Zehn Methoden, die Fatah umzubringen

979 TAGE sind vergangen, seit der Soldat Gil’ad Shalit gefangen genommen wurde. An jedem dieser Tage hätte man ihn um den Preis, den die Hamas von Anfang an forderte, befreien können: Um 450 „bedeutende“ palästinensische Gefängnisinsassen, zusätzlich zu hunderten von anderen, sowie aller Frauen und Minderjährigen…

von Uri Avnery

Nach der Auffassung unserer Regierung handelt es sich hierbei um die Rückgabe des „gekidnappten“ Soldaten gegen die Freilassung von „abscheulichen Mördern“ mit „Blut an den Händen“. Nach Auffassung der Hamas handelt es sich hier um die Rückgabe des jüdischen „Kriegsgefangenen“, gegen die Freilassung hunderter „Widerstandskämpfer“, die „mutige Angriffe im Gebiet des zionistischen Feindes“ ausgeführt haben.

Viele hatten gehofft, Ehud Olmert würde die Sache noch vor dem Ende seiner Amtszeit in wenigen Wochen zu Ende bringen. Aber Olmert hat Angst. In den letzten Wochen hat er in dieser Angelegenheit einige Kehrtwendungen vorgenommen, einmal so und dann wieder anders herum. Er befindet sich in einem schweren Dilemma: Was ist populärer? Tun oder nicht tun?

Wenn er den Gefangenenaustausch durchführt und der Soldat nach Hause zurückkehrt, wird die Öffentlichkeit vor Freude ganz aus dem Häuschen sein. Olmert wird zum Helden des Tages. Aber wie lange wird es anhalten? Zwei Tage? Drei? Eine Woche? Dann wird man fragen: Wie ist es gekommen, dass diese schrecklichen Mörder frei gelassen wurden? Morgen werden sie neue Anschläge verüben, jüdisches Blut wird vergossen, Kinder werden umgebracht. Und Olmert wird zum Unhold vom Dienst.

Ein Mann von Charakter trifft solch eine Entscheidung und pfeift auf die Folgen. Olmert aber ist ein reiner Politiker, und nur ein Politiker, er ist nie mehr gewesen. Er ist mehr zynisch als moralisch, mehr schlau als klug. Er hofft noch immer, unbeschadet aus den Korruptions-Untersuchungen zu entkommen, um dann, nachdem Binyamin Netanyahu und Zipi Livni gescheitert sind, zurück an die Macht geholt zu werden. Es lohnt sich also vielleicht, die Shalit-Affaire dem nächsten Premierminister zu überlassen.

HINTER DER persönlichen Erwägung verbirgt sich aber auch ein politisches Problem. Wie würde sich ein Gefangenenaustausch auf das Kräfteverhältnis Fatah-Hamas auswirken?

Die Freilassung von 1200 palästinensischen Gefangenen würde in der palästinensischen Öffentlichkeit als großer Sieg der Hamas aufgenommen. Hier ist einmal wieder der Beweis, dass die Israelis nur die Sprache der Gewalt verstehen, wie Hamas es immer behauptet hat. Für Muhammad Abbas wird es eine große Blamage, besonders, wenn die Hamas auch die Freilassung von Marwan Barghouti, einer Führungspersönlichkeit der Fatah, erreicht.

Olmert könnte die Erniedrigung von Abbas verhindern. Er könnte morgen, als Geste dem palästinensischen Präsidenten gegenüber, tausend bedeutende Fatah-Leute, vorneweg Barghouti, frei lassen, und so den Sieg der Hamas trüben.

Einfach? Natürlich. Klug? Natürlich. Möglich? Ganz und gar nicht. Nicht hier in diesem Land. Nicht für Olmert und seine natürlichen Freunde. Abbas etwas umsonst geben? Gratis? Ja woher denn?! Kommt überhaupt nicht in Frage!
Hier wird wieder das Dilemma sichtbar, das die israelische Politik in Bezug auf die PLO seit Jahrzehnten begleitet. Es ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein psychologisches Dilemma.

VOR MEHR ALS 40 Jahren habe ich das spannende Buch des Psychologen Eric Berne gelesen: „Games People Play“.

Eine der Thesen in diesem Buch spricht davon, dass der scheinbare Grund einer Handlung oft dem wirklichen, unbewussten Grund widerspricht. Zum Beispiel: Ein Gewohnheits-Krimineller versucht, eine Bank auszurauben, wird geschnappt und ins Gefängnis geschickt. Seine Motiv ist offensichtlich: Er möchte mühelos reich werden. Sein wirkliches Motiv aber ist ein ganz anderes: Er fürchtet sich vor dem Leben außerhalb der Gefängnismauern. In seinem Unterbewusstsein hofft er, geschnappt und ins Gefängnis gesteckt zu werden, dort fühlt er sich wohl, seine Position in der Hierarchie der Insassen ist gesichert.

Wenn ich an das seltsame Verhältnis der israelischen Regierungen zur PLO denke, fällt mir oft diese Theorie ein.

