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Kleine Chronik des ehemaligen KZ Dachau seit 1945

Das oberbayerische KZ Dachau war das dienstälteste KZ des „Dritten Reiches“ und galt als Musterlager und Vorbild für Auschwitz und 2000 weitere kleinere und größere Lager in Deutschland und im von den Deutschen besetzten Europa; während das Entstehen des Lagers und das Leiden der Häftlinge inzwischen relativ gut wissenschaftlich erschlossen sind, fehlt noch immer eine Geschichte der Ereignisse und Begebenheiten nach Kriegsende…

Von Robert Schlickewitz

Die folgende kleine Chronologie des ehemaligen KZ Dachau – sie ist meinem Buch „Sinti, Roma und Bayern“ entnommen – kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben; sie kann höchstens als bescheidene Ausgangsbasis für hoffentlich noch folgende ausführlichere Arbeiten von berufener Seite dienen. Die Landeszentrale für Politische Bildung in Bayern sei hiermit aufgerufen, nun endlich selbst in dieser Richtung tätig zu werden und eine längst überfällige Studie zur Nachkriegsgeschichte des KZ Dachau bzw. der Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau in Auftrag zu geben und diese einem möglichst großen bayerischen und internationalen Publikum zugänglich zu machen. Die Zeit ist reif!

Chronik des ehemaligen KZ Dachau ab 1945

1945
In Dachau trifft (28. 4.) ein Zug mit verschlossenen Güterwaggons ein, der 21 Tage lang unterwegs war; seine ’Fracht’ besteht aus über 2000 Häftlingen des KZ Buchenwald; da das KZ Dachau bereits überbelegt ist, lässt die Lagerleitung den Zug einfach auf dem Abstellgleis stehen; als amerikanische GI’s, die Spitzen der US-Truppen haben den Raum Dachau inzwischen erreicht, tagsdarauf die Wagen inspizieren, registrieren sie voller Entsetzen „bis zu einem Meter tief in den Leichenstapeln Gesichter mit Augen, die noch blinzelten“

1945
Häftling Nico Rost in seinem Dachauer Lagertagebuch am 29. 4.: „Die SS hat eine weiße Fahne gehisst! Am Eingang ihres Lagers. Die Aufregung bei uns ist unbeschreiblich. Jeder, der nur irgendwie kann, läuft zum Appellplatz, von wo aus man die Fahne sehen kann… Sind die Amerikaner also schon so nahe? … Warum sind denn die Wachtürme rings um unser Lager noch immer mit SS besetzt? … Warum sind ihre Maschinenpistolen noch immer drohend auf unsere Baracken gerichtet? … Um drei begann es! Die beklemmnde Stille wurde plötzlich von Maschinengewehrfeuer und dem Geknatter von Handfeuerwaffen unterbrochen… Es war genau 5. 28 Uhr – … – als sich das große Tor öffnete… Die SS-Männer im Torgebäude und in den Wachtürmen wurden von den Amerikanern heruntergeholt und niedergeknallt. Wir hörten die Schüsse – und wir sahen sie fallen… Vorsichtig betraten die ersten Amerikaner unser Lager…: ’Hello boys, here we are!’ Nun gab es kein Halten mehr. In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend…“

1945
Auch nach der Befreiung des KZ Dachau nimmt die Sterblichkeit unter den Häftlingen nicht ab; in der Zeit vom 1. bis 7. Mai werden täglich rund 110 Tote registriert; Ursachen sind die noch nicht abgeklungene Typhusepidemie, Schwäche und Unterernährung, sowie Spätfolgen von Misshandlungen

1945
Unter nicht geklärten Umständen stirbt im Lager Heilbronn-Böcklingen (15. 5.) SS-Oberscharführer Theodor Bongartz; der 43jährige Leiter des Krematoriums im KZ Dachau galt als Genickschussexperte und war für Einzelhinrichtungen zuständig gewesen

1945
Kurz nach Übernahme des ehemaligen KZ Dachau durch die Amerikaner wird das Areal zu einem Internierungszentrum für einstige KZ-Wärter, SS-Angehörige und andere nationalsozialistische Funktionäre, die hier eine wesentlich mildere Behandlung erfahren als die bisherigen Häftlinge; Ende der Vierziger Jahre erfolgt die Auflösung des Internierungszentrums und die Übergabe der Örtlichkeit an die bayerischen Behörden

1945
Auf dem Münchner Ostfriedhof findet eine Gedenkfeier mit Gottesdienst und Ansprache durch Oberbürgermeister Scharnagl für die Opfer des KZ Dachau statt (5. 8.); ebenfalls noch in das Jahr 1945 fällt die Enthüllung eines von der Stadt München gestifteten Mahnmals „Opfer der Verfolgung 1933-1945“ auf dem jüdischen Friedhof der Stadt an der Ungererstraße; auch hier hält Scharnagl eine Rede, wobei er an die Leistungen der Juden in München (von denen nur etwa 300 überlebten) erinnert; zwei Jahre später (September 1947) gedenkt die Stadt einer weiteren Opfergruppe der Nationalsozialisten, der ermordeten kommunistischen Angehörigen des Widerstands; lediglich Sinti und Roma sowie Homosexuelle, als die beiden von der bayerischen Gesellschaft meiststigmatisierten und meistdiskriminierten Gruppen, müssen noch ein halbes Jahrhundert auf Anerkennung ihres Leids im Rahmen der allgemeinen Gedenkkultur warten

1945
Der erste Prozeß gegen Angehörige der Lager-SS des bayerischen KZ Dachau findet vor einem amerikanischen Militärgericht statt (15. Nov. – 14. Dez.); von 40 Angeklagten werden mehrere zum Tode verurteilt

