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Hüter eines geplünderten Schatzes

Tschechische und deutsche Juden: In Prag lebten sie in einer einzigartigen Mischung zusammen, bis die Nazis alles zerstörten. Nur wenige kennen diese blühende Ära noch aus eigenem Erleben. Sie wollen das Erbe nicht nur vor dem Vergessen retten, sondern heute politisch nutzbar machen…

Von Klaus Brill
Süddeutsche Zeitung v. 17. April 2009

Es gibt sie noch, die davon erzählen können. Vom alten Prag, bevor es vergessen ist. Von den Juden in Prag in jener Zeit, in der es gar nicht so besonders zählte, ob einer Jude war oder nicht. Es war die Zeit, ehe die Nazis kamen, und die Zeit, in der die Prager Juden noch nicht die Mundharmonikas, die Thermometer und die Fotoapparate abgeben mussten, in der sie noch die Zeitungen in den Schaukästen lesen und wie die anderen in der Elektrischen fahren durften. Es war das alte Prag, „das nie mehr kommen kann“, wie der pensionierte Verleger und Politik-Berater Tomas Kosta sagt. „Das ist für immer verloren, leider“, sagt auch Pavel Oliva, emeritierter Professor für Ältere Geschichte. Nur hier und da erscheint ein Buch darüber, wird eine Ausstellung eröffnet oder eine Diskussion veranstaltet, bei der die Zeitzeugen, alle schon über 80 jetzt, erzählen, wie in Prag einmal die Tschechen und die Deutschen und die Juden unter ihnen auf sehr spezielle Weise miteinander und aneinander vorbei gelebt haben.

Tomas Kosta gehört zu denen, die diese Zeit und das, was ihr so grausam das Ende bereitete, nicht einfach dem Vergessen anheimgeben, sondern heute politisch nutzbar machen wollen. Er hat deshalb vor kurzem in Prag ein Buch über sein Leben publiziert, er würde das gerne auch in Deutschland tun, und er sagt beim Gespräch in seiner Prager Wohnung: „Der Herrgott hat mich überleben lassen, damit ich die Versöhnung jetzt hier machen kann.“ Und Professor Oliva gibt bei einer langen Unterhaltung an einem der großen Fenster des Café Slavia einen interessanten Hinweis darauf, wie das, was vor 70 Jahren passiert ist, bis heute nachwirkt und was es mit dem berühmten tschechischen Euroskeptizismus zu tun hat.

Vor 70 Jahren, am 15. März 1939, marschierten in Prag die deutschen Truppen ein, von Adolf Hitler geschickt. Tomas Kosta, damals 14 Jahre alt, hat es miterlebt und erinnert sich präzise, wie die Besatzer auf den Wenzelsplatz kamen. Vorne an den Absperrungen standen Prager Deutsche und hießen die Invasoren mit Hitler-Gruß willkommen. Er selber stand hinten neben Tschechen, die weinten. Für die Prager Juden, zu denen Tomas Kosta und Pavel Oliva gehören, war dies ein sehr gefährlicher Tag. Es begann die Verfolgung, und es endete eine Ära der Koexistenz, die für immer versunken ist.

Juden lebten in Prag seit dem 10. Jahrhundert. Schon im Mittelalter kam es mehrfach zu Pogromen der christlichen Nachbarn, 1389 besonders arg. Bis zum Dreißigjährigen Krieg vermehrte sich die Zahl der Prager Juden auf 5000, ihr Ghetto war eine Stadt in der Stadt, mit zwölf Synagogen, eigenem Rathaus und Krankenhaus, mehreren Schulen. Manches davon, in Sonderheit der alte Friedhof und die Synagogen, zählt heute zu den attraktivsten Prager Touristenzielen. Hunderttausende aus aller Welt lauschen Jahr um Jahr in der Josefstadt, dem einstigen Ghetto, den Erzählungen der Fremdenführer über den Rabbi Löw, den Golem und den Bürgermeister Maisel, den Bankier des Kaisers. Prag war damals eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas.