IM SEPTEMBER 1993, nach einem langen, blutigen Kampf, unterzeichnete Yitzhak Rabin einen Vertrag mit Yassir Arafat, in dem er die PLO als alleinigen Vertreter der Palästinenser anerkannte. Die logische Schlussfolgerung war, dass Israel die Errichtung eines palästinensischen Staates neben dem israelischen unterstützte, und alles unternähme, um Arafat und die „Palästinenserbehörde“, die infolge des Vertrags eingerichtet wurde, zu stärken.

Dann aber – wie seltsam – taten alle israelischen Regierungen genau das Gegenteil.

Rabin selbst fing schon am Morgen nach den Oslo-Verträgen damit an. Nachdem er beschlossen hatte, es läge im nationalen Interesse Israels, mit Arafat zusammenzuarbeiten, wäre es vernünftig gewesen, Arafats Autorität in der Westbank und im Gazastreifen zu stärken und so bald wie möglich, noch vor der in den Oslo-Verträgen gesetzten Zeitgrenze 1999, einen Friedensvertrag mit ihm zu unterzeichnen.

Trotz seines dämonischen Rufs in Israel war Arafat ein idealer Partner. Er war eine starke Führungspersönlichkeit von allgemein anerkannter Autorität in allen Teilen der palästinensischen Bevölkerung, auch bei denen, die ihn kritisierten, also auch bei Hamas. Er verfügte über zwei Eigenschaften, die zum Schließen von Frieden unabdingbar sind: Den Willen dazu, ein Übereinkommen zu erreichen, und die Fähigkeit, sein Volk davon zu überzeugen, es anzunehmen.

Aber seltsamerweise tat die israelische Regierung genau das Gegenteil. Die Friedensverhandlungen führten nirgendwo hin. Errichtung und Ausbau von Siedlungen wurden verstärkt fortgeführt. Überall in den besetzten Gebieten konnte man die neuen roten Ziegeldächer der Siedler entdecken. Die lebensnotwendige Passage zwischen Westbank und dem Gazastreifen wurde nicht eröffnet – trotz der ausdrücklichen Verpflichtung der israelischen Regierung, vier „sichere Übergänge“ zu öffnen. Nicht nur, dass die wirtschaftliche Situation der Palästinenser sich nicht besserte, im Gegenteil, sie wurde schlechter. Vor Oslo konnten die Palästinenser sich im ganzen Land bewegen, auch in Israel selbst, ausgerechnet nach dem Abkommen wurde ihre Bewegungsfreiheit mehr und mehr beschränkt.

All das geschah noch zu Zeiten Rabins. Nach seiner Ermordung ist es sehr viel schlimmer geworden. Der ausgesprochen dumme Beschluss seines Nachfolgers Shimon Peres, den „Ingenieur“, den Bomben-Macher Jahya Ajash umzubringen, führte zu einer Welle von Anschlägen und förderte den guten Ruf der Hamas in der palästinensischen Öffentlichkeit – was dem israelischen Interesse, wie es von unserer Führung bestimmt wurde, sicher widersprach.

Auf der Camp-David-Konferenz 2000 wurde dann der Höhepunkt erreicht. Der damalige Premierminister Ehud Barak initiierte sie und ließ sie, in einer jämmerlichen Mischung aus Angeberei und Ignoranz, scheitern. Anstatt nun zu verkünden, die Gespräche würden weiter geführt, bis ein Abkommen erreicht würde, verbreitete er gebetsmühlenartig das Mantra: „Wir haben niemanden zum Verhandeln! Wir haben keinen Partner für den Frieden!“ Er wurde auch durch den üblen Einfluss seines (damaligen und jetzigen) Beraters Amos Gilad inspiriert, der Geheimdienstberichte so lange verdrehte, bis sie ihm in den Kram passten.

Barak zerstörte nicht nur die „zionistische Linke“, er versetzte auch der Fatah einen Schlag, von dem sie sich nicht erholen sollte, der Fatah, die dem palästinensischen Volk den Frieden mit Israel versprochen hatte. Damit nicht genug: Barak gestattete Ariel Sharon seinen provokativen Besuch auf dem Tempelberg, in Begleitung von hunderten von Polizisten und Soldaten. So verursachte er die zweite Intifada und bereitete den Weg für Sharon.

Als Sharon 2001 an die Macht kam, war er fest entschlossen, Arafat und die Fatah zu zerstören. Er belagerte Arafat in seinem Büro in der Mukata in Ramallah und zerstörte die Infrastruktur der Fatah in der gesamten Westbank. Nach Arafats mysteriösem Tod, wurde Abbas an seine Stelle gewählt. Im Gegensatz zu Arafat, der jahrzehntelang von der israelischen Führung dämonisiert und geschmäht wurde, hatte Abbas in Israel den Ruf eines netten, friedliebenden Mannes, eines wahrhaft idealen Partners für den Frieden.

Man hätte nun meinen können, die israelische Regierung hätte sich Mühe gegeben, sein Regime durch Fortschritte in den Verhandlungen zu stärken, durch Freilassen von Gefangenen, durch Siedlungs-Stop. Aber nein, überraschenderweise geschah genau das Gegenteil. Sharon machte sich öffentlich über ihn lustig, er sei wie ein „gerupftes Huhn“, die Siedlungen wurden mit erhöhter Geschwindigkeit weiter gebaut und in Windeseile wurde die Sperranlage errichtet. Zu allem Überfluss führte Sharon den „Abzug“ aus dem Gazastreifen ohne jede Absprache mit palästinensischen Behörden durch, und hinterließ so ein Chaos, in dem die Hamas blühen und gedeihen konnte.