1945/1946
Die Christlich-Soziale-Union (CSU) wird als „christlich-konservative Partei“ von A. Stegerwald, F. Schäffer, J. Müller und A. Hundhammer in Bayern gegründet; im Bundestag geht sie später eine Fraktion mit der CDU ein, wobei ihre Positionen deutlich konservativer sind; vor allem Schutz des Privateigentums und der herkömmlichen Familienstrukturen gehören zu den Grundsätzen dieser Partei, die wie keine andere in der Lage ist, die Mehrheit der bayerischen Bevölkerung hinter sich zu vereinen; außer in den Jahren 1955-1957 führt sie die bayerische Landesregierung und hat mehrfach die absolute Mehrheit der Sitze inne

1946
Im Gerichtsgefängnis Schwabach bei Nürnberg erhängt sich (27. 6.) SS-Obersturmführer Max Koegel; der gebürtige Füssener war 1933 stellvertretender Kommandoführer der Wachmannschaft im KZ Dachau geworden und hatte dann mit Stationen im KZ Columbia-Haus Berlin, erneut Dachau, Frauen-KZ Lichtenburg bei Torgau, Frauen-KZ Ravensbrück, Majdanek und schließlich Flossenbürg seinen Aufstieg zum KZ-Kommandanten vollzogen; nach Kriegsende bei einem Bauern versteckt und mit den Papieren eines ehemaligen Häftlings versehen, war er von amerikanischen Besatzungssoldaten verhaftet worden

1946
In Hameln wird mit Anton Thumann ein typischer Täter aus dem Lager-SS-Milieu hingerichtet (8. 10.); 1912 in Pfaffenhofen geboren, hatte er bereits ab 1933 zur Wachmannschaft des KZ Dachau gehört und war dort sowie in den Lagern Groß-Rosen, Majdanek, und Neuengamme Schutzhaftlagerführer bzw. Lagerführer gewesen; im Neuengamme-Hauptprozess wurde das Todesurteil über den Oberbayern verhängt

1948/1949
Aus dem ehemaligen KZ Dachau wird der neue Ortsteil „Dachau-Ost“, eine Wohnsiedlung für zumeist aus Osteuropa stammende Flüchtlinge mit Kirche, Schule, Kindergarten und kleinen Läden; Block 3, die Station, in der medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt wurden, ist nun ein Lebensmittelladen; eine Kiesabbaufirma erhält für nebenan die Erlaubnis ein Massengrab, in dem man Tausende Ermordeter anonym verscharrt hatte, zu unterbaggern – ein eindeutiger Akt von Grabschändung; sowohl der bayerischen Regierung
als auch vielen ihrer Bürger ist sehr daran gelegen, dass endlich ’Gras’ über den Schandfleck in so unmittelbarer Nähe ihrer Landeshauptstadt ’wächst’

1952
Der bayerische Kardinal Michael von Faulhaber stirbt in München (12. 6.); zwar hatte der von einem seiner Bischöfe als Autokrat von „hoheitsvoller Kälte“ bezeichnete katholische Kirchenobere sein Wort für getaufte Juden eingelegt, nicht jedoch den nationalsozialistischen Antisemitismus (geschweige den Antiziganismus) an sich kritisiert oder gar aktiv bekämpft, vielmehr seinen Klerus gehorsam dem NS-Regime unterstellt und Kontakte zum Widerstand entschieden abgelehnt; Loyalität Hitler und dessen Staat gegenüber, für ihn die „gottgesetzte“ Obrigkeit, galt ihm als höchstes Gebot; auch noch nach Ende der deutschen Diktatur gab der gebürtige Unterfranke durch seine Äußerungen („Man hat wochenlang Vertreter von amerikanischen Zeitungen und amerikanische Soldaten nach Dachau gebracht und die Schreckensbilder von dort in Lichtbildern und Filmen festgehalten, um der ganzen Welt bis zum letzten Negerdorf die Schmach und Schande des deutschen Volkes vor Augen zu stellen. Es wären nicht weniger schreckhafte Bilder, wenn man das furchtbare Elend, das durch die Angriffe britischer und amerikanischer Flieger über München und andere Städte kam … in einem Lichtbild oder Film hätte zusammenfassen können, wie das in Dachau geschehen ist.“) zu verstehen, dass er die Schwere der Verbrechen seiner Landsleute nicht erkannte oder nicht erkennen wollte

1955
Um bauliche Zeugen einer unrühmlichen Vergangenheit zu beseitigen, gibt ein Sprecher der Stadt Dachau den Abriss des Krematoriums des ehemaligen KZ Dachau bekannt; der Bürger-meister des Ortes vertritt immer noch die Meinung, bei vielen einstigen Häftlingen habe es sich um gewöhnliche Kriminelle oder politische Abweichler gehandelt, die „illegalen Widerstand gegen die damalige Regierung“ geleistet hätten; wenige Jahre zuvor war erst auf massiven Druck des Auslands hin im Krematoriumsgebäude eine inoffizielle Ausstellung über die dort geschehenen Verbrechen zustande gekommen, veranstaltet von einem Verband Überlebender; zwei Jahre später hatte die Dachauer Polizei die Ausstellungstücke abtransportiert; auch nach der jüngsten Ankündigung des Bürgermeisters bedarf es erst eines erneuten internationalen Proteststurms, ehe sich die bayerische Regierung einschaltet und den Abriss untersagt