Die Lage wandelte sich im späten 19. Jahrhundert, als zwischen Tschechen und Deutschen, die in Böhmen und Mähren über Jahrhunderte zusammenlebten, der Nationalismus aufflammte. Die Juden, teils den einen, teils den anderen zugehörig, versuchten, „als blinde Passagiere in dem Nationalitätenhader durchzukommen“, wie später der Zionisten-Führer Theodor Herzl schrieb. Die Volksgruppenzugehörigkeit war für manche Juden eindeutig klar, für andere wandelbar, zumal in jenen Jahren der industriellen Revolution, als viele Tschechen vom Land nach Prag zogen. Oft war der Ortswechsel mit sozialem Aufstieg verbunden, mitunter ging dies einher mit einem Übergang vom Tschechischen zum Deutschen als dominanter Sprache. Deutsch war ja das Idiom der herrschenden austro-ungarischen Monarchie, die einen supranationalen Schirm darstellte. Franz Kafkas Familie war ein Fall einer solchen Metamorphose.

Manchmal fühlten sich in einer Sippe die einen als Tschechen, die anderen als Deutsche und alle als Juden. „Soziologisch gesehen hingen wir alle in der Luft“, schrieb Willy Haas, einer der Schriftsteller des Prager Kreises, der wie Franz Kafka, Franz Werfel, Max Brod oder Egon Erwin Kisch zum deutschsprachigen Prager literarischen Kreis und zu den bekanntesten Prager Juden zählte. Viele sprachen beide Sprachen, etliche liebten und heirateten in die andere Volksgruppe. Und als nach 1920 in der neuen Tschechoslowakischen Republik sich jeder Bürger bei der Volkszählung als Tscheche, Deutscher oder Jude einstufen sollte, da wusste mancher Jude gar nicht recht, wo er sein Kreuzchen machen sollte. „Ich warne davor, eindeutige Kategorien aufzustellen“, sagt deshalb der Prager Journalist Petr Brod, einer der besten Kenner der Lage, der aus der eigenen Familie die fließenden, schillernden Übergänge kennt.

Viele assimilierte Juden waren keineswegs religiös, so auch der als Tscheche im Prager Stadtteil Zizkov aufgewachsene Pavel Oliva und der dem deutschen Ambiente zugehörige Tomas Kosta. Mit der Synagoge und der jüdischen Gemeinde traten ihre Familien nur selten in Kontakt. Pavel Oliva erinnert sich, dass für ihn die Bar-Mizwa, die feierliche Aufnahme in die Gemeinde der Erwachsenen mit 13 Jahren, der letzte religiöse Akt war. Mehr als die Thora faszinierten den Sohn eines Hopfenhändlers schon damals die Epen von Homer, die er in klassischem Griechisch zu lesen lernte. Schon damals schlug er den Weg zum Altphilologen ein und bis heute erzählt er mit ungebrochener Begeisterung davon. In Olivas Familie wurde Tschechisch gesprochen, die Eltern konnten aber auch gut Deutsch und benutzten es, wenn sie den Kindern etwas vorenthalten wollten – was nur eine Zeitlang gut ging, denn auch der Junge lernte Deutsch und beherrscht es bis heute vorzüglich.

Tomas Kostas Familie sprach Deutsch, nach Hitlers Machtübernahme und Drohgebaren aber nur noch Tschechisch, auch im trauten Kreis. Aus Protest und Prinzip. Der Vater war Gymnasialprofessor und gut vernetzt im linksintellektuellen Milieu, die Mutter entstammte einer Unternehmerfamilie, die Kunstblumen produzierte und ein Geschäft am Wenzelsplatz besaß. Man hatte ein Abonnement in der Deutschen Oper und fuhr mit Großpapa und Chauffeur sonntags im Automobil zum Kaffeetrinken hinaus nach Jiloviste und Dobris. Die Köchin war Tschechin, das Kindermädchen Deutsche. An der Mittelschule und am Gymnasium spielten Religionen und nationale Gegensätze keine Rolle. Tomas Kosta und Pavel Oliva haben Antisemitismus damals allenfalls in leichten Dosen erlebt, „ab und zu als Scherz“, wie Oliva sagt. Und beide bestätigen jenes Fluidum, das der Literat Max Brod in den schönen Satz fasste: „Es war eine Atmosphäre der Selbstverständlichkeit, die mich umgab.“ Vor 70 Jahren, am 15. März 1939, war es damit vorbei. Die Nazis, die tags zuvor in der Slowakei die Ausrufung eines eigenen Staates durch das von ihnen abhängige Regime des katholischen Priesters Jozef Tiso veranlasst hatten, besetzten jetzt die „Rest-Tschechei“ und errichteten das „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“. Die Randgebiete waren schon 1938 nach dem Münchner Abkommen als Reichsgau Sudetenland dem Deutschen Reich angegliedert worden. Die bald einsetzende Verfolgung der Juden machte sich in Hetztiraden und stetig schmerzlicheren Schikanen bemerkbar. Auch Kinder mussten Judensterne tragen, mussten die Schule verlassen und durften den Wenzelsplatz nicht mehr betreten.

