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Kardinal Faulhaber: Vom Wert repräsentativer Nachschlagewerke

Über die Zuverlässigkeit biografischer Einträge am Beispiel der Einschätzung des bayerischen Kardinals Michael von Faulhaber…

Robert Schlickewitz, März 2009

Von einem Lexikon, besonders einem ‚hochwertigen‘, mehrbändigen, mit altem Traditionsnamen, erwartet man, so zumindest die landläufige Annahme, über den neuesten Kenntnisstand auf allen Gebieten, nicht nur dem der Atomphysik, informiert zu werden.

Jedoch sollte man auch in dieser Beziehung nicht die Gesetze der freien Marktwirtschaft außer Acht lassen: Nachschlagewerke zielen wie alle Produkte auf möglichst viele Abnehmer und das heißt für die Lexikonredaktionen („Institute“) nichts anderes als, Kompromisse einzugehen. Letztere gehen, wie man leicht erraten kann, selbstverständlich auf Kosten der Wahrheit – bei gewissen Einträgen.
Denn, rasch wären mit Tradition, Religion aber auch mit Nation verbundene (‚patriotische‘) Gefühle verletzt, wären Tabus gebrochen, hielte sich der kulturelle Konsens einer ganzen Gesellschaft für vor den Kopf gestoßen, wenn, ja, wenn die Wahrheit in einem Lexikonartikel auch nur ‚eine Auflage zu früh‘ veröffentlicht werden würde.

Im konkreten Fall geht es um die Einschätzung der Person und des Lebenswerks eines der umstrittensten bayerischen katholischen Kleriker, die des aus Unterfranken stammenden, ehemaligen Münchner Kardinals und Kollaborateurs Papst Pius‘ XII., Michael von Faulhaber (1869-1952).
Wer die einschlägigen Werke von Deschner, Klee, Goldhagen u. a. über die unselige NS-Geschichte des deutschen, speziell bayerischen, Katholizismus gelesen hat, bzw. wer die Geschichte der Minderheiten (neben Juden auch der Sinti und Roma, „Zigeuner“, Homosexuellen) in Bayern gut kennt, kann sich nur wundern über eine Gesellschaft, die wie Lion Feuchtwanger es so treffend auf uns Bayern bezogen, ausgedrückt hat, „die Fäuste auf die Augen presst, um zu verhindern, dass es Tag wird“, indem sie, trotz neuester Erkenntnisse weiterhin festhält an einem Bild des Kardinals als eines „entschiedenen Gegners“ des Nationalsozialismus‘ und möglicherweise noch als eines „Freundes der Juden“.

Nachfolgend stehen sich zum Vergleich in chronologischer Reihenfolge Bewertungen aus Nachschlagewerken aus einem Zeitraum von einem halben Jahrhundert gegenüber. Dabei fällt auf, dass, obwohl bereits in den 1980er Jahren ‚entlarvende‘ Informationen über den Kirchenoberen in anerkannten Fachbüchern abgedruckt wurden, sich manche Nachschlagewerke bis in die Gegenwart scheuen diese aufzugreifen und weiterzugeben.
Selbst das Lexikon, das sich mit dem Namen jener Wochenzeitung schmückt, die jahrzehntelang zur Lieblingslektüre der kritisch-bürgerlichen Intelligenz unseres Landes zählte, macht hier keine Ausnahme.

Als Konsequenz daraus kann nur empfohlen werden, ‚kritische‘ Personalien in Zukunft ausschließlich in echten Fachbüchern nachzuschlagen oder darauf zu hoffen, von Wikipedia vertrauensvoll ‚bedient‘ zu werden.

