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Israelischer Fußballklub stellt erfolgreiches Koexistenz-Modell vor

Auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland hält sich die Jugendmannschaft des israelischen Fußballvereins FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion vom 25.-28. Mai 2009 in Berlin auf. Mit der Einladung würdigt der Zentralrat das Engagement des Vereins für die Koexistenz jüdischer und arabischer Israelis und möchte das von den Spielern und Amtsträgern des Vereins vorgelebte Erfolgsmodell des gutnachbarlichen Zusammenlebens auch in der Bundesrepublik Deutschland vorstellen…

Während ihres Berlin-Aufenthaltes wird die Jugendmannschaft von FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion unter anderem mit dem Berliner Senator für Inneres und Sport, Herrn Senator Dr. Ehrhart Körting, dem Bundesvorsitzenden der Jungen Union, MdB Philipp Mißfelder, und Schülern der Jüdischen Oberschule in Berlin zusammenkommen. Herr Dr. Körting wird ein Turnier mit Teilnahme der israelischen Gäste, der U17- Jugendmannschaft von Hertha BSC Berlin und des Fußballteams der Axel-Springer-Journalistenschule eröffnen. Gegen die Jugendmannschaft des TuS Makkabi Berlin trägt FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion ein Freundschaftsspiel aus. (Die beiden Fußballveranstaltungen sind medienoffen, Details s.u. im Anschluss an die Pressemitteilung).

FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion ist der einzige jüdisch-arabische Fußballverein Israels. Selbstverständlich spielen jüdische und arabische Fußballer in vielen anderen israelischen Teams zusammen, doch hat sich FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion nicht nur sportliche Erfolge, sondern auch die Förderung der Koexistenz beider Volksgruppen ausdrücklich als Ziel gesetzt. Der Verein stellt eine volle und paritätische Partnerschaft zwischen den beiden westlich von Jerusalem gelegenen Ortschaften, dem jüdischen Mevasseret Zion und dem arabischen Abu Gosch dar. Der sechsköpfige Vorstand besteht aus drei Arabern und drei Juden.

Der jüdische Präsident des Vereins ist Dr. Alon Liel, ehemaliger Generaldirektor des israelischen Außenministeriums und Bewohner von Mevasseret Zion. Als Vereinsvorsitzender agiert der arabische Bauunternehmer Muhammad Jaber aus dem zwei Kilometer entfernten Abu Gosch. Auf dem Rasen stellen die Spieler aus Abu Gosch nur rund ein Drittel des Kaders, doch liegt das ausschließlich an den Größenverhältnissen beider Ortschaften: 7.000 Bürgern von Abu Gosch stehen 27.000 Einwohner von Mevasseret Zion gegenüber.

Der FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion spielt in der Regionalliga Süd. Dies ist die dritthöchste Liga des Landes. Die Mannschaft hofft, in der kommenden Saison in die Nationalliga (zweite Liga) aufzusteigen.

Das Turnier findet am 26.5.09 im Amateurstadion Hertha BSC, Hanns-Braun-Straße, am Olympiastadion statt. Der Anpfiff ist für 17.30 Uhr geplant.
Das Spiel gegen Makkabi Berlin findet am 27.5.09, Julius-Hirsch-Sportplatz, Harbigstraße 40, Berlin-Charlottenburg statt. Spielbeginn: 18.30 Uhr.

hapoel
FC Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion

Grußwort des Zentralrats
an die Jugendmannschaft des jüdisch-arabischen Fußballvereins Hapoel Abu Gosch/Mevasseret Zion

„Liebe junge Freunde,

Fußball ist mehr als Sport. Fußballspiele sind der Brennpunkt von Emotionen, wie sie kaum eine andere Sportart auszulösen vermag. Wenn der Ball über den Spielplatz rollt, hängen Millionen von Menschen am Fernsehbildschirm und projizieren ihre Siegeshoffnung auf das runde Leder. Triumphe auf dem Fußballspielplatz bestimmen das kollektive Selbstwertgefühl kleiner Dörfer wie ganzer Nationen rund um den Globus mit. Fußballbegeisterung eint Jung und Alt, Arm und Reich, Fachmann und Laien. In dem Überschwang der Gefühle kann es aber auch zu Feindseligkeit gegenüber dem Andern, zu Spannungen unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen, im Extremfall zu Rassismus und Gewalt kommen. Wie wir leider fast wöchentlich in deutschen Stadien anschaulich vorgeführt bekommen. So gilt es, die Lichtseiten des Fußballs zu fördern und die dunklen Kräfte, die das weltweit beliebteste Spiel umgeben, zu bändigen.

