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Alles für den guten Ruf einer KZ Gedenkstätte

Was kritische Fragen auslösen können, ist Michael Wolffsohn seit langem bewusst. Dem Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr kann so leicht nichts mehr überraschen. Morddrohungen, die Forderung linker Politiker, seinen Lehrstuhl zu räumen, Hetztiraden von Nazis und Islamisten, ihm wurden bereits vielfältige Reaktionen geboten. Über eine Unterlassungsklage der ehemaligen Gedenkstättenleiterin von Dachau wunderte er sich dann aber schon…

Von Doris Kalveram

Indem sich Wolffsohn als Kulturdezernent der jüdischen Gemeinde München an Vorstandskollegen und Mitarbeiter in einer internen Mail gewandt hatte, soll er zur Verbreitung von Gerüchten gegen die pensionierte Kuratorin Barbara Distel beigetragen haben. Bereits vor der juristischen Klärung bangte die Süddeutsche Zeitung um den guten Ruf der KZ Gedenkstätte Dachau – und der übliche Verdächtige stand für das Blatt bereits vor dem Urteil fest. „Michael Wolffsohn als Gerüchtekoch“, lautete die Schlagzeile.

Letzte Woche lehnte das Landgericht München die Klage gegen Michael Wolffsohn ab. (LG München I: Ehemalige Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte unterliegt mit Anspruch auf Unterlassen von Gerüchten – Urteil vom 28.04.2009)

Daten einer Gedenkstätte – Privatsache der Leitung ?

Barbara Distel, von 1975 bis 2008 in Dachau tätig, wollte damit Gerüchte um den widerrechtlichen Umgang mit Daten aus der Welt schaffen. Zur Entstehung trug jedoch nicht Wolffsohn, sondern eine ihrer letzten Amtshandlungen bei. Nachdem der Stiftungsrat bayrischer Gedenkstätten dem Wunsch der 65-Jährigen auf Verlängerung ihres Beschäftigungsvertrag nicht nachgekommen war, ging die Kuratorin im Juli letzten Jahres in Pension. Vorher ließ sie, nach eigener Aussage, die Festplatte ihres Dienst PC „bereinigen“. Deshalb kursierten Spekulationen über den Grund dieser Maßnahme. Handelte es sich dabei auch um Daten ehemaliger Häftlinge? Wurden möglicherweise Unterschlagungen gedeckt? Oder sollten nur private Schriftwechsel, die sich im Laufe der Jahre ergeben haben, unkenntlich gemacht werden?

Gerüchte sind immer unfair, weil der Betreffende sich schlecht gegen Vorwürfe verteidigen kann, die ihm gegenüber nicht geäußert werden. Andererseits bedeutet das Bereinigen einer Festplatte, dass sich Daten nicht mehr rekonstruieren lassen. Was gelöscht wurde, ist dann nicht mehr zu ermitteln. Weil es sich hier nicht um einen privaten Computer handelt, sind Fragen berechtigt.

Unter Verdacht der Süddeutschen Zeitung

Wie die ehemalige Kuratorin der Gedenkstätte Dachau auf die Anfrage aus der IKG reagierte, konnten Gemeindemitglieder dann in der Süddeutschen Zeitung nachlesen. Der angebliche „Gerüchtekoch“ Michael Wolffsohn wird in einem ersten Bericht mit einer Position gekennzeichnet, die in keinem Zusammenhang zur Thematik des Artikels steht. In der Vergangenheit habe Wolffsohn unter anderem erklärt, er würde die Androhung von Folter für ein legitimes Mittel gegen Terroristen halten, stellt die Süddeutsche Zeitung fest. Ein Folterbefürworter also? Als wäre es im TV Interview 2004 nicht um die Frage gegangen, ob die Androhung von Folter dann moralisch zu rechtfertigen ist , wenn nur mit diesem Mittel das Leben unschuldiger Menschen gerettet werden kann, zum Beispiel bei Kindesentführungen und zur Verhinderungen von Terroranschlägen. Eine Legalisierung von Folter stand für Michael Wolffsohn nie zur Diskussion. Aber als Sprecher der jüdischen Gemeinschaft, die sich zu ihrer Verbindung zum Staat Israel bekennt, bietet der Historiker eine ideale Projektionsfläche für alle Varianten antisemitischer Feindbilder.

Wer das ehemalige Musterlager der SS nicht schätzt …

In ihrer Dachau Regionalausgabe legte die Süddeutsche Zeitung mit zwei Beiträgen nach: „Gedenkstätte verteidigt Barbara Distel“ . Die gegenwärtige Leiterin der Gedenkstätte, Gabriele Hammermann bezeichnet darin die Gerüchte als „Schwachsinn“ und wer damit „hausieren“ gehe, würde ihrer Vorgängerin und der Gedenkstätte schaden. Gemeint ist damit Michael Wolffsohn. Mit seiner Person setzt sich der nächste Artikel auseinander. „Ein dummes Gerücht und viele Fragen“: Der Professor für Neuere Geschichte, der „schon mehrmals durch Provokationen aufgefallen“ sei und andererseits islamisch – jüdische Freundschaftsprojekte initiieren soll, würde die KZ Gedenkstätte Dachau nicht gerade schätzen. Man kann gute Restaurants schätzen, aber Friedhöfe? Zur Begründung wird ein Kommentar von Wolffsohn (2001 in der „Welt“) erwähnt, in dem er seine Gedanken in Dachau beschreibt.

