„Im Business der Wahrheitsfindung“: Seminar zur Erforschung des Holocaust-Papstes

In der Holocaust Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem begann am Sonntag ein nicht öffentliches Seminar zum Stand der wissenschaftlichen Forschung über Papst Pius XII während der Schoah…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. März 2009

Die Presse war nur zu den beiden Eröffnungsreden der Gastgeber zugelassen, des Nuntius Erzbischof Antonio France und des Jad Vaschem Direktors Avner Schalev. Unter den rund 30 geladenen Gästen war auch Professor Thomas Brechenmacher aus Potsdam. Er hatte über die Beziehungen zwischen Judentum und Vatikan im neunzehnten Jahrhundert promoviert. „Es ist an der Zeit, dass in der Öffentlichkeit mehr differenziert wird und Hochhuths Stellvertreter nicht mehr für eine geschichtliche Wahrheit gehalten wird“, sagte Brechenmacher im Gespräch vor Beginn des Seminars.

Schalev sagte in seiner Eröffnungsrede, dass der Holocaust so intensiv erforscht werde, wie kein anderes Ereignis der Menschheitsgeschichte. Der Holocaust und die Frage, warum es dazu kam, gehöre wegen der moralischen Dimension zu den „Grundfragen der menschlichen Existenz“.

„Wir hatten das Gefühl, dass es auch zur Rolle von Papst Pius XII neue Erkenntnisse gibt. Deshalb haben wir dieses Seminar einberufen.“ Jad Vaschem und der Vatikan wollen wohl auch Wogen glätten, ehe Papst Benedikt in genau zwei Monaten die Gedenkstätte besucht. „Wir sind im Business der Wahrheitsfindung“, sagte Schalev. Er redete über die enge Kooperation mit dem Vatikan und dem gemeinsamen Interesse, wissenschaftlich begründetes Licht in bestehende Kontroversen zu bringen.

shalev
Der Nuntius (r.) legt seine Hand auf den Arm von Avner Schalev und will „keine Provokation“.

Kontrovers ist zum Beispiel eine Schrifttafel im Holocaustmuseum. Vor zwei Jahren boykottierte deswegen der vorige Nuntius die jährliche Holocaust-Gedenkzeremonie. Neben einer amerikanischen Luftaufnahme des Vernichtungslagers Auschwitz mitsamt der Frage „Warum wurde Auschwitz nicht bombardiert?“ hängen ein Photo des Papstes Pius XII und eine Schrifttafel.

piusxii

Darin wird die Reaktion jenes Papstes auf die Ermordung der Juden während des Holocaust als „kontrovers“ bezeichnet. 1933 sei er als Sekretär des Vatikanstaats aktiv gewesen, mit dem „deutschen Regime“ ein Konkordat zu erlangen, um die Rechte der Kirche in Deutschland zu bewahren, „obgleich das einer Anerkennung des rassistischen Regime der Nazis gleichkam“. Nach seiner Wahl zum Papst 1939 habe Pius XII einen vorbereiteten Brief gegen Rassismus und Antisemitismus zurückgezogen. Nachdem Nachrichten über Morde an Juden den Vatikan erreicht hätten, habe der Papst „weder verbal noch schriftlich dagegen protestiert“. Im Dezember 1942 habe sich der Papst geweigert, eine Deklaration der Alliierten zu unterzeichnen, in der die Vernichtung der Juden verurteilt wurde. Er habe nicht eingegriffen, als Juden von Rom nach Auschwitz abtransportiert wurden. Während des ganzen Zweiten Weltkriegs habe der Papst seine „neutrale Position“ bewahrt. Wegen seines „Schweigens“ und mangels „Richtlinien“ hätten Kirchenleute in ganz Europa alleine entscheiden müssen, ob sie Juden retten oder nicht.

Ohne auf diese umstrittene Tafel einzugehen, erklärte Nuntius Franco, dass die katholische Kirche und der Vatikan von keiner „Agenda“ und keinem „Interesse“ geleitet seien, sondern allein nach der „Wahrheit“ suchten. Das Treffen in der Jerusalemer Gedenkstätte sei „keine Konfrontation, sondern ein vertrauensvoller Dialog zur Vergangenheit“. Gleichwohl redete er von einer „neuen Phase der Beziehungen und Kollaboration bei der Suche nach der Wahrheit“.