1955
Der niederländische Holocaust-Überlebende Nico Rost besucht nach zehn Jahren erstmals wieder das ehemalige KZ Dachau; er ist entsetzt über das ganz ’normale’ Leben an diesem Ort und spricht später in seiner Broschüre „Ich war wieder in Dachau“, die er im Auftrag des Internationalen Dachau-Komitees veröffentlicht, von einem „System des absichtlichen Vergessens, der Undankbarkeit gegenüber den Besten aller Nationen“; nach seinen Angaben, war der geplante Abriss des Dachauer Krematoriums auf den gescheiterten Antrag mehrerer bayerischer Minister (!) zurückzuführen; später hätten sich die zuständigen Politiker darauf geeinigt auf dem Leitenberg, dem Ort eines Massengrabes, ein Kreuz und einen Davidstern zu errichten; noch heute stellt „Ich war wieder in Dachau“ ein Dokument der Schande dar, zugleich einen Beleg dafür wie man bereits zehn Jahre später Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern stilisierte, wie ferner eine feige, verlogene und schuldige Gesellschaft versuchte sich ihre Geschichte nach Gutdünken zurechtzuschneidern; Rost fordert zu Recht und mit Nachdruck eine würdige Gedenkstätte für alle Opfer und ein Museum in Dachau

1956
In seiner Heimatstadt München stirbt SS-Brigadeführer Erasmus Freiherr von Malsen-Ponickau (12. 6.); das Mitglied des Freikorps Epp, der NSDAP und der SS versah ab 1933 seinen Dienst im KZ Dachau; dort ereiferte er sich einmal in der Absicht Anzeichen zwischenmenschlicher Solidarität zu ersticken vor Hilfspolizisten: „Wenn einer unter Euch ist, der glaubt, es sind Menschen wie Ihr, soll er sofort nach links raustreten“; noch 1933 erfolgte seine Versetzung und Ernennung zum Polizeipräsidenten von Nürnberg-Fürth; nachdem er in ähnlicher Funktion auch noch in Frankfurt/Oder, Posen und Halle tätig wurde, verurteilte ihn 1946 ein polnisches Gericht zu sieben Jahren Haft

1959
In Erlangen stirbt (19. 11.) mit Otto F. Ranke der angesehene lang-jährige Vorstand des physiologischen Instituts Erlangen und seit 1947 Inhaber des Lehrstuhls dieser Disziplin; kurz vor der Jahrhundertwende in München geboren, war Ranke in jungen Jahren Mitglied der Organisation „Stahlhelm“, der SA und später des NS-Lehrerbundes geworden; ab 1936 hatte er eine außerordentliche Professur in Berlin inne, bevor man ihn zum Leiter des Instituts für Allgemeine und Wehrphysiologie der Militärärztlichen Akademie ernannte; als Spezialist für leistungssteigernde Mittel (Wärmeregulierung des Körpers bei Kälte) war er an Menschenversuchen im KZ Dachau beteiligt

1960
Nachdem er mehrere Jahre in Langenbrücken im Kreis Bruchsal als Praktischer Arzt eine unauffällige Existenz geführt hatte, stirbt in Wiesloch SS-Sturmbannführer Richard Krieger (12. 2.); der aus Kitzingen am Main stammende Mediziner war 1940 Standortarzt in Sachsenhausen, später in Mauthausen geworden und führte wegen seines Alters (Jahrgang 1876) den Spitznamen „Papa Krieger“; weitere Stationen seiner Laufbahn waren die KZs Belsen, Natzweiler, Dachau und ab August 1944 Buchenwald; ein französisches Militärgericht in Metz fällte 1954 in Abwesenheit das Todesurteil über den Franken

1960
In seiner Gedenkrede auf dem KZ-Ehrenfriedhof Dachau (12. 11.) erinnert und ermahnt Nico Rost vor allem die jungen Menschen in Bayern das schwere Erbe der nahen Vergangenheit mit Ehrfurcht zu tragen: „Ich habe gemeint, … auf die meist sehr hohe Moral bei den Lagerhäftlingen hinweisen zu müssen, weil gewisse Kreise, besonders in Ihrem Land, der Jugend noch immer weismachen möchten, dass in den KZ, also auch in Dachau, hauptsächlich Kriminelle saßen… Fordern Sie, … dass in den Schulbüchern vor allem in den Lehrbüchern für den Geschichtsunterricht, die letzten 25 Jahre ausführlich behandelt werden, … und dass man Ihnen die volle Wahrheit sagt! … Seid ihr, liebe junge deutsche Freunde mit diesem Wissen, mit dieser Kenntnis ausgerüstet, dann werdet Ihr verstehen, welch eine tiefe Beleidigung es für alle alten Dachauer war, dass bei der Einweihung der hiesigen Sühnekapelle ein Mann wie Hjalmar Schacht, gegen den im Nürnberger Prozeß das Todesurteil beantragt wurde, weil er als Finanzmann Hitlers einer der Hauptschuldigen war, dass dieser Mann als ’Ehrengast’ vorn in der dritten Reihe saß! … Seid ihr mit diesem Wissen, mit dieser Kenntnis ausgerüstet, dann werdet ihr nachfühlen können, welch große Beleidigung es sowohl für die Toten als auch für uns Überlebende des KZ Dachau war, dass ein Mann wie der frühere Bürgermeister von Dachau, ein gewisser Zauner, ohne dafür von euren Autoritäten zur Rechenschaft gezogen zu werden, behaupten konnte, dass im KZ Dachau hauptsächlich Kriminelle und Homosexuelle eingesperrt waren. Daß dieser Mann es wagen durfte, angesichts der so unendlichen und nie abzutragenden Schuld gegenüber den KZ-Opfern zu erklären, dass die Erinnerung an das KZ die Geschäfte der Dachauer schädigt…“