Faulhaber, Michael von, …;

…führende Gestalt des Katholizismus in Dtschld., bed. Kanzelredner.
Münchner Merkur Volkslexikon, München o. J. (1951)

F. war ein als Kirchenfürst und Prediger gleich hervorragender Führer des bayerischen Katholizismus, zugleich stets ein energ. Verteidiger der kath. Kirche und Lehre.
Der Grosse Brockhaus, 16. Aufl., Wiesbaden 1953

Als führende Gestalt des dt. Episkopats kämpfte F. gg. Intoleranz u. Rassenhaß u. war mit seiner hervorrag. Predigtgabe einer der stärksten Gegner des Nationalsozialismus.
Der Grosse Herder, 5. Aufl., Freiburg 1954

Unerschrockener Kämpfer gg. den Nationalsozialismus für die Rechte der Kirche u. für die Menschenrechte, bes. auch für die Juden. Er zeichnete sich als Seelsorger, als Caritasbisch(of) z. Z der beiden Weltkriege sowie als Wissenschaftler, Schriftsteller und Prediger v. klass. Eigenart in Wort u. Gedanke aus.
Lexikon für Theologie und Kirche, (Hg.) J. Höfer und K. Rahner, 2. Aufl., Freiburg 1960

Als Kirchenf(ührer) galt seine Fürsorge v. a. der Seelsorge, der Volksmission und der Priesterausbildung. An dem bayer. Konkordat 1924 war er maßgeblich beteiligt. Eine Trennung von Kirche und Staat lehnte er ab, die Konfessionsschule verfocht er entschieden. Der überzeugte bayer. Monarchist verurteilte die Novemberrevolution als „Meineid und Hochverrat“ auch noch 1922. Die Republik wie die Demokratie lehnte er ab, dem Sozialismus war er feind. So stand er dem NS. anfänglich nicht feindlich gegenüber, wandte sich aber bereits in den Adventspredigten 1933 gegen Rassenhaß und die Lehren Rosenbergs („Judentum, Christentum, Germanentum“, 1934). Doch bemühte er sich auch noch später (1936 Gespräch mit Hitler) um einen Ausgleich, da er als Christ glaubte, sich der Staatsgewalt unterordnen zu müssen, selbst wenn ein Pilatus oder Nero auf dem Thron sitze; er schloß sich daher auch der Widerstandsbewegung Goerdelers nicht an. Bei der Führerstellung, die seine Person im dt. Kath. innehatte, war seine Haltung von grundsätzlicher Bedeutung.
Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. Aufl., München 1973/1974

Aus Treue zur 1918 gestürzten Monarchie blieb er in kühler Distanz zur republikan. Staatsform. Schon vor 1933 war er entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Nach einigem Zuwarten (infolge der „legalen“ Reichskanzlerschaft Hitlers und des Abschlusses des Reichskonkordats) stellte er sich entschieden gegen Rassismus (Verteidigung des A. T.) und Kirchenfeindlichkeit der Hitlerregierung. An der Abfassung der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937) war F. maßgeblich beteiligt. Bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs erschien er als Führer des kath. Widerstandes. Bed. als Seelsorger, Prediger und religiöser Schriftsteller.
Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, 9. Aufl., Mannheim u. a. 1973/1979

Als Wissenschaftler namhafter Theologe, gleichzeitig großer Redner, durchdrungen von dem Bemühen nach Intensivierung des religiösen Geistes. Als Kirchenorganisator bedeutsam durch die Schaffung von Einrichtungen zur kirchlichen Ausbildung und geistlichen Betreuung der Laienschaft (…). Im Verhältnis Staat-Kirche Vorkämpfer für die Konfessionsschule und Gegner einer Trennung von Staat und Kirche. Während des Nationalsozialismus wendete er sich in öffentlichen Predigten gegen die antisemitische und nationalistische Politik…
Bosls Bayerische Biographie, Karl Bosl (Hg.), Regensburg 1983