DIE FOLGEN ließen nicht lange auf sich warten: In den international überwachten palästinensischen Wahlen konnte die Hamas einen Sieg erringen, der alle überraschte, nicht zuletzt die Hamas selbst. Israel boykottierte die neue Hamas-Regierung. Um den Schaden für seine Bewegung zu begrenzen, stimmte Abbas zu, eine Einheitsregierung mit Fatah und Hamas zu bilden, aber Israel boykottierte auch diese Regierung.

Diese Situation nützte natürlich der Hamas. Die palästinensische Unterstützung von Abbas basiert hauptsächlich auf der Hoffnung, er könne Frieden mit Israel bringen. Wenn er das nicht kann, wozu ist er dann zu gebrauchen?

Die israelische Regierung – und ihre Unterstützer in Washington DC – gaben sich damit nicht zufrieden. Sie versuchten, im Gazastreifen Muhammad Dahlan an die Macht zu bekommen, einen Mann, der von vielen Palästinensern als Agent der israelischen und der US- Regierung betrachtet wird. Um dies zu verhindern, ergriff die Hamas im Gazastreifen die Herrschaft und so entstand „Hamastan“. Abbas verlor also die Macht über fast die Hälfte der Palästinenser in den besetzten Gebieten.

So etwas wäre nicht möglich gewesen ohne die absolute Trennung des Gazastreifens von der Westbank durch Israel, womit Israel Verträge verletzte, die es unterzeichnet hatte. In den Oslo-Abkommen heißt es ausdrücklich, der Gazastreifen und die Westbank sind als ein Gebiet anzusehen, und Israel verpflichtete sich „vier sichere Übergänge“ zwischen den beiden einzurichten. Es ist kein einziger Übergang eingerichtet worden, nicht einmal für einen einzigen Tag. Wer also behauptet, Israel habe der Hamas den Gazastreifen auf einem silbernen Tablett überreicht, hat nicht übertrieben.

Alles weitere ist bekannt: Israel blockierte den Gazastreifen, Hamas schoss Raketen auf Israel, ein Waffenstillstand wurde erklärt, die israelische Armee brach ihn, indem sie in den Gazastreifen einmarschierte und einige Hamas-Aktivisten tötete, Hamas schoss weiter Raketen, Israel begann den Gaza-Krieg. Die israelische Führung verkündete, sie führe diesen Krieg auch für Abbas, und so gelang es ihr, ihn in den Augen der Palästinenser als Kollaborateur mit dem Feind gegen sein eigenes Volk darzustellen. Das Regime der Hamas im Gazastreifen blieb wie gehabt.

Das Ergebnis netto: Die Hamas geht aus den Ereignissen unermesslich gestärkt hervor. Allen Erwartungen zufolge wird sie in den nächsten palästinensischen Wahlen an Macht gewinnen. Die meisten Regierungen in der Welt haben jetzt verstanden, dass man mit der Hamas Gespräche führen muss.

VIELE LEUTE auf der Welt glauben der antisemitischen Behauptung, die Juden wären ein außerordentlich kluges Volk, und all ihre Handlungen bezeugen ihre diabolische Schlauheit. Demnach wäre der Aufstieg der Hamas das Ergebnis einer ausgetüftelten zionistischen Konspiration. Die Existenz von Abbas (und vor ihm Arafat) hindert die Juden daran, das ganze Land zu beherrschen, da die Welt einen Kompromiss mit der „moderaten“ palästinensischen Führung fordert. Die Welt akzeptiert aber, dass mit der mörderischen Hamas kein Kompromiss geschlossen werden kann, deshalb sind die schlauen Juden an einem Sieg der Hamas so interessiert.

Andererseits glauben viele Israelis, ihre Regierungen seien aus unglaublich dummen Politikern zusammengesetzt, die keine Ahnung haben, was sie tun. Diese Israelis glauben, dass all die Aktionen, die die Fatah geschwächt und die Hamas gestärkt haben, einfach das Ergebnis israelischer Dummheit sind.

Ich möchte einen Kompromiss zwischen diesen beiden Auffassungen vorschlagen: Die israelische Politik ist in der Tat unglaublich dumm, aber in der Dummheit liegt Methode. Sie kann nur so weiter gehen, weil sie einer tief verwurzelten Neigung folgt, derer sich die meisten nicht bewusst sind oder die sie nicht zugeben mögen: Das gesamte Erez Israel zu behalten und die Entstehung eines palästinensischen Staats unmöglich zu machen.

Wenn wir das ändern wollen, müssen wir diese unbewusste Neigung ins Bewusstsein rufen und eine ehrliche Diskussion eröffnen.
Wollen wir Frieden oder die Gebiete?
Wollen wir Koexistenz oder Besatzung und ewigen Krieg?