Die Süddeutsche Zeitung erklärt dazu: „In der Rolle des Gerüchtekoch setzt er sich dem Verdacht aus, in Erinnerung an das Dachauer „Disneyland“ das Gerücht über Distel allzu gerne weiter verbreitet zu haben.“ Vorher ein großzügiges Zugeständnis: „Natürlich darf Wolffsohn, der Enkel eines jüdischen Dachau Häftlings, wie jeder auch negative Gefühle ausdrücken, die die Gedenkstätte in ihm wachruft.“ Welche positiven Gefühle sollte eine KZ Gedenkstätte auslösen – Dankbarkeit dafür, dass es sie gibt ?

Dachau heute : Hölle plus Disneyland

Als „Hölle plus Disneyland“ bezeichnet Michael Wolffsohn den Ort, der zwischen 1933 bis zur Befreiung durch die amerikanische Armee am 29.04.1945 für mehr als 200000 Menschen die Hölle auf Erden bedeutete. Mehr als 43000 Menschen wurden in Dachau ermordet. Heute Disneyland ? Zweifel an der Form der Präsentation werden seit langem geäußert, nicht nur von Wolffsohn. Durch den Versuch, Besuchern der heutigen Idylle- im Vergleich zur Realität der Gefangenen, die systematischen Entwürdigung in den Lagern visuell zu vermitteln, werden die Gequälten der Vergangenheit zu Objekten heutiger Betrachter. Niemand will seine Vorfahren als menschliches Anschauungsmaterial zur Mahnung zukünftiger Generationen sehen. Daran ändert auch die Intention von Verantwortlichen deutscher Gedenkstätten nichts, „Erinnerungsarbeit“ zu leisten.

Von „Holocaust-Pornographie“ sprechen Kritiker, wenn Fotos nackter Menschen in Todesangst präsentiert werden. Und was vermitteln die restaurierten Gebäude den Betrachtern, was wird wahrgenommen? Eine Bildunterschrift beim „virtuellen Rundgang“ auf der Website der Gedenkstätte Dachau zeigt, aus welcher Perspektive sich der Blick richten kann: „Aufnahme der SS im Innenraum einer Baracke 1941. Die penible Sauberkeit in den Baracken war in der Lagerordnung vorgeschrieben und wurde mit Terror gegenüber den Häftlingen durchgesetzt.“ Zu sehen ist eine Anzahl schmaler Schränke, wie in einem leeren Umkleideraum einer alten Sporthalle – aufgeräumt und gereinigt.

Eine Verschwörungstheorie darf nicht fehlen

Zielsicher hätte Wolffsohn das Gerücht über die ehemalige KZ Gedenkstättenleiterin in die Israelitische Kultusgemeinde getragen. Und nach der falschen Behauptung, Wolffsohn hätte zuletzt die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert, entwickelt die Süddeutsche Zeitung ihre Verschwörungstheorie: „Denn vielleicht wollten die Strippenzieher genau das: nicht nur Distels Person, sondern die KZ Gedenkstätte in Verruf bringen. Wer hinter dem Gerücht steht, es Wolffsohn zugetragen hat, auch diese Frage wird das Gerichtsurteil Ende April nicht klären. Vermutungen weisen in Richtung Landeszentrale für politische Bildung, in der nicht erklärte Freunde Distels sitzen.“

Zu diesen „Vermutungen“ äußerte sich Dr. Peter März, Direktor der Bayrischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, im Interview:

Gab es Nachfragen der Süddeutsche Zeitung bei der Landeszentrale ?
Dr. März : Nein, von den Vorwürfen gegen Mitarbeiter unserer Einrichtung haben wir erst erfahren, nachdem der Artikel erschienen war.
Der Bericht suggeriert ein dubioses Zusammenwirken zwischen Prof. Wolffsohn und Ihren Mitarbeitern. Wie beurteilen Sie den Vorwurf, eine KZ Gedenkstätte und deren ehemalige Leiterin in Verruf zu bringen ?
Dr. März : Diese Unterstellungen sind absurd.
Wenn von „Strippenziehern“ und “ nicht erklärten Freunden “ von Frau Distel gesprochen wird,
handelt es sich mutmaßlich um einen Versuch, die Arbeit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit zu diskreditieren.

Inzwischen erschien eine Richtigstellung in der Regionalausgabe der Süddeutschen Zeitung.
Die Behauptung, Prof. Michael Wolffsohn hätte die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert, wird zurückgenommen. Der Autor der Süddeutschen Zeitung wurde falsch informiert.
Vielleicht sollte seine Chefredaktion in München ihr Archiv von Gerüchten befreien.
Sachliche Berichte im Nachhinein, wenn nach einem Gerichtsurteil keine andere Möglichkeit bleibt, ändern nichts an dem Versuch, Fakten durch Ressentiments zu ersetzen.