Kardinalerzbischof von München-Freising und damit einer der prominentesten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland…
Als bayerischer Monarchist hatte F. zur Weimarer Republik stets ein gespaltenes Verhältnis. Bisweilen bestritt er deren Legalität sogar, indem er ihren Beginn (den Umsturz von 1918) als Rechtsbruch und Hochverrat bezeichnete. Im Dritten Reich suchte er zwischen Ablehnung und Zustimmung einen Mittelweg zu finden. So legte er einerseits zwar Wert auf ein gutes „Klima“ seiner Beziehungen zu den NS-Behörden, versuchte aber andererseits, so gut es ging, die vitalen Interessen der katholischen Kirche zu schützen. Zwar unterband das 1933 zwischen dem Regime und der Kirche abgeschlossene Reichskonkordat offene Auflehnung, doch protestierte F., als es sich herausstellte, daß die Nationalsozialisten immer wieder das Abkommen verletzten. Kurz vor Weihnachten 1933 hielt der Kardinal in der Münchener St.-Michaels-Kirche eine Reihe von Predigten, die dem Neuheidentum des Nationalsozialismus die Wertvorstellungen des Alten Testaments entgegenhielten. Nur wenig später unter dem Titel Judentum, Christentum, Germanentum, Adventspredigten veröffentlicht (1934), verteidigten diese Predigten die Prinzipien der rassischen Toleranz und Humanität gegenüber ungehemmtem Nationalismus und suchten so möglichen Angriffen gegen die jüdischen Ursprünge des Christentums zuvorzukommen.
Zweifellos erforderte der Appell des Kardinals, die jüdische Religion zu respektieren, damals bedeutenden Mut, doch F.s scharfe Unterscheidung zwischen Israel vor dem Kommen Jesu und dem modernen Judentum nach Jesus reflektiert die übliche Haltung der katholischen Kirche. Antagonismus gegenüber dem heutigen Judentum, so der Kardinal, müsse nicht auf die Schriften des vorchristlichen Judentums ausgedehnt werden. Dies verrät deutlich, daß es F. vor allem darum ging, Überlieferung und Autorität der katholischen Kirche zu verteidigen. Allerdings verurteilte Kardinal F. wiederholt Rassenhaß als „giftiges Unkraut“ im Wesen des deutschen Volkes und warnte, Gott habe stets diejenigen bestraft, die sein auserwähltes Volk (die Juden) verfolgt hätten. Während des antisemitischen Pogroms vom 9. November 1938 (der Reichskristallnacht) stellte er dem Münchener Oberrabbiner einen Lastwagen zur Verfügung, um die Rettung synagogaler Kultgegenstände zu ermöglichen. Andererseits wiederum unterließ er – wie alle anderen deutschen Bischöfe auch – jeden öffentlichen Protest gegen die damals begangenen Greuel.
Zwei Jahre zuvor, am 4. November 1936 hatte der Kardinal Hitler in Berchtesgaden besucht. Er war damals sehr beeindruckt von Hitlers diplomatischem Fingerspitzengefühl und glaubte, der Führer werde weiterhin die Belange der katholischen Kirche respektieren. Dies erwies sich jedoch schon bald als Illusion, wie aus der päpstlichen Enzyklika Mit brennender Sorge (1937) hervorgeht. Diese stammte z. T. aus der Feder Kardinal F.s, der in den von ihm entworfenen Partien seinen Protest gegen Verletzungen des mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossenen Konkordats zum Ausdruck brachte.
Dennoch unterstützte der Kardinal die NS-Außenpolitik zur Zeit des Anschlusses Österreichs und der Sudetenkrise 1938. Im November 1939 feierte er mit einem Dankgottesdienst Hitlers „wunderbare“ Rettung vor dem Attentat Georg Elsers. Obwohl mehrmals Widerstandskämpfer an ihn herantraten, ließ er sich nicht für eine Verschwörung gegen Hitler gewinnen, und schließlich verriet er sogar, was man ihm anvertraut hatte, als ihn 1944 die Gestapo verhörte. Trotz seines ohne Zweifel mutigen Eintretens für katholische Grundsätze sind daher Versuche, F. zum Helden des Kampfes gegen die Tyrannei des NS-Staates hochzustilisieren, zumindest übertrieben…
Robert Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich, Frankfurt a. M. 1983/1987