Im vergangenen Monat, so der Nuntius, habe es „einige traurige Momente“ in den Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem jüdischen Volk gegeben, „wegen der Interpretation von Fakten“. Der Nuntius meinte die Leugnung des Holocaust durch Bischof Richard Williamson. Der hatte behauptet, dass „nur“ 300.000 Juden umgekommen seien und dass es keine Gaskammern gegeben habe.

„Das bringt mich auf eine Überlegung, die, glauben Sie mir bitte, nicht als Provokation intendiert ist“, sagte der Nuntius mit großem goldenen Kreuz auf der Brust. „Ich glaube, dass die Historiker hart daran arbeiten, ein schriftliches Dokument mit dem Befehl Hitlers zu finden, das jüdische Volk zu eliminieren. Es ist bis heute nicht gefunden worden. Das gleiche Kriterium sollte auch für die Kirche gelten. Es geht nicht um das Dokument, sondern um das Zeugnis. Es ist die Realität der Fakten. Niemand kann die Schoah verleugnen, weil sie Fakt ist. Niemand kann die Aktivitäten der Kirche verleugnen, weil sie Fakt sind.“

Avner Schalev schüttelte heftig den Kopf und machte sich Notizen, als der Nuntius über das Fehlen eines schriftlichen Führerbefehls redete. Doch weil wenige Minuten später alle Presseleute des Raumes verwiesen wurden, bestand keine Gelegenheit, Avner zu fragen, ob neben bekannten mündlichen Äußerungen und Hitlers unzweideutigen Ausführungen in „Mein Kampf“ doch ein schriftlicher „Führerbefehl“ vorliege. Immerhin gbit es einen von Hitler unterzeichneten Befehl für die „Euthanasie“. Mitsamt Gaskammern, wie in Pirna bei Dresden, bewirkte der Befehl die Ermordung von Geisteskranken, schwerverletzten Wehrmachtssoldaten und anderem „lebensunwertem Leben“, lange vor Beginn der industriellen Ausrottung der Juden ab 1942.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

3 Kommentare zu “„Im Business der Wahrheitsfindung“: Seminar zur Erforschung des Holocaust-Papstes

  1. Der andere Holokaust.
    Niemenad spricht vom anderem Holokaust, der der katholischen Kroaten gegen den orthdoxe Serben, zirka 700000-1000000, die Buchhaltung war nicht so gut.
    Dieser war zu einem grossen Theil relgiös motiviert (teis politische, aus kommunismus-Angst. Kein Rassismus.
    Wenn man von Antisemitismus spricht, denkt man heute an Rassismus. Davor kann man Rom freisprechen. Was gegenüber Juden und Serben geschah, war religiöser Hass, sozusagen theologisch motiviert. Das hat sich nicht geändert, und ist gleich dem fundamentalistischem muslimischen Judenhass.

  2. Falls Papst Pius XII. tatsächlich ein „Freund der Juden“ gewesen wäre, warum hat er bis zu seinem Tod auf die Anerkennung des Judenstaates Israel verzichtet?
    Damit hätte er doch ganz einfach beweisen können, dass er es ernst meint mit seiner „Freundschaft“.
    Es mussten noch drei weitere Päpste ‚abgewartet‘ werden, ehe der vierte dann, im fünfzehnten Jahre seines Pontifikats, das war der polnische Johannes Paul II., diesen Schritt vollzog.
    Kann man sich ein noch deutlicheres Zeichen vatikanischer Judenfeindschaft überhaupt vorstellen? Diesen Gesichtspunkt sollte man bei den Gesprächen in Jad Vashem ebenfalls zur Sprache bringen!
    Und Pius XII. war, wie bereits aus seinen Briefen aus Bayern, als Nuntius, hervorgeht, ein Mann voller Vorurteile und Abneigung gegenüber Juden.
    Chaverim, lest die Bücher von Deschner, Goldhagen u. a., dann versteht ihr!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.