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Die beste Show in der Stadt

Die angekündigte Pressekonferenz des abgesetzten israelischen Staatspräsidenten Mosche Katzav in seiner Heimatstadt Kirjat Malachi, irgendwo zwischen Tel Aviv und Beer Schewa, war das Ereignis des Tages…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 13. März 2009

Katzav muss sich wegen Vergewaltigung und unzüchtiger Handlungen an Untergebenen vor Gericht verantworten. Zwei Jahre lang benötigte die Staatsanwaltschaft für die Vorbereitung der Anklageschrift. Nur gelegentlich geriet Katzav in die Schlagzeilen, etwa als die Knesset, das israelische Parlament, ihm trotz erheblichen Verdachts ein von staatswegen finanziertes Büro, einen Fahrer, eine Sekretärin, eine Luxuslimousine und alle anderen Vergünstigungen für ein ehemaliges Staatsoberhaupt zubilligte.

Pünktlich um 19:30 Uhr unterbrachen am Donnerstag alle drei nationalen Fernseh- und Radiosender ihr Programm für die seit zwei Tagen angekündigte Pressekonferenz. Katzav wollte „bahnbrechende“ Enthüllungenpreisgeben. Lange Minuten wartete mit bangem Interesse die gesamte israelische Lokalpresse. Die angesehensten Kommentatoren reisten in die Kleinstadt Kirjat Malachi, während in den Studios die Rechtsexperten bereit standen, um Katzavs Enthüllungen zu kommentieren.

Endlich kam er, im gut sitzenden Anzug mit fein säuberlich gekämmten Haaren. Seine Frau Gila, im tiefschwarzen Kostüm, setzte sich unter die Journalisten auf einen weißen Plastikstuhl. Doch Katzav „verbot“ den Presseleuten, ihr Gesicht von vorne abzulichten. Der 1945 im Iran geborene Likudpolitiker, der völlig überraschend im Jahr 2000 gegen Schimon Peres (seinem Nachfolger) mit den Stimmen religiöser Abgeordneter die Wahl zum Präsidenten gewann, begann endlich seine mit Spannung vom ganzen Volk erwartete Pressekonferenz.

Katzav hob an. Alle Welt sei gegen ihn. Die Polizei, der Rechtsberater der Regierung, der Staatsanwalt, die Presse. Er redete und redete und redete. Nach einer geschlagenen Stunde wurden die privaten Fernsehsender ungeduldig. Sie wollten nicht auf ihre übliche Nachrichtensendung verzichten. Der öffentlich rechtliche Fernsehsender hielt es wohl für eine nationale Pflicht, den angeklagten Staatspräsidenten weiter zu Wort kommen zu lassen. Beim Radio wurden die Sportreporter ungeduldig, weil sie irgend ein äußerst wichtiges Fußballspiel live übertragen wollten.

Katzav redete und redete und redete. Er setzte seine Attacken gegen alle Welt fort und attackierte schließlich Journalisten. Einige saßen im Raum und hatten angeblich nicht-recherchierte Lügenberichte über Katzav veröffentlicht. Der politische Kommentator von „Maariv“ platzte. Er wolle Katzav kontern. Doch der Ex-Präsident befahl dem Journalisten, den Saal zu verlassen, falls er nicht ruhig seine Ausführungen anhören wolle. Katzav redete, redete und redete. Seine Medienberater wurden nervös und reichten ihm Zettel mit dem hebräischen Wort: Halt dich kurz. Aber Katzav redete unbeirrt weiter. Es wurde 20:00 Uhr, dann 21:00 Uhr. Schließlich, gegen 22:00 Uhr, meinte er, dass es spät geworden sei. Deshalb könne er keine Journalistenfragen entgegen nehmen. Katzav verschwand hinter einem Vorhang, während die verprellten Journalisten wütend ihr ganzes Repertoire an hebräischen und arabischen Flüchen abließen. Ein Anwalt des angeklagten Ex-Präsidenten erklärte, dass Katzav um sein Ansehen und seinen guten Ruf kämpfe. Doch seine Medienberater warfen das Handtuch und kündigten. Katzav sei zwar unschuldig und habe niemals eine seiner Untergebenen vergewaltigt, doch könnten sie mit ihrem Klienten nicht mehr zusammen arbeiten.

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In besseren Tagen: Katzav überreicht dem Papst das Buch
von Ulrich und Varda Sahm „Vom Brot allein“

Die Kommentatoren stritten, ob Katzav ein „armseliges Bild“ abgegeben habe und ob ihm Mitleid gebühre. Die Zeitungen kommentierten am Freitag, dass sein Auftritt „pathetisch“ gewesen sei und widerlegten viele seiner Vorwürfe mit „Fakten“. „Er schoss in jede Richtung“ titelte eine Zeitung zu dem „Katzav-Zirkus“. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die Richter ihm „unzüchtige“ Handlungen nachweisen können und ins Gefängnis schicken. Diese „schreckliche“ dreistündige Pressekonferenz wird gleichwohl noch lange als denkwürdiges Ereignis im nationalen Gedächtnis bleiben.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com