Pavel Oliva war gerade 18 geworden, als er im Dezember 1941 ins Konzentrationslager Theresienstadt kam, Tomas Kosta war 17, als es ihn 1942 traf. Beide durchliefen unabhängig voneinander jene Stationen des Grauens, die Millionen Juden das Leben kosteten. Pavel Oliva überlebte nach Theresienstadt das KZ Auschwitz und das Außenlager Schwarzheide nördlich von Dresden. Was der Alltag an diesen Orten war, hat sein Mithäftling Alfred Kantor, ein junger Grafiker, gleich nach der Befreiung 1945 im bayerischen Deggendorf atemlos aufgezeichnet. Oliva gab das Buch vor zwei Jahren in Tschechien heraus. Er erzählt recht gelassen davon im Café Slavia. Der heikelste Augenblick kommt für ihn, als er vom Schicksal seiner Verwandtschaft berichtet. Vater, Mutter, Bruder, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – allesamt wurden sie, wie er nach seiner Befreiung erfuhr, von den Nazis ermordet, „insgesamt waren das etwas mehr als 100 Leute“.

Tomas Kosta war in Theresienstadt, Auschwitz und dem KZ-Außenkommando Meuselwitz in Thüringen. Im KZ schloss er sich einer Untergrundgruppe von Kommunisten an, mit deren Hilfe er sich in äußerster Entschlossenheit retten konnte. Seine Mutter und sein Bruder Jiri überlebten ebenfalls, der Vater war im Exil. Für die Familie kam eine zweite Zeit harter Unterdrückung in den fünfziger Jahren, als die seit 1935 geschiedenen Eltern vom nunmehr kommunistischen Regime im Umfeld der antisemitisch gefärbten Slansky-Prozesse inhaftiert wurden, Bruder Jiri verlor seine Arbeit. Tomas Kosta verharrte gleichwohl bis zum Prager Frühling als Mitglied in der KP, der er wie Pavel Oliva und mancher andere nach dem Krieg in der Überzeugung beigetreten war, sie als Einzige könnte eine Wiederholung des Nazi-Grauens verhindern.

Nach der Invasion der Sowjets 1968, die er als Verlagschef erlebte, emigrierte Tomas Kosta indes nach Deutschland, wo er bis heute den Hauptwohnsitz hat. Er wurde Sozialdemokrat, leitete den gewerkschaftseigenen Bund-Verlag und die Europäische Verlagsanstalt, gab mit Günter Grass und Heinrich Böll die Literaturzeitschrift L“80 heraus und beriet die SPD-Führung ebenso wie nach 1989 drei sozialdemokratische Ministerpräsidenten in Prag in Fragen der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit. Heute dient der Honorarprofessor dem Außenminister Karel Schwarzenberg als Ratgeber und ist deshalb regelmäßig in Prag.

„Die Tschechen und Deutschen gehören zusammen, kulturell“, sagt er am Wohnzimmertisch in seiner Wohnung und zieht an der Pfeife. Er möchte darüber vor allem mit jungen Tschechen sprechen, ihnen bewusst machen, was damals im alten Prag „kaputtgegangen ist“: für ihn war es „à la longue genau so ein Eingriff wie Auschwitz“. Zu diskutieren wäre da nach seiner Meinung neben den Nazi-Gräueln auch die nach 1945 erfolgte Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, „alles, alles, das gehört ja zusammen“. Und dabei wünscht er sich, dass die jungen Tschechen bald ihre Eltern und Großeltern in ähnlicher Weise nach dem Kommunismus und der Nazi-Zeit befragen, wie dies junge Westdeutsche nach 1968 taten. Und Kosta freut sich, dass junge Historiker die Arbeit schon aufgenommen haben. Nur hält er es generell für „eine unehrliche Betrachtungsweise“, dass sich die meisten Tschechen „damals wie heute“ immer nur als Opfer sehen.