Deshalb freut sich der Zentralrat der Juden in Deutschland besonders, Sie, die Spieler und Betreuer des Jungendteams von Hapoel Abu Gosch / Mevasseret Zion in Berlin begrüßen zu dürfen. In den beiden beschaulichen Orten führt Ihr Fußballverein vor, wie aus dem kulturellen, sprachlichen, religiösen und ethnischen Anderssein von zwei Bevölkerungsgruppen Gemeinsamkeiten geschmiedet werden kann, wie aus Nachbarn Freunde werden.

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, Ihren Klub in der Bundesrepublik vorzustellen. Mag sein, dass das kleine Israel der Fußballweltmacht Deutschland in Sachen Torschießen nicht allzu viel beizubringen vermag – auch wenn wir um die zunehmende Integration Israels und israelischer Spieler im europäischen Fußball durchaus wissen. Indessen geben Sie, arabische Israelis aus Abu Gosch und jüdische Israelis aus Mevasseret Zion, nicht nur im Ihrem eigenen Lande, sondern auch über dessen Grenzen Anschauungsunterricht für die segnungsreiche Wirkung, die Fußball auch in einem komplexen, ja komplizierten gesellschaftlichen Umfeld entwickeln kann.

Dafür möchten wir Ihnen danken und Sie ermutigen, ihren deutschen Gesprächspartnern auch zu erzählen, wie Probleme, die das Zusammenleben und Zusammenspielen gelegentlich mit sich bringen können, beim FC Hapoel Abu Gosch / Mevasseret Zion bewältigt werden. Die Fähigkeit zur Koexistenz zeigt sich nämlich nicht in der Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern im erfolgreichen Umgang mit ihnen.

Wir heißen Sie willkommen. Ahlan wa-Sahlan und Bruchim Ha-Baim.“

Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland

Abu Gosch ist eine der bekanntesten arabischen Gemeinden in Israel. Die Einwohner des malerischen, in den Judäischen Bergen rund zehn Kilometer westlich von Jerusalem gelegenen Dorfes haben bereits vor Israels Staatsgründung gute Beziehungen zu den jüdischen Nachbarorten gepflegt. Die Wirren des Unabhängigkeitskrieges von 1948/49 gingen an Abu Gosch nicht spurlos vorbei, doch überstand der Ort die Kämpfe weitgehend intakt.

Für Tausende und Abertausende jüdischer Israelis ist Abu Gosch ein kulinarisches Paradies. Die zahlreichen Restaurants ziehen vor allem am Schabbat (Samstag) hungrige Menschenmassen aus dem nahen Jerusalem, aber auch aus dem 50 Kilometer entfernten Tel-Aviv an. Wer am wöchentlichen Ruhetag um die Mittagszeit den Delikatessen von Abu Gosch zusprechen will, muss schon mal einen kleinen Stau an der Ortseinfahrt in Kauf nehmen. Besonders berühmt ist der Hummus von Abu Gosch – die in ganz Nahost verbreitete Kichererbsenpaste, die auch in Israel von nahezu jedermann, ohne Ansehen von Volkszugehörigkeit, Religion und Kulturkreis konsumiert wird. „Hummus Abu Gosch“ ist eine auch über Israels Landesgrenzen bekannte Spezialität, und natürlich wetteifern mehrere Restaurants um die Ehre, den besten Hummus des Landes anzubieten.

Indessen ist Abu Gosch mehr als nur ein Treffpunkt der Gourmets. Musikfreunde kommen hier ebenfalls auf ihre Kosten. Zweimal im Jahr findet in Abu Gosch ein weltberühmtes Musikfestival statt. Gespielt und gesungen wird in den beiden Kirchen, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Jerusalemer Umlands gehören: Einer alten, gut erhaltenen Kreuzfahrerkirche und in der modernen Notre Dame Arche D’Alliance. In jüdischer Tradition wird Abu Gosch mit Krijat Jearim, dem Ort, an dem die Bundeslade eine vorübergehende Bleibe fand, gleichgesetzt. In der christlichen Überlieferung ist Abu Gosch einer der Orte, die als das neutestamentarische Emmaus genannt werden. Gleichwohl sind alle Bewohner des Dorfes Moslems.

