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Bayerische Chronik: Ein christliches Land (13. – 15. Jh.)

Rabbi Meir ben Baruch (geb. 1220) hatte zunächst bei seinem Vater, dann in Würzburg und in Frankreich studiert und sich schließlich in Rothenburg niedergelassen: dort lebte er mindestens dreißig Jahre, ehe er um 1281 nach Worms überwechselte…

Von Robert Schlickewitz

1293

Nach sieben Jahren Haft, zuletzt in Wasserburg, stirbt Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg. Dieser bedeutendste jüdische Gelehrte seiner Zeit war um 1220 in einer Familie von Toragelehrten geboren worden, hatte zunächst bei seinem Vater, dann in Würzburg und in Frankreich studiert und sich schließlich in Rothenburg niedergelassen: dort lebte er mindestens dreißig Jahre, ehe er um 1281 nach Worms überwechselte. Rabbi Meir, eine hohe Autorität und höchste richterliche Instanz der Juden ganz Deutschlands, unterrichtete Schüler, beantwortete Anfragen aus dem In- wie Ausland und trat als Autor von scholastischen Talmudkommentaren, liturgischen Dichtungen und Klageliedern hervor; als sich die Lage der Juden in deutschen Landen zu verschlechtern begann, als die Ritualmordvorwürfe und -anklagen zunahmen, jüdischer Besitz immer häufiger enteignet wurde, Juden zu Knechten der königlichen Finanzkammer gemacht werden sollten, befand sich auch Rabbi Meir auf der Flucht; die Häscher des Königs Rudolf I. von Habsburg ergriffen ihn jedoch und inhaftierten ihn; für ein extrem hohes Lösegeld sollte er freikommen, doch der Rabbi zog es, aus Furcht vor neuen noch höheren Forderungen, vor, lieber in Haft zu bleiben und setzte von dort aus seine Lehrtätigkeit fort; nach seinem Tod ziehen sich die Verhandlungen um die Herausgabe seines Leichnams noch vierzehn Jahre hin und der Jude Alexander Wimpfen muß eine ungeheure Summe Geldes an die Christen bezahlen, ehe der Rabbi endlich in Worms bestattet werden kann; sein Ruhm und sein Einfluss überleben ihn um Jahrhunderte

1298

Fleischermeister (genannt: „Ritter“) Rindfleisch führt im fränkischen Röttingen eine Bande christlicher Schläger an. die unter dem (erlogenen) Vorwand Juden hätten Hostien geschändet, Angehörige der Minderheit überfallen, berauben und ermorden; der Wahn greift rasch auf insgesamt 140 Städte und Orte Frankens über und führt zur Vernichtung der Judengemeinden in Rothenburg, Neustadt/Aisch, Windsheim, Mergentheim. Kitzingen. Nürnberg. Bamberg. Würzburg. Heilbronn. Nördlingen: nur in Regensburg gelingt es dem Rat der Stadt die Verfolgungen abzuwehren; insgesamt kostet der Blutrausch der Christen 5000 Juden das Leben

Ende 13. Jh.

Neben dem Kaiser verlangen auch noch Landesherr und Stadt Abgaben von ihren jüdischen Untertanen: der Erwerb von Ämtern und Grund, die Erlangung von Bürgerrechten und die Zulassung in Zünften wird Juden immer schwerer gemacht; es bleibt ihnen nur mehr Geldhandel und Kredit- bzw. Zinsgeschäft, Ursachen für spätere Verfolgung durch die Christen.

1336

Im Sommer kommt es in Mainfranken zu blutigen Judenverfolgungen durch die Scharen von Arnold dem Jüngeren von Uissigheim; der auch „König Armleder“ genannte Ritter wird von den Würzburgern geschlagen und in Kissingen hingerichtet: später huldigt man seiner als Märtyrer und verehrt ihn als Opfer jüdischer Tücke; Volkssagen beginnen sich um seine Gestalt zu ranken und erneute Judenverfolgungen brechen los, die sich von Franken aus bis ins Unterelsass ausbreiten:Verschuldung durch Pfandleihe nennen Zeitgenossen als Hintergrund der Verfolgungen.

1338

Im niederbayerischen Deggendorf werden, nachdem die Obrigkeit das Gerücht von der „Hostienschändung“ verbreitet hat, alle Juden ermordet oder vertrieben; Pogrome in ganz Niederbayern schließen sich an.

