- haGalil - http://www.hagalil.com -

Holocaustunterricht: Alles hängt von den Lehrern ab

Ein sonniger Mittag in einem der Räume der Villa Wannsee, dem Haus, in dem am 20. Januar 1942 offiziell die „Endlösung der Judenfrage“ ausgearbeitet wurde. Die Schüler der 11. Klasse eines süddeutschen Gymnasiums stehen neben den Bildern der Ausstellung, die dem Thema Holocaust gewidmet ist und die verschiedenen Phasen der Judenverfolgung schildert….

Zum Holocaustunterricht in Deutschland schrieb Eldad Beck einen Beitrag für Jedioth achronoth

Jeder Schüler muss einen Vortrag über einen bestimmten Teil der Ausstellung halten. Viele der Schüler nehmen das Thema sehr ernst. Andere suchen nur nach einem Grund, Witze zu machen, über Fehler des Vortragenden, über eine antisemitische Karikatur, über das Bild einer Hinrichtung.

Über Hunderttausend Personen haben im vergangenen Jahr die Villa Wannsee besucht, die Hälfte davon deutsche Gymnasiasten. Der Besuch ist nicht Teil des Unterrichtsplans an deutschen Schulen. Auch nicht Besuche in den verschiedenen Konzentrationslagern in Deutschland oder den Vernichtungslagern in Polen. Die Fahrten zu den Gedenkstätten sind nicht sehr kostenaufwendig, ihr Stattfinden hängt jedoch ganz allein vom Willen der Lehrer oder von der Initiative der Schüler selbst ab.

In Deutschland gibt es keinen verpflichtenden einheitlichen Lehrplan zum Thema Holocaust. Jedes der 16 Bundesländer arbeitet seinen eigenen Lehrplan aus. Es ist zwar offiziell Pflicht, sich in der 9. und 10. Klasse mit dem Thema zu befassen, aber de facto handelt es sich dabei nur um eine Empfehlung. Der Unterricht hängt meist von der Bereitschaft der Lehrer ab, das Thema zu behandeln. So gibt es in Deutschland Schüler, die schon in der Grundschule über den Holocaust lernen, und es gibt Schüler, die die Schule verlassen, ohne sich jemals mit dem Thema befasst zu haben. Die allgemeine Behauptung vieler Deutscher, der deutsche Lehrplan werde vom Thema Holocaust überschwemmt, ist sehr weit von der Wahrheit entfernt.

„Obwohl das Bundesministerium für Erziehung allgemeine Anweisungen an alle Schulen bezüglich des Unterrichts über die NS-Zeit und den Holocaust veröffentlicht, existieren sehr unterschiedliche Modelle für diesen Unterricht“, sagt Isabella Ansbach von dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU in Berlin, die sich auf das Thema spezialisiert hat. „Das Erziehungssystem räumt den Lehrern einen sehr breiten Spielraum ein. In den frühen Schuljahren befasst man sich normalerweise mehr mit der Judenverfolgung und ihrer Deportation, jedoch nicht mit dem Holocaust. Dieser Teil kommt später, in der 9. oder 10. Klasse, wo im Rahmen des Geschichtsunterrichts die Vernichtung der Juden behandelt wird.“

In Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern der Welt, ist es wichtig, nicht nur über die Opfer zu lernen, sondern auch über die Täter. „Das ist eine ganz andere Bezugnahme als die in Israel“, sagt Matthias Heil von der pädagogischen Abteilung in der Gedenkstätte Ravensbrück, der eine vergleichende Studie über den Holocaust- Lehrplan in Deutschland, Israel und den USA aufgestellt hat. „Es gibt deutsche Schulen, in welchen sich sehr intensiv mit dem Holocaust befasst wird, wobei sich nur auf die Judenverfolgung und –vernichtung konzentriert wird, ohne das Thema anderer Gruppen von Verfolgten anzusprechen. Wenn Schüler nach Ravensbrück kommen, das ein Frauenlager war, stellen sie erstaunt fest, dass es nur eine geringe Zahl jüdischer Häftlinge gab. Sie sind sicher, dass alle Häftlinge Juden waren und wissen nicht, dass es auch kommunistische, homosexuelle und andere gab.“

In den letzten Jahren wird über den Holocaustunterricht auch im Zusammenhang mit der Weigerung muslimischer Schüler diskutiert, an dem Unterricht teilzunehmen. Seit Ausbruch der 2. Intifada wurde der Holocaustunterricht zum zentralen Thema bei dem Protest der Einwandererkinder gegen das Erziehungssystem und die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen. In der Villa Wannsee suchte man nach Wegen, auch diese Schüler anzusprechen. „Es gibt Dokumente über Juden in der Türkei, über die arabischen Staaten in der Nazizeit, über die Lage im ehemaligen Jugoslawien“, erklärt eine Vertreterin der Villa Wannsee. „Die Ausstellung wurde erweitert, um Einwandererkinder aus verschiedenen Ländern anzusprechen.“

Lernen nicht aus der Vergangenheit

Auf die Frage „Was weiß die Jugend in aller Welt über den Holocaust?“ lautet die Antwort in Europa „Nicht viel“. In Westeuropa ziehen es viele Lehrer vor, das Thema zu ignorieren, muslimische Schüler weigern sich, an dem Unterricht teilzunehmen und Artikel von Holocaustleugnern sind für Millionen Jugendliche in aller Welt über das Internet zugänglich. Doch auch in Israel sieht Efrat Zemer in M’ariw Probleme beim Holocaustunterricht in Israel.

Die Zahl der Überlebenden nimmt ständig ab, und die israelischen Jugendlichen wissen immer weniger über den Holocaust. In den letzten Jahren sank die Durchschnittsnote der Abiturprüfung in Geschichte über den Holocaust auf 65 (von 100). Ein Geschichtslehrer: „Es gibt eine unerträgliche Kluft zwischen dem Lehrprogramm und dem, was tatsächlich gelernt wird.“