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Wladimir Kaminer: Sekt und Selters im Heidelberger Karlstorbahnhof

Der russisch-jüdische Schriftsteller Wladimir Kaminer, der mit seinen Erzählbänden „Russendisko“ und „Militärmusik“ berühmt und mit seiner Russendisko berüchtigt wurde, hat mittlerweile 12 Bücher veröffentlicht. Jetzt machte er wieder im Heidelberger-Karlstorbahnhof Station, um sein neuestes Werk „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ zu präsentieren…

Von Anke Dreyer

„Wann war ich das letzte Mal in Heidelberg?“ fragt Kaminer etwas ratlos sein Publikum im ausverkauften Karlstorbahnhof. Lässig steht er auf der Bühne, an einen Tisch gelehnt, auf dem Zettel und sein neuestes Buch liegen und eine Flasche Mineralwasser steht. „Im Dezember“, ruft jemand aus dem Publikum. Kaminer stutzt etwas und verkündet lächelnd: „Dann orientiere ich mich daran, was nach Dezember passiert ist.“ Nimmt sein Buch vom Tisch und blättert, schaut ins Publikum und fragt: „Oder haben sie ein bestimmtes Thema, das sie hören möchten?“ Keiner hat einen bestimmten Wunsch und wartet nur darauf, dass Kaminer zu lesen beginnt, aber das Publikum wird auf eine harte Probe gestellt. Die Lesung war für 20:00 Uhr angekündigt, mittlerweile ist es fast 20:30 Uhr und los geht es immer noch nicht, denn Kaminer braucht mehr Licht. „Ich kann kaum etwas sehen“, ruft er nach oben. Licht kommt prompt und die Zuschauer nehmen es mit Humor. Vielleicht gehört es zur Show?

kaminerEndlich beginnt er aus seinem neuesten Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, die Geschichte „Die Helden des vorigen Jahrhunderts“ vorzulesen. Das Publikum erfährt etwas über die Flughelden der ehemaligen Sowjetunion, aber auch über Kaminer`s persönlichen Flughelden: Dracula. „Diesen Lebensstil von Dracula haben die Rumänen komplett übernommen, denn sie gehen nur nachts essen. Ich war mal im Urlaub dort und das beste Essen gab es nachts an einer Tankstelle“, klärt er sein Publikum auf. „Stimmt“, ruft ein Mann in der vordersten Reihe. „Ah, Sie kennen die Tankstelle!“, antwortet Kaminer lachend. Die Zuschauer sind begeistert. Kaminer liest schnell und unterstreicht seine Lesung durch viele Gesten und gibt den Zuschauern das Gefühl, dass er Freunden etwas vorliest. Immer erkundigt er sich bei den Anwesenden, ob er weiter lesen soll. Was stets bejaht wird. Spontan wechselt er zwischen den Geschichten aus seinem Buch („Wo spielt die Musik“ oder „Der rote Film“) und neuen Geschichten („Der Mauerpark“), die, wie er sagt, nicht mehr in sein Buch passten, da es schon auf dem Markt erschienen ist.

Neben privaten Begebenheiten bleibt auch die Finanzkrise von Kaminer nicht verschont. Während er stilecht, zur Geschichte von seinem Geldberater, eine Flasche Sekt öffnet, rollen gleichzeitig leere Bierflaschen durch die weniger betuchten Stuhlreihen der Zuhörer. Sein Geldberater rät ihm aufgrund der Finanzkrise kein Geld anzulegen sondern mit vollen Händen auszugeben und für die erbschleichenden Nachkommen Schokoladen-Krügerrand-Münzen im Schließfach zu deponieren. „Keine schlechte Idee“, findet Kaminer.

Nach seiner letzten Geschichte „Der Klettergarten“, in der er sich trotzt Ängste in schwindelnde Höhen begibt, um seiner Tochter zu imponieren, bedankt er sich beim Publikum und will wissen: „Haben Sie noch Fragen?“ Nein, die Zuhörer haben keine Fragen. Er lächelt verschmitzt und antwortet:“ Keine Fragen? Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür.“ Für diese spontane Ehrlichkeit erntet er noch mal Applaus und Lacher.

Wladimir Kaminer:
Es gab keinen Sex im Sozialismus. Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts
Goldmann Verlag 2009, 192 S.
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