1380

In München wird eine Synagoge errichtet, die nach der endgültigen Vertreibung der Juden von 1442 zur christlichen „Grabeskirche“ umgewandelt wird.

1386

Der erste bekannt gewordene Hexenprozess in München findet statt.

1409

Bischof Eberhard veranlasst in Augsburg die Verbrennung eines Gerbers bei lebendigem Leib wegen „Sodomiterei“ (Homosexualität); Tausende verlieren auf diese Weise ihr Leben, weil die Kirche in der “Sodomie“ eine Verleugnung des christlichen Glaubens sieht.

1417

Gemäß der „Kosmographie“ des Humanisten Sebastian Münster (1550) unterzeichnet König Sigismund in Lindau einen Schutzbrief für „Zigeuner“; er gilt auch für Bayern.

1417

Eine anonyme Chronik der Stadt Augsburg, die sogenannte „Pfälzer Handschrift Nr. 676“ berichtet von „Ägyptenleute(n)“, die mit Schutzbrief versehen durch die Lande (Bayern) zogen; der Terminus „Ägypter“ war eine der alten Eigenbezeichnungen der Sinti bzw. Roma; dieser Beleg gilt als einer der ersten für die Ankunft von Sinti und Roma in Bayern.

1423

König Sigismund stellt einem „Zigeuner“-Führer, dem Woiwoden Ladislaus einen wohlwollenden Geleitbrief aus; dieses Schreiben übersetzt 1435 der Regensburger Chronist Andreas Presbyter aus dem Lateinischen ins Deutsche; es ist eines der wenigen Dokumente eines Herrschers, das zum Schutz der „Zigeuner“ ausgestellt wurde.

1424

Für den Monat August verzeichnet der Presbyter Andreas in der Regensburger Chronik die Anwesenheit von Cingari, die im Volksmund Cigäwnär genannt werden; ferner berichtet er, dass den Nichtsesshaften untersagt sei in den Städten zu wohnen; als Herkunftsgebiet gibt er Ungarn an; die Regensburger sprächen ferner davon, bei der Gruppe handele es sich um „geheime Ausspäher der Länder“; auch vom Vorhandensein mehrerer Geleitbriefe ist bei dem Mönch die Rede.

1433

In der Haupt- und Residenzstadt München wird die allgemein verbreitete Prostitution reguliert: man beschließt die Einrichtung eines ersten städtischen „Frauenhauses“; bis zu dessen Fertigstellung müssen die Freier noch wie bisher ins Henkershaus, das als vorübergehende Notlösung dient, aber schwerer zu kontrollieren ist; Zugang zum neuen städtischen Freudenhaus haben nur Christen und nur solche, die unverheiratet sind; aufgrund veränderter Sexualmoral, nicht etwa, weil sich die Bedürfnisse verändert hätten, wird das Etablissement gegen Ende des 16. Jahrhunderts geschlossen.

1438

Nachdem noch Anfang des 15. Jahrhunderts die Talmudschule Jakob Weils in Augsburg viele Schüler angezogen und eine guten Ruf genossen hatte, werden nun alle Juden aus der Stadt ausgewiesen; als Vorwand nennt die christliche Mehrheit angeblichen Ungehorsam der Minderheit gegenüber der Stadtobrigkeit und einen generell ‚“üblen Einfluss“ der Juden: für 1532-1540 ist eine hebräische Druckerei in der Stadt belegt, jedoch offiziell werden Juden erst 1803 wieder in Augsburg zugelassen.

1439

Der Humanist Johannes Thurmair von Abensberg („Aventinus“) hält in seiner Bayerischen Chronik („‚Annales Boiorum“, 1522 beendet) für das Jahr 1439 fest, dass „‚Zigeuner'“ unter ihrem König Zindel (auch: Zundel) begannen „unser Gebiet zu durchstreifen'“; die als Grund für ihren Wandertrieb angegebene auferlegte Buße bezweifelt Aventinus und nennt die „Zigeuner“ ein „Gemisch und Auswurf verschiedener Stämme aus dem Grenzgebiet des Türkenreiches und Ungarns; da er bei der bei den „Zigeunern“ vernommenen Sprache vom Wendischen spricht, versteht er unter „Zigeunern“ nicht nur Sinti und Roma, sondern auch andere Nichtsesshafte die Rotwelsch sprachen.

ab 1442

Aus Ober- und Niederbayern werden alle Juden vertrieben: Synagogen werden zum Teil zu Kirchen umfunktioniert; das Ausweisungsdekret wird danach mehrfach erneuert, so dass etwa 300 Jahre keine Juden in diesen Regionen siedeln können.