Als Kirchenfürst, seit 1921 im Kardinalsrang, genoß er, nicht zuletzt wegen seiner weltoffenen, geschliffenen Predigten, großes Ansehen und verstand es, die Sonderstellung und Eigenart des bayerischen Katholizismus im deutschen Episkopat zu wahren.
Stark national empfindend, traf ihn die militärische Niederlage und erst recht die Novemberrevolution wie ein Schock. Seinen politischen Standort umriß F. in der Silvesterpredigt 1918, als er die neue Regierung als eine “Regierung von Jehovas Zorn“ bezeichnete. Die Republik galt dem überzeugten bayerischen Föderalisten und Monarchisten als der Inbegriff von Zentralismus, Protestantismus und Sozialismus. Daraus resultierte auch seine reservierte Einstellung gegenüber dem Zentrum, das zur Zusammenarbeit mit der SPD bereit war. Zum Eklat kam es 1922 auf dem Münchner Katholikentag, als der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Tagungspräsident die Angriffe F.s mit der Bemerkung zurückwies, daß die Gesamtheit der deutschen Katholiken nicht hinter ihm stehe.
Obwohl er 1930 den Nationalsozialismus als eine Bewegung, die „mit der christlichen Weltanschauung nicht in Einklang zu bringen“ sei, verurteilt hatte, begrüßte er doch die Machtergreifung Hitlers und sah im Reichskonkordat die Garantie für ein geregeltes Verhältnis von Kirche und Staat. Mit seinen Adventspredigten über die Lebenswerte des Alten Testaments, der geschmähten „Judenbücher“, legte er zwar 1933 ein deutliches, stark beachtetes Zeugnis ab und erhob auch in der Folgezeit wiederholt seinen Protest gegen die kirchenfeindliche Politik der NS-Machthaber Gleichwohl erlag aber auch F. dem „Führer-Mythos“ und vermeinte bis zum bitteren Ende, zwischen Hitler als der persönlich integren, gottgesetzten Obrigkeit und untergeordneten Staats- und Parteistellen, die für die Verbrechen des Regimes verantwortlich seien, unterscheiden zu können. Nach 1945 trat er vor allem als scharfer Kritiker der amerikanischen Entnazifizierungs- und Schulpolitik hervor. (Clemens Vollnhals)
Biographisches Lexikon der Weimarer Republik, (Hg.) W. Benz und H. Graml, München 1988

War seit der Weimarer Republik die beherrschende Gestalt der katholischen Kirche in Bayern… Kardinal Faulhaber setzte sich besonders für die Bekenntnisschule und die Einheit von Staat und Kirche ein. Durch seine Verurteilung des Antisemitismus machte er sich schon vor 1933 die Nationalsozialisten zu Gegnern.
H. F. Nöhbauer, Die Chronik Bayerns, 3. Aufl., Gütersloh/München 1994

Stellte sich gegen die Kirchenfeindlichkeit des nat.-soz. Regimes.
Goldmann Lexikon, 24 Bände, (Hg.) Bertelsmann Lexikograph. Institut, München u. Gütersloh 1998

Als überzeugter Monarchist ablehnende Haltung ggüb. der Weimarer Republik. Trotz Kritik am NS nahm F. die „legale“ Machtergreifung Hitlers hin und begrüßte das Reichskonkordat v. März 1933. Danach aber Proteste gg. Konkordatsverletzungen, in den „Adventspredigten“ um Weihnachten 1933 Betonung der jüd. Ursprünge des Christentums (…). Verurteilung des Rassenhasses als „giftiges Unkraut“. Am 4. 11. 1936 Unterredung mit Hitler auf d. Obersalzberg, dabei Versuch, kath. Interessen zu schützen. Mitarbeit an der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937). In der „Kristallnacht“ Hilfe bei der Rettung jüd. Kultgegenstände in München. Nov. 1939 Dankgottesdienst f. d. Rettung Hitlers vor dem Attentat Georg Elsers. Trotz Protests gg. die Euthanasie u. mehrmaliger Kontakte Distanz zum Widerstand u. Festhalten an der Loyalität gegenüber der „gottgesetzten“ Obrigkeit.
Die Rolle F.s im Dritten Reich erscheint ambivalent. Neben mutigem Einsatz für die Belange der katholischen Kirche und Kritik am Rassenhaß der Nazis standen fortdauernde Versuche, sich mit dem Regime zu arrangieren.
Ri (Eva Rimmele)
Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, (Hg.) Hermann Weiß, Frankfurt a. M. 1998/2002

