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Reden mit der Hamas

In letzter Zeit hört man mehr und mehr Stimmen, die sagen, der einzige Weg, ein israelisch-palästinensisches Abkommen zu erreichen, bestehe darin, mit der Hamas zu reden…

Kommentar von Shlomo Avineri, Ha’aretz, 06.04.2009
Übersetzung von Daniela Marcus

Diese Stimmen kommen nicht nur aus Europa sondern auch aus den Vereinigten Staaten. So sagten z. B. der Kolumnist der New York Times, Roger Cohen, und der nationale Sicherheitsberater unter US-Präsident George Bush Sr., Brent Sowcroft, ohne Dialog mit der Hamas werde es keinen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern geben. Und wenn Israel sich weigere, diesen Dialog zu führen, sollten die Europäer oder die Amerikaner das Gespräch mit der Hamas beginnen. Ähnliche Stimmen kann man auch am Rande der israelischen Politik hören.

Ich glaube, dass sie Recht haben, doch nicht aus den Gründen, die sie nennen. Die Frage ist, worüber man mit der Hamas reden soll. Es ist klar, dass wir mit ihr über die Freilassung des entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit und über die Beendigung des Raketenbeschusses reden müssen – und Israel spricht in der Tat indirekt mit ihr.

Ich denke aber, wir müssen mit der Hamas auch über andere Dinge reden, z. B. darüber, was in ihrem Gründungsdokument geschrieben steht. Die meisten Israelis, Europäer und Amerikaner wissen, dass die Hamas nach der Zerstörung Israels trachtet. Was die meisten nicht wissen, ist, dass das Gründungsdokument der Hamas eine viel umfassendere Haltung beinhaltet, die sich nicht nur auf Israel und den Zionismus beschränkt, sondern alle Juden betrifft.

Der Prolog des Hamas-Bündnisses sagt, dass Hamas’ Ziel ein Krieg nicht nur gegen Israel oder den Zionismus sei, sondern gegen das jüdische Volk insgesamt, da nicht nur Israel und der Zionismus sondern alle Juden Feinde des Islam seien. Und um alle Zweifel beiseite zu räumen, widmet sich das ganze Kapitel 22 der detaillierten Aufführung jüdischer Bosheiten.

Gemäß der Hamas sind die Juden verantwortlich für alle Missstände der modernen Gesellschaft: die Französische Revolution, die Kommunistische Revolution, die Gründung von Geheimgesellschaften (Freimaurer, Rotary, Lions Club, Bnai Brith) mit dem Ziel, die Weltherrschaft mit geheimen Mitteln zu erreichen. Laut Hamas kontrollieren die Juden die Wirtschaft, die Presse und das Fernsehen. Sie sind laut Hamas verantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den sie initiiert haben, um das moslemische Kalifat (das Osmanische Reich) zu zerstören, die Balfour-Erklärung zur Gründung eines jüdischen Staates zu erhalten und den Völkerbund zu errichten, der die Gründung ihres Staates umsetzen sollte. Die Juden initiierten gemäß der Hamas auch den Zweiten Weltkrieg, um ein Vermögen durch den Verkauf von Kriegsmaterial zu verdienen. Laut Hamas nutzen die Juden sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus als ihre Komplizen.

Hört sich das bekannt an? Ja, einige dieser Punkte stammen in der Tat direkt aus dem antisemitischen Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Andere Passagen, insbesondere diejenigen, die die Weltkriege betreffen, sind Originalsprache der Hamas.

Sagen Sie mir nicht, das seien nur Worte und die Hamas solle nicht nur auf der Grundlage dieses Bündnisses beurteilt werden. Würde irgendjemand wagen, das zu sagen, wenn eine ähnliche Bewegung in Europa oder Amerika aufkäme und –zusätzlich zu solchen Äußerungen- eifrig damit beschäftigt wäre, Juden zu töten?

Verglichen mit dem, was im Hamas-Bündnis steht, sind Österreichs Jörg Haider und Frankreichs Jean-Marie Le Pen moderat.

Wenn eine Bewegung wie die Hamas in Europa hochkäme, würde ohne Zweifel niemand auch nur vorschlagen, dass Verhandlungen mit ihr abgehalten werden sollten oder dass sie eine Regierungsbeteiligung erhalten sollte. Eine solche Bewegung würde nicht nur als ungesetzlich erklärt werden sondern von der Menschheit verurteilt werden. Ein solcher Gegenstand des Abscheus hätte keinerlei Platz in einem politischen Diskurs.

Doch vielleicht ist es nichtsdestotrotz der Mühe wert, mit der Hamas zu reden – nicht über ihren Beitrag zum Frieden, sondern eher über das, was in ihrem Bündnis steht. Vielleicht werden diejenigen, die die Ansicht vertreten, man müsse mit der Hamas reden, zuerst mit ihr über diese Themen reden? Wer weiß, vielleicht ändert die Hamas ja ihre Prinzipien? Ich erwarte nicht unbedingt, dass dies geschieht, doch ich möchte sehr gerne wissen, was diejenigen, die denken, die Hamas sei der Schlüssel zum Frieden in Nahost, über diese Punkte sagen.

Und vielleicht haben sie ja sogar Recht, vielleicht ist die Hamas in der Tat der Schlüssel. In diesem Fall ist es schwierig zu glauben, dass Frieden in unserer Region überhaupt eine Chance hat.