1962
In Dingolfing stirbt (2. 10.) mit SS-Oberführer Heinrich Deubel der Kommandant des KZ Dachau für die Zeitspanne Dezember 1934 bis März 1936; der aus Ortenburg stammende Niederbayer war zunächst Berufssoldat, Zollbeamter, Gründungsmitglied der NSDAP Passau und 1926 SS-Angehöriger geworden; aufgrund von Parteiintrigen enthob man ihn noch 1936 seiner KZ-Ämter und er wurde wieder Zollbeamter

1963
In Untersuchungshaft stirbt KZ-Kommandant und SS-Sturmbannführer Richard Baer (17. 6.); der gebürtige Oberpfälzer war zunächst Konditor gewesen, ehe er als NSDAP- und SS-Angehöriger 1933 zur Wachmannschaft des KZ Dachau stieß; nach Versetzungen in die Lager Oranienburg, KZ Columbia-Haus Berlin, Sachsenhausen, Buchenwald und Neuengamme wurde er vorübergehend Besatzungssoldat in Frankreich und Russland; 1941/1942 oblag ihm, diesmal als Adjutanten des KZ Neuengamme, die Selektion von Häftlingen in Euthanasieanstalten sowie die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener in einer speziellen Gaskammer; nach eineinhalbjähriger Tätigkeit im SS-Wirtschafts-Verwaltungsamt übernahm er als Kommandant zuerst das KZ Auschwitz I und dann Mittelbau Dora; 1945 bis zu seiner Festnahme 1960 schlug er sich u. a. als Waldarbeiter durch

1965
Dank der Initiative des Niederländers Nico Rost sowie des Internationalen Dachau-Komitees kann die Gedenkstätte KZ Dachau der Öffentlichkeit übergegeben werden (5. 5.); der KZ-Überlebende Rost legt besonderen Wert darauf, dass keine der ehemaligen Opfergruppen übergangen und jeder von ihnen in angemessener Weise gedacht wird; sowohl in der Stadt Dachau selbst als auch im übrigen Bayern war jedoch zuerst gegen entschiedenen Widerstand beträchtliche Überzeugungsarbeit zu leisten gewesen (woran auch die kritische internationale Berichterstattung einen nicht geringen Anteil hatte), ehe die Verantwortlichen in Bayern endlich das Startsignal für die Einrichtung der Gedenkstätte mit Archiv, Museum und Bibliothek gaben

1965
Das Landgericht Frankfurt a. M. verurteilt den KZ-Zahnarzt und SS-Hauptsturmführer Willi Frank (20. 8.) zu sieben Jahren Haft; man wirft ihm vor, über 6000 Häftlinge in die Gaskammern selektioniert zu haben; Frank, gebürtiger Regensburger, NSDAP-Mitglied und Teilnehmer am Hitlerputsch, war seit 1935 Zahnarzt und SS-Oberabschnittsarzt; ab 1940 gehörte er der Waffen-SS Dachau an und verrichtete anschließend seinen Dienst im SS-Lazarett Minsk (Weißrussland), in Wevelsburg, Auschwitz und zuletzt erneut in Dachau; nach 1945 war er als Zahnarzt in Stuttgart tätig gewesen

1967
Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau entsteht eine Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des deutschen Völkermords

1967
Das Landgericht Köln verurteilt SS-Untersturmführer Anton Streitwieser zu einer lebenslangen Haftstrafe; der aus Surheim stammende Oberbayer, Spitzname „der schöne Toni“, war 1934 Angehöriger eines Wachtrupps im KZ Dachau, ehe er sich zum Kommandanten verschiedener Nebenlager ’hinaufdiente’; bei seinen Häftlingen war besonders die Aufforderung „Wo ist der Lump?“ an seinen abgerichteten Schäferhund Hasso gefürchtet, den er gnadenlos auf sie hetzte; 1946 gelang Streitwieser die Flucht aus US-Haft und er tauchte unter; 1953 von einem Bonner Gericht für tot erklärt, wurde er drei Jahre später erkannt und verhaftet, wieder entlassen und schließlich erneut verhaftet

1968
In Straßburg stirbt (27. 3.) der Biochemiker Josef Kapfhammer; 1888 in Nürnberg geboren, war er dreißig Jahre später Ordinarius für physiologische Chemie, anschließend Dekan in Freiburg geworden; den Krieg über im Bereich Luftwaffenforschung tätig, nahm er an der „Seenot“-Tagung des Jahres 1942 teil und war somit in die Menschenversuche im KZ Dachau involviert; nach Kriegsende 1945 gehörte er dem fakultätseigenen „Reinigungsausschuss“ an, dem die Entnazifizierung des Instituts bzw. die von dessen Mitarbeitern oblag; 1956 wurde Kapfhammer mit allen Ehren und Bezügen in den regulären Ruhestand versetzt

1969
Eine seltsame und wenig christliche Moral offenbart der CSU-Politiker und spätere bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (1915-1988), wenn er feststellt: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen“

1973
Mit Ludwig Singer stirbt (26. 6.) der langjährige Leiter des Pathologischen Instituts in München; 1896 in Neu-Ulm geboren, war der Mediziner in der bayerischen Landeshauptstadt 1936 Professor und nach Kriegsbeginn Oberstabsarzt und „Luftgaupathologe“ geworden; am Städtischen Krankenhaus München-Schwabing tätig, hatte er entscheidenden Anteil an der Auswertung von häufig tödlich verlaufenden Experimenten an Häftlingen des KZ Dachau (Höhenversuche der Luftwaffe) gehabt

1974
In Dortmund stirbt (3. 7.) der Arbeitsphysiologe Gunther Lehmann; der aus Werneck stammende Unterfranke wurde 1934 Professor in Münster und 1938 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie in Dortmund; während des Krieges als Oberstabsarzt widmete er sich der Luftwaffenforschung (z. B. „Untersuchungen über die Einwirkungen von Sauerstoffatmung, Sauerstoffmangel und Pharmaka auf die Ermüdbarkeit“) und war an Menschenversuchen (Dachau) beteiligt; nach 1945 konnte er seine Karriere ungehindert fortsetzen (Direktor des Max-Planck-Instituts für Arbeitsphysiologie Dortmund, Honorarprofessor der TH-Hannover, Redakteur der Zeitschrift „Grenzgebiete der Medizin“, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates der Max-Planck-Gesellschaft u. a.