Pavel Oliva kommt am Kaffeehaustisch auf eine andere Spur des damaligen Geschehens, die in die Gegenwart führt. Den Deutschen gegenüber ist er keineswegs reserviert. Oft hat er als international anerkannter Historiker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Deutschland Vorträge gehalten und mit deutschen Kollegen kooperiert. Seine Tochter ist Germanistin und Übersetzerin, der Sohn lebte in der Bundesrepublik im Exil, eine Enkelin spricht fließend Deutsch.

Aber es bleibt doch dieses Misstrauen, das der ihm und seiner Frau auch persönlich gut bekannte Staatspräsident Vaclav Klaus als oberster tschechischer Euro-Skeptiker immer wieder artikuliert. „Ich teile nicht alle seine Ansichten, aber etwas ist dran“, sagt Professor Oliva. „Die Tschechen haben Angst, dass sie wieder ein Protektorat eines Großdeutschen Reiches sein werden.“ Ihn freut es, dass die Deutschen in die EU fest eingebunden sind, „sonst könnte es passieren, dass sie wieder an der Grenze mit Waffen stehen“, wie er sagt. „Die kleinen Nationen haben Angst, nicht nur die Tschechen, ich glaube, es sind auch die Belgier, die Holländer, die Portugiesen.“ Und nicht nur vor den Deutschen, sondern auch vor den Franzosen. Auch das gehört zum Vermächtnis des alten, verlorenen Prag.

Vor Hitlers Einmarsch am 15. März 1939 lebten in Prag etwa 40 000 Juden, nur knapp 8000 überlebten die Nazi-Zeit. Von ihnen emigrierten die meisten nach Israel, dafür zogen slowakische Juden aus der Karpato-Ukraine und Ungarn zu. 1989, nach dem Fall des Kommunismus, der alle Religionsgemeinschaften unterdrückt hatte, zählte die Jüdische Gemeinde in Prag noch 400 Mitglieder, heute sind es – in einer Stadt von 1,2 Millionen Einwohnern – wieder 1600. Ebenso groß oder größer dürfte die Zahl jener sein, die sich von der Synagoge fernhalten oder sich nicht mehr als Juden betrachten, auch wenn sie jüdische Vorfahren haben. „Es gibt viele Leute, die jüdische Wurzeln haben, aber es ist sehr schwierig, die genaue Zahl zu ermitteln“, sagt Frantisek Banyai, Präsident der Jüdischen Gemeinde. Nur wenige der 1600 Mitglieder gehören zu den alten Prager Juden, die als Kinder die Zeit vor 1939 erlebten. Weiß man überhaupt noch von damals? „Ich glaube, die Erinnerung existiert noch“, sagt Banyai.

Auch der deutsche Staat erinnert sich. Am 16. März erhielten in Prag aus der Hand des deutschen Botschafters Helmut Elfenkämper zwei alte Prager Juden, auch sie Überlebende des Holocaust, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse für ihre Verdienste um den deutsch-tschechischen Dialog: Oldrich Stransky, vormals Vorsitzender des Rates der tschechischen NS-Opferverbände, und Professor Felix Kolmer, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Vor mehr als 40 Jahren, kurz nach der Invasion von 1968, hat Professor Pavel Oliva bei einer Tagung in Zürich einmal den Altprager Dichter Johannes Urzidil, einen Zeitgenossen und Kollegen Kafkas getroffen, der damals schon ewig im Exil lebte: „Er hat über Prag gesprochen wie über eine verlorene Geliebte.“ Tomas Kosta spricht über Prag, das alte Prag von damals, heute so: „Deutsch ist meine Vatersprache, und Tschechisch ist meine Muttersprache.“ Am nächsten Sonntag feiert Tomas Kosta seinen 84. Geburtstag. In Sachsenhausen wird er dann zum 64. Jahrestag der Befreiung dieses Konzentrationslagers sprechen. Vor 64 Jahren, an seinem 20. Geburtstag, befand er sich noch auf dem Todesmarsch und erfuhr, dass Hitler tot war.

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung und der DIZ München GmbH.