1478

Nach dem Vorbild Wiens (1443) und Kölns (1446) erlässt Nürnberg eine Bettlerordnung; sie sieht vor, dass Bettler, die um Almosen bitten, sich mit Bettlerbriefen ausweisen müssen; diese Briefe bestätigen, dass ihre Inhaber ohne eigene Schuld, etwa weil ihr Haus abbrannte oder weil sie wegen ihres christlichen Glaubens vor den Türken fliehen mussten. verarmt sind; natürlich sind diese Briefe leicht zu falschen und sie werden schwarz gehandelt; Räuberbanden benutzen sie unberechtigt und am Ende stehen als die Schuldigen immer wieder die „Zigeuner“‚ da.

1478

Die jüdische Gemeinde von Passau wird ausgelöscht; wie schon so oft andernorts, liefert auch hier der Vorwurf, Hostienfrevel begangen zu haben, auch den Christen der ostbayerischen Stadt den Vorwand ihre jüdischen Mitbürger zu ermorden, zwangszutaufen, zu vertreiben und sich an ihrem Eigentum zu vergreifen: die Passauer Synagoge wird abgerissen und an ihrer Stelle die Salvator (Erlöser) Kirche gebaut; erst im März 2005 und erst nach langen öffentlichen Diskussionen, die dem Ruf der Stadt Passau großen Schaden zufügen, wird an diesem Bauwerk eine Gedenktafel angebracht.

1484 Die Hexenbulle (päpstlicher Erlass) von Papst Innozenz VIII. (5. 12.) und der so genannte „“Hexenhammer'“ der päpstlichen Inquisitoren Heinrich Institoris und Jakob Sprenger von 1487 geben systematische Richtlinien zum Hexenwesen und dessen Bekämpfung an; eine ersteWelle von Hexenprozessen ergreift Deutschland und führt zu Verurteilungen und Lebendverbrennungen in fast allen Regionen.

1496- 1497

Anlässlich des Reichstages zu Lindau wird auch über „Zigeuner“ beratschlagt; man wirft ihnen vor „vom Sultan der Türkei“ ausgeschickt worden zu sein, um die Christenländer auszuspionieren; am 27. 1. 1497 stehen „Spielleute“, Bettler und „Zigeuner“ sogar auf der Tagesordnung eines Ausschusses, jedoch vertagt man sich hierzu beschlusslos auf den nächsten Reichstag; die Furcht vor den als „Erzfeind der Christenheit“ angesehenen Türken schafft reichsweit ein Klima des Misstrauens gegenüber allen Fremden.

1497- 1774

Nicht weniger als 146 Zigeuneredikte sind für diese Jahre nachgewiesen, die Vertreibung oder Ausrottung von „Zigeunern“ legitimieren. Der Antiziganismus trägt von Anfang an religiöse Züge: als „Heiden“, „Ketzer“ oder „Verbündete des Teufels“ gebrandmarkt, verlieren die „Zehn Gebote“ für gläubige Katholiken und Protestanten auf die Nichtsesshaften bezogen plötzlich ihre Gültigkeit und eröffnen niedrigsten Instinkten Tür und Tor; ein inhumaner und verantwortungsloser, im besten Fall opportunistischer Klerus trägt durch hetzerische Predigten seinen verhängnisvollen Anteil dazu bei.

1498

Der Reichstag zu Freiburg beschließt „Zigeunern“ den Durchzug, das Handeln und den Aufenthalt zu verbieten; bis zum nächsten Osterfest haben alle „Zigeuner“ die Lande deutscher Nation zu verlassen oder sie gelten als vogelfrei („wann, wie und wo sie danach auftreten und jemand mit der Tat gegen sie zu handeln vornehmen wurde, der soll daran nicht gefrevelt noch Unrecht getan haben „): es folgen zahlreiche ähnlich lautende Zigeuneredikte der Fürstentümer des Reiches und weiterer deutscher Herrschaftsgebiete; der „Zigeunerartikel“ des Reichstags geht einher mit Beschlüssen über andere nichtsesshafte Gruppen oder Einzelpersonen: Pfeifer (Musikanten), Sänger. Schalksnarren, Landfahrer, Bettler usw.; als höchste Instanz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gibt der Reichstag auch für Bayern bindende Richtlinien ab.

1498/1499

Die Nürnberger Juden werden vertrieben.