Es ist zu spät, um das Rad zurückzudrehen. Die Hamas ist ein Teil der Realität geworden. Es liegt in israelischem Interesse, dass eine palästinensische Einheitsregierung gebildet wird, eine Regierung, mit der wir ein Abkommen erreichen können, das auch eingehalten wird. Wenn wir beim Erstarken der Hamas und ihrem wachsenden Einfluss unter den Palästinensern schon so eine zentrale Rolle gespielt haben, sollten wir langsam anfangen, mit ihr zu reden.

So können wir auch Gil’ad Shalit in einem Gefangenenaustausch frei bekommen – vor seinem tausendsten Tag in Gefangenschaft.

Übersetzt von: Gudrun Weichenhan.Mer / ZNet

13 Kommentare zu “Zehn Methoden, die Fatah umzubringen

  1. Herr Sahm, wenn Sie Avnery abwertend als „Vielschreiber“ abtun, dann wundert mich dies schon ein wenig, denn immerhin schreiben Sie doch viel mehr als er. Oder etwa nicht? Zumindest in den letzten zehn Jahren. Als Soldat und Knessetabgeordneter oder Herausgeber der „Olam Haze“ hat er sicher mehr geschrieben, aber das ist ja lange her. Immerhin ist der Mann ungefähr so alt wie Israels Präsident.

    Dass seine Ansichten in Deutschland so breit rezipiert werden, wie Sie vorgeben, kann ich nicht bestätigen. Auch wenn diese Behauptung immer wieder gerne, stets zum Zwecke der Diffamierung, in den Raum gestellt wird. Vielleicht beruhigt es Sie, dass Sie in israelinteressierten Kreisen bekannter sind als Herr Avnery. In ambivalenten oder desinteressierten Kreisen kennt man Sie beide gleich wenig. Und vielleicht beruhigt es Sie: den meisten Leuten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, sind die Juden und erst recht Israel ziemlich gleichgültig. Fast oder gerade so gleichgültig oder noch gleichgültiger, je nach dem, wie die Bengalen, die Palästinenser, die Ruander, die Süd-Molukker oder die Darfuris.
    Natürlich gibt es auch Leute, die Zeitungen lesen und Nachrichten schauen, aber engagieren tun sich die wenigsten. Jedenfalls ist Uri Avnery in Israel viel bekannter als in Europa, was nicht viel heissen muss in einem Land, in dem viele nicht einmal wissen, wie der Premierminister heisst und was er tut.

    Doch Ihre Empörung geht weiter. Sie stellen Vorwürfe und Unterstellungen in den Raum, nur um wieder auf Avnery zurückzukommen und ihm anzukreiden, dass auch er Vorwürfe macht. Dass er, als israelischer Bürger sogar der israelischen Regierung Vorwürfe macht, empört Sie am meisten. Dass er sogar behauptet, die schwierige Lage in Israel habe etwas mit dem Handeln oder Nicht-Handeln der israelischen Regierung zu tun. Das ist wirklich unglaublich, zumindest für Sie. Dass er sich dann auch noch Gedanken darüber macht, wie man die Lage verbessern könnte, schlägt dem Fass dann vollends den Boden aus.

    Sie behaupten nun, Avnery kreide grundsätzlich der israelischen Seite Fehler an, „während Hamas, Fatah und „die Palästinenser” offenbar ein Block von Gutmenschen sind, die immer im Recht sind“. Avnery behaupte, so Ihre Falschbehauptung, „die israelische Regierung“ mache „immer nur Fehler“.
    Das ist gelogen und den Beweis findet jeder aufmerksame Leser durch kurzes Scrollen nach oben. Doch als alter Medienfuchs wissen Sie, wie wenig kritisch die Leute beim Lesen sind. Insbesondere wenn Sie eine vorgefasste Meinung haben, und darauf können Sie sich, wie man sieht, verlassen.
    Im Gegensatz zu Ihnen sucht Avnery konstruktiv nach Ideen. Nicht nur in den Think-Tanks der Neo-Cons nennt man sowas Brainstorming. Die Amerikaner sagen, man darf den freien Fluss der Gedanken nicht hindern. Schon garnicht, wenn man ein großes Problem angeht. Vielleicht sehen Sie ja kein Problem und schon gar keine Möglichkeit für die Regierung Israels irgendetwas zu tun, um die Lage in Israel zu beeinflussen. Mag sein. Aber das Gegenteil sollten Sie auch nicht ausschließen.
    Meiner Meinung nach ist es legitim, wenn jemand versucht, auf einen möglichen Lösungsansatz hinzuweisen. Auch wenn Avnery natürlich nicht „mit absoluter Gewissheit“, sagen kann, dass es Israel heute besser ginge, wenn die Regierung damals etwas anderes gemacht hätte. Das tut er auch gar nicht. Und man muss es auch nicht extra betonen. Oder wissen Sie etwa, mit absoluter Gewissheit, dass es Israel heute schlechter ginge, wenn die Regierung etwas anderes gemacht hätte? Manchmal könnte man es meinen. Und das ist auch ok, wenn es ihre Meinung ist. Man kann und darf aber auch eine andere Meinung haben. So wie Sie es sagen, dürfte niemand mehr irgendeinen Gedanken formulieren, der auf freier Überlegung basiert.