1978
Die vom Comité International de Dachau herausgegebene Broschüre „Konzentrationslager Dachau. 1933-1945“, für deren Redaktion Barbara Distel und Ruth Jakusch verantwortlich sind, erwähnt wie eine ganze Reihe ähnlicher zeitgenössischer und späterer Publikationen die Nachkriegsgeschichte der Gedenkstätte KZ Dachau mit keinem Wort – aus gutem Grunde

1979
In Tegernsee stirbt der höhere SS- und Polizeiführer bzw. SS-Obergruppenführer Friedrich Karl Freiherr von Eberstein (10. 2.), der bis dahin eine unauffällige Existenz als Bankkaufmann geführt hatte; der gebürtige Hallenser hatte Landwirtschaft studiert und als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen, war an der Niederschlagung von kommunistischen Aufständen beteiligt und Mitglied des „Stahlhelm“ geworden, ehe er kurzfristig ins Zivilleben zurückkehrte; 1928 trat er in die SS ein und war 1931 als Gausturmführer vorübergehend in München stationiert; sein weiterer Aufstieg brachte ihn 1936 erneut in die bayerische Landeshauptstadt, wo er u. a. zum Polizeipräsidenten und zum Leiter der Polizeiabteilung im bayerischen Innenministerium ernannte wurde; zugleich fungierte er als Gerichtsherr des KZ-Dachau; nach 1945 verhaftet und interniert, stufte ihn eine Münchener Spruchkammer als „Minderbelasteten“ ein und verurteilte ihn lediglich zu 30 % Vermögenseinzug bei einjähriger Bewährungsfrist

1980
In der Absicht die Vernichtung der Landfahrerkartei (die bayerische Polizei benutzt immer noch die Akten zu „Zigeunern“ aus der NS-Zeit) zu erzwingen, beschließen Sinti auf dem Gelände des bayerischen KZ Dachau einen Hungerstreik, den sie bei einer Pressekonferenz im Februar ankündigen; Widerstand bringt ihnen darauf nicht nur die „Schlösser- und Seen-Verwaltung“ (die im ehemaligen Konzentrationslager das Hausrecht innehat) als verlängerter Arm des Innenministeriums entgegen, sondern auch das (katholische) Erzbischöfliche Ordinariat, das befürchtet, ein auf dem KZ-Platz vorgesehener ökumenischer Gottesdienst könne als potentielle politische Demonstration angesehen werden; der bayerische Innenminister Gerold Tandler (CSU) verhängt daraufhin ein Verbot und begründet: „Das ehemalige KZ Dachau ist eine Gedenkstätte und soll dies auch bleiben. Es ist kein Forum für Demonstrationen zu aktuellen Problemen. An diesem Grundsatz wollen wir festhalten!“; ausgerechnet an dem Ort in Bayern, an dem zuallererst „Zigeuner“ eingeliefert und gequält worden sind, dürfen sie nicht gegen Missstände, die dort ihren Ausgang nahmen und bis in die Gegenwart ihr Leben beeinträchtigen, demonstrieren; am Ende bietet die Evangelische Kirche den Sinti und Roma ihre Kapelle auf dem KZ-Gelände als Ort der Zusammenkunft sowie eines ökumenischen Gottesdienstes an und hier kann auch der Hungerstreik stattfinden (4. 4.-11. 4.); nach fünf Tagen, inzwischen hatte es Sympathiebekundungen aus der ganzen Welt für die Aktion gegeben, u. a. durch Prominente wie Yul Brynner, Heinrich Böll, Yehudi Menuhin, Willy Brandt, erscheint als Vertreter des Innenministeriums Staatssekretär Franz Neubauer (CSU) um zu verhandeln; mit einem äußerst faulen Kompromiss geht dieses Kapitel bayerischer Sinti- und Roma-Geschichte zu Ende; die Ordensschwestern des auf dem KZ-Gelände angelegten Karmelitinnenklosters unterstützten anscheinend – im Gegensatz zur Bistumsleitung – die Aktionen der Sinti

1980
Als ein Sinti-Musiker mit Ausbildung am Konservatorium in der Dachauer St. Jakob-Kirche eigene Kompositionen spielt und auch auf Einladung des Pfarrers predigt, beschweren sich Kirchenbesucher: „Jetzt dürfen Zigeuner schon in der Kirche reden!“; der eingeschüchterte Geistliche schweigt und ergreift nicht Partei für den Sinto

