischen Regression in den christlich-jüdischen Beziehungen muss wieder neu daran erinnert werden, dass die Juden in Europa von den christlichen Großkirchen jahrhundertelang bedrängt und verfolgt wurden – jedenfalls solange, wie sich die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft zu ihrem Judentum bekannten und den hartnäckigen Konversionsversuchen der Mehrheitsreligion widerstanden. So erwies sich das Wort vom Kreuz für die Juden nicht als „Skandalon“ im Sinne von l. Kor. 1, 23, sondern als Symbol des Schreckens: Bis heute ist die traumatische Erfahrung der Juden mit der kirchlich entstellten Botschaft Jesu – ungeachtet christlich-jüdischer Dialogbemühungen nach Auschwitz – tief eingebrannt in ihre kollektive Erinnerung…

Von Martin Kloke

Warum glauben dennoch auch hierzulande wieder manche Juden, dass Jesus nicht nur der Messias der Christen, sondern auch ihr Messias sei? In ihrer Bestandsaufnahme zu Selbstverständnis und gemeindlichen Strukturen Jesusgläubiger Juden in Deutschland sucht Stefanie Pfister nach Antworten und fährt zu diesem Zweck ein bemerkenswertes Arsenal empirisch-soziologischer Instumentarien auf. Sie bedient sich zum einen der Systemtheorie Niklas Luhmanns, um das „religiöse Sozialsystem“ messianischer Juden und ihre „religiöse Kommunikation“ – ihre „Differenzziehungen“ nach draußen, aber auch ihre spezifischen Codes und ihre Semantik – zu analysieren und zu reflektieren; zum anderen setzt sie Methoden der empirischen Forschung ein – insbesondere einen Fragebogen für eine Fallsstudie sowie ein narratives Interview als Instrument zur Datenerhebung. Zu ihren methodischen Zugängen gehört auch die „passiv teilnehmende, offene Feld- und direkte Fremdbeobachtung“ (212).

Die Autorin holt in ihrer Dortmunder Dissertation weit aus: Sie skizziert die Entwicklung des messianischen Judentums von den Anfängen im ersten Jahrhundert sowie die anschließenden Trennungsprozesse zwischen Juden, Judenchristen und den allmählich immer dominanteren Heidenchristen. Erst innerhalb protestantischer Kontexte der Neuzeit, so erfahren wir, setzte unter „judenmissionarischen“ Vorzeichen ein zaghaftes judenchristliches Revival ein, dem nach der Schoah ein vor allem in Nordamerika zu verortender messianisch-jüdischer Aufbruch folgte. Die neue „Bewegung“ begreift sich nicht länger als christliche Denomination, sondern als eigenständige religiöse Größe, angesiedelt irgendwo zwischen Judentum und Christentum. Ihre spirituellen und liturgischen Ausdrucksformen beziehen messianische Gläubige in einer patchworkartigen Mischung aus genuin jüdischen und christlich-evangelikalen Gottesdienst-Elementen. Zum Abschluss der Untersuchung (2005) gab es in Deutschland insgesamt 39 messianisch-jüdische Gemeinden und Gruppen, denen ca. 1.000 Konvertiten angehörten, die zu etwa zwei Dritteln osteuropäisch-jüdischer und zu einem Drittel nichtjüdischer (philosemitischer) Provenienz waren.

Mithilfe ihrer „wertfreien“ Messverfahren legt die Autorin eine religionssoziologische Studie in systemtheoretischer Perspektive vor. Indem sie den Mikrokosmos messianischer Gemeinden in Deutschland bis ins Detail ausleuchtet, liefert sie einen umfassenden Einblick in die Genese und Entwicklung einer noch jungen „Bewegung“. So weit, so gut, könnte der unvoreingenommene Beobachter schlussfolgern. Warum stimmt die Studie dennoch befremdlich und provoziert bei genauerer Lektüre Widerspruch?

Obwohl Stefanie Pfister die historischen Voraussetzungen der jüdisch-messianischen Bewegung ausführlich beschreibt und im Untertitel ihrer Studie ausdrücklich einen historiografischen Anspruch anmeldet, äußert sie sich merkwürdig verhalten und einsilbig zum historischen Antijudaismus im Christentum sowie zur millionenfachen Ermordung der europäischen Juden im Machtbereich Nazi-Deutschlands. Auch die anhaltenden psychosozialen Auswirkungen des Völkermords auf jüdische Identitäten spielen in ihrer Studie keine Rolle. Mit einer Ausnahme (67) vermeidet die Autorin konkrete Bezüge auf den Holocaust – ihr Desinteresse camoufliert sie allenfalls mit nichtssagenden Floskeln wie „religiöse und politische Umwälzungen“ (67) oder „aufgrund der Historie“ (373).

Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass Pfister jüdische Ängste vor der Wiederaufnahme christlicher Missionsbemühungen nicht nur nicht versteht, sondern – im Gegenteil – sämtliche evangelikalen Judenmissionswerke unkritisch affirmiert (118ff). An den wenigen Stellen, wo sie jüdische Kritik an messianisch-missionarischen Aktivitäten der formalen Ordnung halber andeutet, ist ihre innere Distanz unübersehbar. Dass „Judenmission“ nach Auschwitz als eine weitere Gefahr für die Existenz des Judentums und insofern als obszöne Zumutung begriffen werden kann, dafür hat die junge Nachwuchstheologin kein Gespür. Obwohl Pfister die Befürchtungen des ehemaligen Stuttgarter Landesrabbiners Joel Berger vor einem „geistigen Holocaust“ zweimal zitiert – ohne freilich den Hintergrund dieser Äußerungen zu erläutern –, sieht die Autorin keine Veranlassung, den tief verwurzelten und empirisch begründeten Enterbungsängsten jener vom Holocaust traumatisierten Menschen nachzuspüren.

Gewiss ist die christliche Mission auch an Juden eine logische Konsequenz christlicher Identität, die ja auf Einladung und Inklusion prinzipiell aller Menschen drängt. Und selbstredend ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut. Jüdische wie nichtjüdische Menschen haben das Recht, ihre jeweiligen Gemeinschaften zu verlassen und ggf. eine andere zu wählen. Das Recht auf freie Konversion ist ein Menschenrecht. Doch wenn Menschen christlichen resp. messianischen Glaubens evangelistische Flyer in Synagogen verteilen, handelt es sich nicht nur um eine Verletzung der guten Sitten – es ist ein respektloser Angriff auf die religiösen Gefühle von Menschen, die die christliche „Einladung“ nicht anders denn als kollektiven „Seelenraub“ wahrnehmen können. Im sprichwörtlichen jüdischen Humor seufzt der Protagonist über die teils antisemitisch, teils judenmissionarisch motivierte Obsession, mit der die Juden seit alters her traktiert werden: „Wir sind sein auserwähltes Volk. Ich weiß nicht, womit wir diese Strafe verdient haben. Was immer es war, allmählich müsste sie abgesessen sein. Es reicht. Der liebe Gott könnte sich mal ein anderes Volk auserwählen, zur Abwechslung. Die Belgier vielleicht. Oder die Ostfriesen. Uns reicht’s.“ Bei aller Freiheit der Religionsausübung: Christliche Kirchen tun gut daran, sich auch künftig von jenen judenmissionarischen „Werken“ abzugrenzen, die schon wieder einer besonderen „Mission” gegenüber den Juden das Wort reden.

Die Tatsache, dass die vorliegende Dissertation vom „Arbeitskreis für evangelikale Theologie“ mit einem Druckkostenzuschuss bedacht wurde, zeigt, dass die noch in früheren Jahren praktizierte judenmissionarische Zurückhaltung selbst unter israelsolidarischen Milieus der Evangelikalen erodiert. Nie war es wichtiger als heute, an vermeintliche Selbstverständlichkeiten des christlich-jüdischen Dialogs der letzten 60 Jahre zu erinnern: „Durch eine lange Geschichte der Intoleranz und Verfolgung ist das [..] christliche Zeugnis unter Juden schwer belastet worden.“ Mit dieser Einsicht markierte 1997 z. B. die baptistische „Bundesleitung“ ihre kathartische Verhältnisbestimmung zum Judentum und gelobte, „das jüdische Glaubens- und Lebenszeugnis [in Gegenwart und Zukunft] zu achten“, weswegen Christen ihr „Zeugnis dem jüdischen Volk gegenüber nicht in gleicher Weise wahrnehmen“ sollten wie die „Mission an der Völkerwelt.“ Es wäre fatal, wenn nach dem Vatikan nun auch die protestantische Theologie des 21. Jahrhunderts hinter diese mühsam gewonnene Erkenntnis zurückfallen würde.

Stefanie Pfister: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung. Reihe: Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik, Bd. 3, Münster u. a.: LIT Verlag 2008, 448 S., 39,90 EUR, ISBN 978-3-8258-1290-4

Diese Rezension erschien in: Jahrbuch der Zeitschrift für Theologie und Gemeinde (ZThG), Nr. 14, 2009.