    So gesehen verstehe ich nicht, worauf Sie hinauswollen, außer vielleicht, dass Sie jede alternative Ansicht in Misskredit bringen wollen. Im Gegensatz dazu sind Avnerys Motive klar definiert: Kurzfristig geht es darum, Gilad Shalit frei zu bekommen. Mittelfristig geht es darum, einen Verhandlungspartner zu benennen und langfristig geht es darum, die bereits ausgehandelten und weitestgehend abgesteckten Zielvorgaben umzusetzen. Im Prinzip ist das nichts Neues.

    Was Sie nun tun, Herr Sahm, ist jedes Wort ins Nichts laufen zu lassen. Sie haben keinerlei Ansatz, keinerlei Idee. Auch keinerlei Vorstellung oder zumindest getrauen Sie sich nicht diese zu formulieren. Ein Staat, zwei Staaten. Alles gescheitert? Transfer?
    Ist für Sie das Ende Israels, zumindest des demokratischen, schon beschlossene Sache, der Konflikt unlösbar und ein ewiges Sparta unausweichlich? Oder soll einfach nicht mehr darüber nachgedacht werde. Man muss den Parteien vertrauen, die Regierung wirds schon richten und je weniger man darüber nachdenkt um so besser. Auch legitim! Aber manche denken anders, und auch das ist legitim.

    Avnery sieht weiterhin Chancen und verfolgt diese pragmatisch. Als Israeli sucht er erst einmal die Schwachpunkte im eigenen Land und überlegt, wie man sie ausbessern könnte. Ein israelischer Patriot eben. Prinzipiell und in jeder westlich-demokratischen Zivilgesellschaft ein nachvollziehbares, wenn nicht sogar löbliches Verhalten.

    Was stört Sie daran in Israel?

    Hat die Demokratie Israels, zu der Herr Avnery überproportional viel beigetragen hat, nicht 60 Jahre lang auf diese Art, und trotz ständigem Beschuss, nicht funktioniert? Ist dieses Modell für Sie ein Auslaufmodell, das zu verteidigen bereits anrüchig ist?

    Auf der anderen Seite verlangen Sie von Avnery dann aber Dinge, die ihm, als einfachem Bürger, unmöglich sind, oder einfach nicht Thema des Artikels sind. Sie wollen Avnery nicht nur vorschreiben wie er etwas schreiben soll, sondern auch noch was und worüber.

    Warum schreiben Sie keinen Artikel dazu? Was hielten Sie davon, wenn ich Ihnen bei jedem Artikel den Sie schreiben vorwerfen würde, dass Sie nicht über etwas anderes schreiben? Dass wenn sie einem Thema besondere Aufmerksamkeit widmen, etwas anderes verschweigen, unterschlagen, vernachlässigen. Warum berichten Sie über Assad, wo doch Chatami gestern gesagt hat, er wolle Achmadinedjads Sturz. Wo ist Ihre Stellungnahme zu den Tamilen? Wo ist Ihre Verurteilung von Schröders Besuch in Teheran? Warum verschweigen Sie die Demo in Gaza und die Verlautbarung des Armeesprechers? Finden Sie es toll, dass die Deutschen die besten Handelspartner des Iran sind? Warum verschweigen Sie uns, dass Avnery in Tel Aviv wohnt? Warum greifen Sie Avnery nicht wegen seiner Beziehung zu Shulamit Aloni an? Warum verschweigen Sie uns, dass Moskowitz Har Homa finanziert und Avnery dies verurteilt hat? Warum erwähnen Sie Liebermanns Vergangenheit in gewissen Milieus und verbieten Avnery, Olmerts Charakter im Lichte seiner Korruptionsaffären zu beleuchten?

    So könnte ich nun jeden Ihrer Punkte abhandeln. Aber eigentlich ist es ermüdend, einem Vielschreiber wie Ihnen zu antworten, nicht zuletzt, weil Sie eigentlich kaum etwas sagen.

  2. Am besten gefällt mir der Satz: „wir wollen keine Hamas“. Da frage ich mich doch, wer die denn dann gewählt haben soll. Und dass es palästinensische Flüchtlingslager in Israel gibt, ist auch neu (nachfragen ist wohl nicht die Sache dieser Journalistin/q.e.d.). Und so jemand hat ein Buch über Israel und die Palästinenser geschrieben? Was da wohl noch vorkommen wird, was noch niemand weiß. 😀

  3. heute auch im D-Radio – nicht der typische “antizionistische” Autor (Heiko Flottau, langjähriger Nahost-Korrespondent für die “Süddeutsche” und die “Baseler Zeitung”) brachte mich auf die Palme, sondern die intervievende Journalistin:
    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/03/10/drk_20090310_0910_f31a6abc.mp3
    hier der Text:
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/931729/
    er zeigt für mich beispielhaft, in welchem Maße die arabisch-palästinensischen Darstellungen völlig unkritisch übernommen und weitergegeben werden… und wie unter Judenhassern üblich werden natürlich Juden als Kronzeugen herangezogen.