1980/1981
Der Hungerstreik der Sinti auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau wird zum Anlass für die Gründung eines Dachauer Bürgerkomitees, das sich bemüht aktiv Vorurteile und Hass gegenüber der Minderheit abzubauen; neben Komitee-Sprecherin Birgit Lang engagieren sich Peter Kuhn, Dieter sowie Inga Berger, Gerd Kummet, Tina Kriechbaumer und andere, insgesamt 15 Bewohner des Ortes; ein Kulturtag mit Dokumentation, Fotoausstellung, Sintigästen, die ihre künstlerischen Arbeiten (Geigenbau, Holzschnitzkunst, Ikonenmalerei, Marionettenspiel, Musikdarbietungen) präsentieren, zieht sowohl Sinti aus München als auch Angehörige der Dachauer Mehrheitsbevölkerung an; jedoch sind der Widerstand der konservativen Majorität im Dachauer Stadtrat (CSU, ÜB) bzw. Feindseligkeit („Sans no net verreckt, die Krippl‘n?“) oder Gleichgültigkeit bei deren Wählern gegenüber den Belangen und Forderungen der Minderheit, etwa nach einem Kulturzentrum, beträchtlich

1981
Im Alter von 95 Jahren stirbt (19. 5.) Rot-Kreuz-Schwester und NS-„Hinterfrau“ Eleonore Baur; aus ärmlichen Verhältnissen stammend, war sie beim Orden des „Gelben Kreuzes“ ambulante Pflegerin geworden; nach dem Ersten Weltkrieg fand sie beim paramilitärischen und rechtsradikalen „Bund Oberland“ eine neue Wirkungsstätte; sie erlebte die blutige Niederschlagung der Räterepublik, Saalschlachten der SA und den Hitler-Putsch aus nächster Nähe mit; seit 1920 mit dem „Führer“ befreundet, erwarb sich „Schwester Pia“ (pia = die Fromme) bald auch bei den übrigen späteren NS-Funktionären hohes Ansehen; ihre eigentliche Karriere begann nach der Machtergreifung: als einzige Frau in den Rang einer SS-Oberführerin und Ehrenoberin der nationalsozialistischen Schwesternschaft erhoben, verlieh man ihr auch noch den Blutorden und das Recht auf uneingeschränkten Zugang zum KZ Dachau; sie erreichte, dass ihr Haus in Oberhaching bei München die offizielle Bezeichnung KZ-„Arbeitskommando Pia“ erhielt und von Häftlingen zu einer Villa mit eigenem Bunker ausgebaut wurde; ebenso abscheuerregend wie unzweideutig sind Berichte über widerwärtigste Schikanen und ungezügelten Sadismus mit denen sie KZ-Häftlinge traktierte, sie sexuell ausnützte oder erbarmungslos SS-Erschießungskommandos überstellte; gleichzeitig propagierte sie als Rednerin auf Großveranstaltungen Sterilisation ebenso wie „Rassereinheit“; mit den KZ-Medizinern Schilling und Rascher gut bekannt, wohnte sie Experimenten an Häftlingen „mit perverser Neugier“ (Zeugenaussage) bei oder verhinderte mit der Begründung „Es ist für Deutschlands Soldaten!“, dass Opfer betäubt wurden; nach Kriegsende zwar als „Hauptbelastete“ eingestuft und 1949 von der Hauptspruchkammer München zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, kam sie bereits im darauffolgenden Jahr wieder frei, nachdem katholische Ordensleute Fürsprache für sie eingelegt hatten; als ehemalige Dachau-Häftlinge konnten sie das Gericht davon überzeugen Eleonore Baur sei „ein Engel der Gefangenen“ gewesen; durch eine üppige Pension abgesichert, verbrachte sie ihren langen Lebensabend in ihrem von Sklavenarbeitern veredelten Heim; dass ihre Todesanzeige im „Münchner Merkur“ („Ihre Ehre hieß Treue – ihr Leben galt Deutschland“) den Leitspruch der SS enthält, fällt in einem Land wie Bayern, in dem die eigene Geschichte lediglich aus kulturellen Glanzlichtern und Tabus besteht, nur ’Eingeweihten’ noch auf

1988
Kurz nach Bezug der neuen Zentrale des Münchner Goethe-Instituts an der Dachauer Straße veranlasst der Präsident der Einrichtung, Klaus von Bismarck, dass der Haupteingang in einen Seitenflügel an einer Querstraße verlegt wird, um bei der Postanschrift jeden Bezug zum ehemaligen KZ Dachau zu vermeiden; dieses Vorgehen bezeichnet der Bürgermeister von Dachau nicht ganz ungerechtfertigt als Heuchelei der Münchner, da, wie er argumentiert, von deren „Hauptstadt der Bewegung“ aus schließlich die Anlage des KZ’s einst initiiert worden sei

1988
Das bayerische Kultusministerium verfügt, dass künftig an allen Schulen des Freistaates über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung zu sprechen ist; entsprechendes Lehrmaterial und Bücher sollen in allen Lehrer- und Schülerbüchereien bereit liegen; Hintergrund dieser Initiative ist der 50. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 und ein beschämend geringes Wissen vieler Bayern hierzu

1989
Erstmals erscheinen in deutscher Sprache die „Geschichten aus Dachau“ des in München geborenen französischen Historikers Joseph Rovan; als Mitglied der Résistance in Frankreich von Deutschen verhaftet und im August 1944 selbst in das bayerische KZ eingeliefert, berichtet er aus eigenem Erleben; auch wenn er Sinti und Roma nur am Rande erwähnt, stellen seine Ausführungen über den Lageralltag, die Hierarchie unter den Häftlingsgruppen, das Verhältnis der Bewacher zu ihren Gefangenen, die Bestrafungen und die Einzelcharakterstudien bayerischer SS-Angehöriger eine große Bereicherung zum Verständnis des Phänomens KZ-Dachau dar