Und natürlich dürfen auch gekrönte Häupter in der Geschichte der Siedlung nicht fehlen. Einer Überlieferung zufolge erhaschte Richard Löwenherz von Abu Gosch aus einen Blick auf die Heilige Stadt. Am 29. Oktober 1898 ritt Kaiser Wilhelm II. während seiner Palästinareise hoch zu Ross durch Abu Gosch. Bis zum Ende der Osmanenära beherbergte Abu Gosch auch die Residenz des deutschen Konsuls im türkisch regierten Palästina.

In Mevasseret Zion verbindet sich das Alte mit dem Neuen. Der Name der 27.000-Seelen-Gemeinde bedeutet „Verkünderin Zion“ und entstammt dem Buche Jeschajahu (Jesaja). Dort heißt es: „Auf einen hohen Berg steig, Verkünderin Zion“ (Jeschajahu 40,9). Dennoch ist die Stadt jung. Sie entstand 1964 aus der Verschmelzung von zwei Pioniersiedlungen: Maos Zion und Mevasseret Jeruschalaim. Da bot sich die biblische Kombination Mevasseret Zion geradezu an.

In Mevasseret, wie die Stadt von ihren Einwohner kurz genannt wird, erlebt man Israels menschliche Vielfalt. Kinder und Enkel von Immigranten aus Marokko, Kurdistan oder Persien leben in Mevasseret ebenso wie Nachfahren deutscher, polnischer, rumänischer oder ukrainischer Juden. Zudem befindet sich in Mevasseret Zion das landesgrößte Einwandererheim, in dem Immigranten aus Äthiopien auf ihr neues Leben im jüdischen Staat vorbereitet werden.

Zu den alteingesessenen Familien gesellen sich immer mehr „Zugereiste“ aus Jerusalem, denen die Hauptstadt zu groß und zu eng geworden ist. Mevasseret ist weitgehend Schlafstadt, entwickelt sich aber zunehmend zum Einkaufs- und Freizeitzentrum für umliegende, kleinere Gemeinden – jüdische wie arabische, darunter auch Abu Gosch. Auch an die Gründung einer Gewerbeansiedlungszone vor der Stadt wird gedacht. Im „Harel-Einkaufszentrum“ trifft man oft religiöse Juden aus dem Ausland, vor allem aus den USA. Sie laben sich an Hamburgern und Pommes frites im koscheren McDonalds – ein Genuss, der ihnen in den nichtkoscheren Restaurants der Fast-Food-Kette in ihren Heimatländern versagt bleibt.

Historienbewusste Besucher können das „Castel“ aufsuchen – die Überbleibsel eines alten Forts. Ursprünglich hatte die römische Besatzungsmacht die auf einer am Weg nach Jerusalem gelegenen Anhöhe eine Befestigung errichtet. Mehr als eintausend Jahre später erkannten auch die Kreuzfahrer die strategische Bedeutung des Hügels und bauten dort ihr eigenes Fort, das Castellum Belvoir, dessen Ruinen bis heute erhalten sind und unter Denkmalschutz stehen. Und heute noch fragt manch ein Kind, das von seinen Eltern mühsam bergauf geschleppt wird: „Wo ist der Prinz, der hier mal gewohnt hat?“

In beiden Ortschaften, Abu Gosch wie Mevasseret, wird die gutnachbarliche Zusammenarbeit geschätzt und gepflegt. Neben der Fußballmannschaft unterhält der gemeinsame Sportklub Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion inzwischen auch ein Basketballteam. So entsteht zunehmend ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als die Baubehörden Abu Gosch die Genehmigung zur Errichtung einer dringend benötigten, neuen Moschee erteilten, beglückwünschte die Lokalzeitung von Mevasseret Zion „Zman Mevasseret“ mit einer großen Überschrift. Aus der Zusammenarbeit gingen auch zahlreiche persönliche Freundschaften hervor. Die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Partnerorten gelten deshalb als ein nachahmungswertes Modell der Koexistenz.