  4. „Doch Avnery erwähnt nicht; Doch Avnery sagt nicht, Nur warum verschweigt er“
     
     
    Eigentlich reichen diese  Sätze von Herrn Sahm schon aus, um das Dilemma von Avnery deutlich zu machen. Er spricht immer wieder Dinge an, die richtig sind, lässt aber immer wiederum Dinge weg, die man nie aus diesen Zusammenhängen reißen darf. Das ist nicht nur für einen Journalisten unzulässig und geradezu fahrlässig, sondern auch gefährlich, weil man mit diesen Manipulationen Menschen in die Irre führt und vielleicht noch mehr. Ob das den Interessen der Palästinenser nutzt, muss bezweifelt werden. Schon aus dieser bekannt-berüchtigten Methode Avnerys wird ersichtlich, dass man ihm weder ernst nehmen noch trauen kann. Leider tut das besonders die deutsche Journaille oder Teile davon immer noch. Etwas, das ich nicht verstehen werde. Wann werden die endlich mal munter?

  5. Sehr geehrter Ulrich Sahm,
    ich schätze deine Beiträge seit jeher. Auch deine Vorträge sind für uns Israelfreunde stets eine Bereicherung, denn dein Wissen ist profund. Was diesen Ostermann, der sich Avnery nennt, umtreibt ist mir ein Rätsel. Wie einer solche Ergüsse des Selbsthasses aus sich herauspressen kann. Das ist ekelhaft. 
    Eine Schande für sein Volk, das grossartiges geleistet hat und sich nicht solche Hasstiraden bieten lassen sollte.

  6. Auch von mir einen herzlichen Dank an Ulrich W. Sahm für seine Entgegenung auf den Artikel von Herrn Avnery. Der Artikel erweckt den Eindruck,  Avnery betreibt, quasi als „Kronzeuge gegen Israel“, die Gleichsetzung eines demokratischen Rechtsstaates mit einer faschistischen Terrorganisation. Dies beginnt bei ihm bereits sprachlich, wenn er den Soldaten Gilad Shalit als „Gefangenen“ bezeichnet und die inhaftierten Palästinenser ebenfalls als Gefangene. Er verwischt damit den Unterschied: Gilad SWhalit wurde von einem Kommando einer kriminellen Organisation entführt und wird unter menschenverachtenden Umständen gefangengehalten und öffentlich verhöhnt. Die inhaftierten Palästinenser wurden in einem rechtsstaatlichen Verfahren von einem ordentlichen Gericht aufgrund konkreter krimineller Taten verurteilt. In diesem Zusammenhang sei an den Kindermörder und Terroristen Samir Kunthar erinnert, der in israelischer Haft Hebräisch lernen konnte und einen Fernlehrgang an der Universität Tel Aviv mit Abschluß erfolgreich absolvieren konnte. Solche Details sind für den „Friedensaktivisten“ nicht von Interesse.
    Allerdings halte ich es, bei aller notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit Herrn Avneris Agitation gegen Israel, für falsch ihn mit Verbalinjurien wie „antisemitische Pest“ zu belegen.

  7. Herr Sahm, ausdrücklichen Dank!
    Gut, dass gegen diese antisemitische Pest vorgegangen wird! Ich kann es schon nicht mehr hören. Keine Radiosendung, keine Talkshow ohne den Ostrermann, alias Avnery. Selbst hier wird man nicht von diesem Vielschreiber verschont.
     
    Danke! Nochmals Danke!

  8. Zehn Methoden, die Wirklichkeit auf den Kopf zu stellen

    Kommentar von Ulrich W. Sahm

    Es ist ermüdend, dem Vielschreiber und „Aktivisten“ Uri Avnery zu antworten. Er stellt Thesen in den Raum, die vor Allem von Menschen in Deutschland aufgesogen werden, weil sie ach-so-einfache „Lösungen“ bieten. Grundsätzlich kreidet Avnery der israelischen Seite Fehler an, während Hamas, Fatah und „die Palästinenser“ offenbar ein Block von Gutmenschen sind, die immer im Recht sind.

    Ob die israelische Regierung immer nur Fehler macht, wie Avnery behauptet, lässt sich nicht mit Sicherheit beweisen. Denn selbst Avnery kann nicht mit absoluter Gewissheit sagen, was passiert wäre, wenn die Regierung seinen Ratschlägen gefolgt wäre. Gerade in der Politik, gleichgültig wo in der Welt, gilt es abzuwägen und dann Beschlüsse zu fassen. Der Erfolg einer Politik lässt sich nicht vorhersagen. Man möge nur mal an den Doppelbeschluss der NATO denken, der in Deutschland und gewiss bei Kritikern wie Avnery höchst unpopulär war, aber am Ende zur deutschen Wiedervereinigung führte. Wohl nur wenige Ewiggestrige wünschen sich heute noch eine Wiederauferstehung der DDR und Teilung Deutschlands.

    Uns geht es nicht, die Politik der israelischen Regierung oder der Palästinenser – wer immer damit gemeint ist – zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Doch scheint es notwendig zu sein, sogar hier bei Hagalil jene Elemente in Erinnerung zu bringen, die Avnery bewusst unterschlägt, wenn er seine leichtfertigen Lösungsvorschläge beim deutschen Publikum streut.