1989
Im nahe München gelegenen Gauting wird ein Mahnmal errichtet, das an die Dachauer Todesmärsche erinnern soll; der Bürgermeister der Gemeinde, Ekkehard Knobloch, hatte eigens eine Ausschreibung für Mahnmale entlang der Strecke, auf der einst der Häftlingszug getrieben worden war, initiiert, doch hatten nur einige der angeschriebenen Gemeinden ihre Zustimmung signalisiert; die Bürgermeister von Starnberg, Königsdorf, Geretsried, Gmünd und Tegernsee reagierten ablehnend oder unkooperativ („Wir haben bereits genug Denkmäler!“)

1990
Ihren in hohem Alter verstorbenen langjährigen Mitarbeiter Otto Ambros würdigt die BASF/Knoll AG in einer Todesanzeige als: „Eine ausdrucksvolle Unternehmerpersönlichkeit von großer Ausstrahlungs-kraft“; der gebürtige Oberpfälzer war 1926 zum Konzern IG Farben (dem Vorgänger der BASF) gekommen, hatte als Chemieprofessor bald einen Vorstandsposten inne, wurde NSDAP-Mitglied, Giftgasexperte, Sonderbeauftragter Görings, Leiter des Sonderausschusses Chemische Kampfmittel, sowie Betriebsführer der Bunawerke der IG Auschwitz bzw. der Nervengasfabrik Dyhernfurth sowie der Lostfabrik Gendorf; wegen „Versklavung und Massenmord“ 1948 zu acht Jahren Haft verurteilt, entließ man den späteren Berater Adenauers, Aufsichtsrat bei Telefunken und einer Reihe weiterer namhafter Unternehmen jedoch vorzeitig; die IG Farben, lange Zeit das größte Chemieunternehmen der Welt, belieferten die KZs des „Dritten Reiches“ mit dem Gas, das zur Tötung von Häftlingen verwendet wurde

1991
In seiner Heimatstadt München stirbt der Chemiker Willibald Diemair (1. 7.); der Laborvorstand und stellvertretende Leiter der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie der Universität München, bzw. spätere Professor und Direktor des Instituts für Nahrungsmittelchemie der Universität Frankfurt hatte sich auf biosynthetische Eiweiße spezialisiert und war eingebunden gewesen in einen Versuch an 100 000 KZ-Häftlingen, denen man als Ersatznahrung täglich 50 Gramm Mycel, ein Abfallprodukt der Zelluloseherstellung, verabreichte; auch noch nach 1945 blieb der Oberbayer Leiter des genannten Instituts

1992
Mit Wilhelm Ammon stirbt (13. 12.) der langjährige Direktor der Lutherischen Landeskirchenstelle in Ansbach und Autor eines Kommentars zur bayerischen Kirchenverfassung; 1903 in Memmingen geboren, war der Jurist 1933 der SA beigetreten und hatte ab 1937 verschiedene hohe Richterämter innegehabt (u. a. im Reichsjustizministerium); 1941 war er Teilnehmer jener Berliner Tagung der höchsten Juristen des Reiches, anlässlich welcher u. a. über die Vernichtung lebensunwerten Lebens mittels Gas informiert wurde; zwar wurde der Schwabe wegen Mitwirkung an Unrechtsurteilen beim Nürnberger Juristenprozess 1947 zu zehn Jahren Haft verurteilt, jedoch befand er sich bereits drei Jahre später wieder in Freiheit und konnte schon bald die Versorgungsbezüge eines Ministerialrats genießen sowie sich der Kirchenarbeit zuwenden

1994
Die Bayerische Landeszentrale für Politische Bildung, eine Einrichtung, die für Schüler und interessierte Bürger Material zu Geschichte und Politik kostenfrei bereit hält, veröffentlicht ein schmales Heftchen zur Geschichte des bayerischen Konzentrationslagers Dachau; die schändliche Nachkriegsgeschichte der Gedenkstätte KZ Dachau und das Versagen von Regierung, Behörden sowie Bürgern des Freistaates werden weiterhin nicht thematisiert

1996
Hochbetagt stirbt (20. 3.) in München Albert Ganzenmüller, zuletzt Planungs-Ingenieur für Transportfragen beim HOESCH-Konzern; 1905 in Passau geboren, war er 1931 Mitglied der NSDAP sowie der SA geworden und 1942 zum stellvertretenden Generaldirektor der Reichsbahn aufgestiegen; in dieser Funktion war er zuständig für die Transporte in die Vernichtungslager; zwar wurde seit 1961 gegen den ehemaligen Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium ermittelt, jedoch musste der Prozessbeginn nach einem Herzinfarkt Ganzenmüllers 1973 ausgesetzt und 1977 ganz eingestellt werden

1998
Martin Walser hält anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine Rede vor der politischen und kulturellen Elite Deutschlands; dabei kritisiert er leidenschaftlich, dass die deutsche Öffentlichkeit ständig mit den Gräueln des Holocaust konfrontiert und in diesem Zusammenhang Auschwitz als „Moralkeule“ benutzt werde, um Deutschland einzuschüchtern; der gebürtige Bayer, der seine Herkunft gerne verleugnet, trifft mit seinen Worten den ’Geschmack’ des Publikums, das sich von den Plätzen erhebt und begeistert applaudiert

2000
Das Bielefelder Emnid-Institut befragte Jugendliche in Deutschland zu ihrem Geschichtswissen und stellt dabei fest (im August), dass jeder fünfte der zwischen 14 und 17jährigen noch nie etwas von Auschwitz gehört hat; eine weitere, neuere Studie ermittelt, dass auch der Begriff „Holocaust“ bei zwei Dritteln der Heranwachsenden unbekannt ist