    1) Niemand weiß, auch Avnery nicht, ob die Hamas vor fast 1000 Tagen für 450 Gefangene plus alle Frauen und Kinder aus israelischen Gefängnissen ihr Faustpfand Gilad Schalit freigegeben hätte. Unmittelbar nach der Gefangennahme/Entführung von Schalit behauptete die Hamas, keine Verantwortung zu tragen, nichts damit zu tun zu haben. Das sei eine Aktion einer ihr unbekannten Organisation.

    2) Sollte die Hamas tatsächlich behaupten, dass Schalit ein „Kriegsgefangener“ sei, dann müsste Avnery erst einmal fragen, ob Schalit tatsächlich gemäß dem internationalen Recht wie ein Kriegsgefangener gehalten und behandelt wird. Dazu gehören regelmäßige Besuche des IKRK und andere Rechte, die freilich Schalit vorenthalten werden. Die Behandlung jenes israelischen Soldaten widerspricht jeglichem humanitären Völkerrecht, was Avnery unterschlägt.

    3) Die palästinensischen Gefangenen werden regelmäßig vom IKRK besucht und sogar von Familienangehörigen. Viele von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, waren an sogenannten Terroranschlägen direkt oder indirekt beteiligt. Die absichtliche Sprengung von Bussen und Restaurants, eindeutig zivile Ziele, widersprechen jeglichem Kriegs- und Völkerrecht. Weil die Palästinenser noch keinen Staat haben und Israel als Besatzer die Ordnungsmacht darstellt, werden die Mörder unter den Palästinensern wie Mörder strafrechtlich verfolgt und verurteilt. Es gibt kein Völkerrecht, das Mord oder Attacken auf Zivilisten rechtfertigt oder für die Täter Straffreiheit fordert.

    4) Zurecht deutet Avnery das Dilemma Olmerts und seiner Regierung an. Die freigelassenen „Widerstandskämpfer gegen das zionistische Regime“ könnten erneut Anschläge verüben oder organisieren und erneut jüdisches (und anderes) Blut vergießen. Keine verantwortliche Regierung der Welt dürfte bewusst einen Beschluss fassen, der zum Tod der eigenen Bevölkerung führt. Avnery sollte hier mal darstellen, ob er bereit wäre, sich selber, seine Frau und seine Freunde zu opfern, nur damit jene wegen Mord verurteilten Palästinenser freikommen. Vorausgesetzt, dass Olmert ein verantwortungsvoller Regierungschef ist, dürfte es nicht nur um die „Popularität“ des ohnehin scheidenden Premiers gehen, wie es Avnery populistisch darstellt. Bekanntlich kann Olmert keinen Beschluss im Alleingang fassen, sondern muss die gesamte (gewählte) Regierung entscheiden lassen. So wurden auch schon die Kriterien für eine Freilassung der von Hamas geforderten Gefangenen im Kabinett diskutiert.

    5) Der Versuch Avnerys, die Freilassung Schalits mit Olmerts Korruptionsaffären zu verknüpfen sind polemisch und zynisch.

    6) Freilassung Barghoutis: Ungeachtete der Frage, wem das nützt, hätte Avnery erwähnen müssen, dass Barghouti von einem israelischen Gericht eine siebenfache lebenslängliche Haftstrafe erhalten hat, weil ihm sieben Morde, Befehle oder Beihilfe zu Mord, nachgewiesen werden konnten.

    7) Was Avnery als „Die logische Schlussfolgerung“ bezeichnet, mag Avnerys politische Ansicht sein, scheint aber nicht mit der logischen Schlussfolgerung der israelischen Regierung und auch nicht mit der amerikanischen Regierung überein zu stimmen. Bei allem Respekt für Avnery hatte er es nie zum israelischen Regierungschef geschafft.

    8. „Errichtung und Ausbau von Siedlungen wurden verstärkt fortgeführt.“ Das ist richtig und gilt für sämtliche israelische Regierungen seit 1967, links wie rechts. Man muss kein Freund oder Befürworter dieser Politik sein, die unter sehr rechtsgerichteten Politiker wie Begin und Scharon auch erhebliche Kehrtwendungen erlebt hat. Gleichwohl muss wohl der israelischen Regierung zugestanden werden, ihre Interessen zu verfolgen, ohne allein die palästinensischen Interessen blindlings gut zu heißen.

    9) „Die lebensnotwendige Passage zwischen Westbank und dem Gazastreifen wurde nicht eröffnet – trotz der ausdrücklichen Verpflichtung der israelischen Regierung, vier „sichere Übergänge“ zu öffnen.“ Recht hat Avnery. Nur warum verschweigt er die Hintergründe dazu, denn die Straßenschilder für diese „sicheren Passagen“ stehen bis heute. Bei Verhandlungen verlangten die Palästinenser, dass ihre Polizisten mitsamt ihren Waffen Israel unkontrolliert auf diesen „sicheren Passagen“ passieren dürften. Rabin verlangte, dass die Polizisten in „versiegelten Bussen“ durch Israel fahren, während deren Waffen im israelischen Jeep hinterher fahren sollten. Arafat hielt das für eine Ehrverletzung. Dann kam es kurz vor Weihnachten 1994 zu einem schweren Anschlag in Jerusalem mit Toten und Verletzten. Wie sich herausstellte, wurde der Anschlag von palästinensischen Polizisten mit Handgranaten und ihren Dienstwaffen verübt. Mit dem Argument, dass Arafat offenbar nicht mal seine eigenen Polizisten unter Kontrolle habe, wurden die Verhandlungen über die „sichere Passage“ ausgesetzt und seitdem nicht wieder aufgenommen.

    10) „Vor Oslo konnten die Palästinenser sich im ganzen Land bewegen, auch in Israel selbst, ausgerechnet nach dem Abkommen wurde ihre Bewegungsfreiheit mehr und mehr beschränkt.“ Das ist richtig. Doch Avnery erwähnt nicht, dass schon infolge der ersten Intifada ab 1987 Straßensperren entstanden, wegen einer drastischen Zunahme von Terroranschlägen. Eines der Motive für die Ermordung Rabins war die inzwischen unerträgliche Zunahme an Anschlägen mit zahlreichen israelischen Toten. Natürlich kann man sich streiten über das Recht der Palästinenser auf Freizügigkeit und das Recht der Israelis auf Leben. Es sei hier eingeworfen, dass auf allen Flughäfen der Welt die Freizügigkeit wegen des (palästinensischen) Terrors seit Anfang der siebziger Jahre in Form von Sicherheitskontrollen ganz erheblich eingeschränkt worden ist. Die Frage ist, was an erster Stelle hier verurteilt werden sollte, die Einschränkung der Freizügigkeit oder der Ursache dafür.

    11) „Der ausgesprochen dumme Beschluss seines Nachfolgers Shimon Peres, den „Ingenieur“, den Bomben-Macher Jahya Ajash umzubringen, führte zu einer Welle von Anschlägen und förderte den guten Ruf der Hamas in der palästinensischen Öffentlichkeit – was dem israelischen Interesse, wie es von unserer Führung bestimmt wurde, sicher widersprach.“ Wieder hat Avnery recht. Doch Avnery sagt nicht, was mit den Bomben des „Bombenmachers“ geschah, wie viele Tote diese Bomben verursacht haben und wie viele Bomben Ajash noch hätte basteln können, um weitere Menschen zu töten. Ob der Beschluss, Ajash zu töten „dumm“ war, oder vielleicht vielen Menschen das Leben rettete, ist reine Spekulation. Dass es viele Rache-Attacken gab, ist eine Tatsache, doch auch Avnery kann nicht mit Gewissheit sagen, ob es für die nachfolgenden Attacken auch andere „Rechtfertigungen“ gegeben hätte. Siehe oben seine eigene Ausführung: „Nach Auffassung der Hamas handelt es sich hier um die Rückgabe des jüdischen „Kriegsgefangenen“, gegen die Freilassung hunderter „Widerstandskämpfer“, die „mutige Angriffe im Gebiet des zionistischen Feindes“ ausgeführt haben.“ Einerseits stellt Avnery einen Dauerzustand dar und andererseits versucht er einige „dumme Beschlüsse“ der israelischen Regierung in den Raum zu stellen, um jenseits des Dauerzustandes einzelne Anschläge auch noch mit „dummen Beschlüssen“ der israelischen Regierung zu rechtfertigen. Das erinnert an den Spruch, dass die Juden ohnehin an Allem Schuld seien, am Holocaust, am Terror und an allen Kriegen.

    12) „Barak gestattete Ariel Sharon seinen provokativen Besuch auf dem Tempelberg, in Begleitung von hunderten von Polizisten und Soldaten. So verursachte er die zweite Intifada und bereitete den Weg für Sharon.“ Wieder hat Avnery recht, jedoch ohne zu erwähnen, dass Barak kein rechtliches Mittel in der Hand hatte, Sharon diese „Demonstration“ im Rahmen der demokratischen Rechte zu verweigern, nachdem der Geheimdienstchef der Palästinenser Dschibril Radschub, Arafat selber und der Jerusalem-Minister Faisal Husseini glaubwürdig versichert hatten, dass es keine „Störung der öffentlichen Ordnung“ geben werde. Deshalb hat das Oberste Gericht Israels jene Demo des Oppositionschefs Scharon genehmigt. Radschub und Husseini waren auf dem Tempelberg physisch anwesend. Die „Unruhen“ brachen erst einen Tag später, am Freitag, aus. Der oben schon erwähnte Marwan Barghouti protzte in einem Zeitungsinterview ein Jahr später, die Intifada von langer Hand vorbereitet und Scharons Demonstration als willkommenen „Auslöser“ benutzt zu haben. Avnery benutzt die üblichen Klischees, die nicht einmal mehr im damaligen Mitchell-Report akzeptiert wurden.

    Dies sollte als Erwiderung eigentlich reichen, obgleich es auch in den weiteren Ausführungen Punkte gibt, die eigentlich nicht unwidersprochen stehen gelassen werden sollten.

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