2000
In München, Dorfen, Freising, Erding, Unterschleißheim, Aholming, Landshut, Floss, Deggendorf, Landshut, Amberg, Donaustauf, Vilshofen und Tiefenbach kommt es im Jahr 2000 zu teils gewalttätigen Übergriffen gegen Ausländer und Russlanddeutsche; in Dorfen und Regensburg verüben Täter Brandanschläge auf Ausländer- bzw. Übersiedlerwohnheime; Straftaten mit stark antisemitischem Hintergrund registriert die Polizei mehrfach in Weiden und in Regensburg; außerdem treten Rechtsextreme und Skinheads mit strafbaren Handlungen in München, Garching, Dorfen, Steinebach, Pfaffenhofen, Freilassing, Traunstein, Regensburg, Freising, Vaterstetten, Kirchasch, Gröbenzell, Dachau, Neumarkt, Beratzhausen, Landshut, Deggendorf, Obertraubling, Kelheim, Cham, Arnbruck, Weiden, Maxhütte-Haidhof, Atting, Amberg, Oberpöring, Pocking, Schwandorf, Schönberg und Strasskirchen in Erscheinung (Auswahl)

nach 2000
Seriöse Umfragen ergeben, dass in Deutschland 23 bis 36 % der Bevölkerung offene antisemitische Vorurteile hegt, mehr als in anderen europäischen Ländern; besonders in gutbürgerlichen deutschen Kreisen verbreitet sich diese bisher eher den unteren Schichten zugeschriebene (Geistes-) Haltung, so die Erkenntnisse von Soziologen; fast 70 % der Deutschen leiste offene „Erinnerungsabwehr“, ärgere sich, das Deutsche heute noch für Verbrechen an Juden verantwortlich gemacht werden – so die Resultate einer weiteren Umfrage; die zunehmende Zahl von Schändungen jüdischer Friedhöfe und anderer jüdischer Einrichtungen (2002: 78 derartige Vorfälle bzw. 2003: 115) in Deutschland weist in die gleiche Richtung

2001
Die Leitung der KZ-Gedenkstätte Dachau gibt eine öffentliche Erklärung ab (16. 9.): „In der Nacht vom 15. auf den 16. Sept. 2001 wurden die beiden, auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte befindlichen rekonstruierten Baracken geschändet. Mit roter Farbe wurden massiv antisemitische, antiisraelische und antiamerikanische Parolen, darunter auch Denunziationen gegen namentlich genannte Personen auf die Wände der Gebäude angebracht. Zahlreiche Wandelemente, hölzerne Einfassungen sowie Fenster sind durch die Farbe beschädigt…“

2001
Ausländerfeindliche Ausschreitungen mit zum Teil schwersten Körperschäden ereignen sich 2001 in München, Bad Aibling, Ebersberg, Erding, Deggendorf, Passau, Regensburg, Weiden, Landshut und Cham; Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verzeichnen die Polizeistatistiken für Bad Reichenhall, Gstadt am Chiemsee, München, Ingolstadt, Dachau, Regensburg und Weiden; Skinheads und Rechtsextremisten sind ferner für Straftaten und Polizeieinsätze in Grabenstätt, München, Ingolstadt, Ilmünster, Garmisch-Partenkirchen, Feldkirchen, Weilheim, Au in der Hallertau, Krailing, Leobendorf/Laufen, Vaterstetten, Anzing, Erding, Haar-Grasbrunn, Immenstadt, Regensburg, Deggendorf, Weiden, Schwandorf, Eggenfelden, Neustadt a. d. Waldnaab, Wölland, Cham, Steinach, Eilsbrunn, Beratzhausen und Landshut verantwortlich (Auswahl)

2002
Ein Gericht in München verurteilt (24. 1.) den Enkel des „Führerstellvertreters“ und Märtyrers der modernen politischen Rechten Rudolf Heß zu einer Geldstrafe, weil er im Internet einen Text verbreitet hatte, worin er die Krematorien im KZ Dachau als amerikanische Bauten bezeichnete

2004
Seriöse Umfragen weisen nach, dass 35 % der Deutschen Juden Rachsucht („Aug’ um Aug’“ etc.) und 45 % ihnen Geldgier vorwerfen; 23 % der Deutschen sind der Ansicht, Juden hätten in der deutschen Gesellschaft zuviel Einfluss, 43 weitere Prozent halten dies immerhin für möglich (zus.: 66 %); 14 % der Deutschen halten weiterhin fest am Klischee von der Schuld der Juden am Tode Jesu; ferner ergeben Straßenumfragen, dass die aktuelle Anzahl der Juden in Deutschland mit bis zu 6 Millionen angegeben wird, während es tatsächlich nur etwa 200 000 sind; eine Umfrage der Anti-Defamation League (ADL) bescheinigt den Deutschen mit einer bei 36 % der Befragten angetroffenen antisemitischen Einstellung den höchsten Prozentsatz unter zehn europäischen Ländern

2004
Eine Skinhead-Musikgruppe veranstaltet auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau ein Privatkonzert mit Liedern rechts-extremistischen Inhalts (20. 8.); die Texte solcher Nazibands, hier ein Beispiel der Gruppe „Macht und Ehre“, wollen provozieren, während sie gleichzeitig ein Weltbild reflektieren, das durch die Aufklärungsversuche moderner ’Vergangenheitsbewältiger’ nicht beeinflussbar erscheint:

Komm mal her, du altes Judenschwein ich trete dir mal die Fresse ordentlich ein
Du bist der letzte Abschaum und musst hängen am nächsten Baum
An der Pappel leuchtest du wirklich gut, du stinkendes Judenblut
Mit dem Waschen haben wir keine Sorgen, denn Juden sind als Seife geboren

Siehe auch:
www.sintiromabayern.de