Laut Bischof Preysing ein Autokrat von „hoheitsvoller Kälte“ (…). Faulhaber verpflichtete 1933 die Geistlichen „in Predigt und Privatgespräch alles zu vermeiden, was das Vertrauen zur nationalen Regierung zerstören könnte.“ Nach einem Besuch bei Hitler am 4. 11. 1936 auf dem Obersalzberg: „Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott.“ Faulhaber am 2. 5. 1945 an Diözesanklerus: „Der Haß gegen die SS ist grenzenlos. Wir müssen von kirchlicher Seite mit Nachdruck darauf hinweisen, daß zwischen SS und SS ein großer Unterschied ist.“ Pastorale Anweisung Faulhabers vom 18. 6. 1945: “Man hat wochenlang Vertreter von amerikanischen Zeitungen und amerikanische Soldaten nach Dachau gebracht und die Schreckensbilder von dort in Lichtbildern und Filmen festgehalten, um der ganzen Welt bis zum letzten Negerdorf die Schmach und Schande des deutschen Volkes vor Augen zu stellen. Es wären nicht weniger schreckhafte Bilder, wenn man das furchtbare Elend, das durch die Angriffe britischer und amerikanischer Flieger über München und andere Städte kam … in einem Lichtbild oder Film hätte zusammenfassen können, wie das in Dachau geschehen ist.“…
Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt a. M. 2003/2005

stellte sich (mit seiner Verteidigung des A. T.) entschieden gegen den Rassismus und die Kirchenfeindlichkeit des Nationalsozialismus.
Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden, Hamburg u. Mannheim 2005

… (seit 1913), Kardinal. * Heidenfeld (…) 5. 3. 1869, + München 12. 6. 1952; wurde 1903 Prof. für A. T. in Straßburg. 1911 Bischof von Speyer, 1917 Erzbischof von München-Freising, 1921 Kardinal. Während des Ersten Weltkrieges war F. stellv. Militärbischof (Feldpropst) der bayer. Armee und hielt als solcher zahlr., von seinem damaligen patriot. Standpunkt getragene Kriegspredigten; nach dem Weltkrieg und dem Bekanntwerden des Gesamtumfangs seiner Opfer und Zerstörungen (…) trat er in Predigten und Ansprachen – hier auch eigene frühere Positionen revidierend – für polit. Mittel der Konfliktlösung in den Beziehungen zw. den Staaten und Völkern ein. In der Zeit des Nationalsozialismus bezog F. (theologisch symbolträchtig mit seiner Verteidigung des A. T.) entschieden Stellung gegen die nat.-soz. Ideologie (insbes. den Rassismus) und Kirchenfeindlichkeit und war maßgeblich an der Abfassung der Enzyklika Mit brennender Sorge beteiligt. Nach 1945 galt sein Wirken bes. der Organisation karitativer Hilfe, der Reorganisation des kirchl. Lebens und dem Aufbau einer Seelsorgestruktur für die Heimatvertriebenen. – Die Einschätzungen der Person und des Wirkens F.s, der sich theologisch fest in einem konservativen Volkskatholizismus verwurzelt wusste und sich zeit seines Lebens als dt. Patriot verstand, gingen in der Vergangenheit weit auseinander, nahmen nicht selten den Charakter ideologiegebundener bzw. –geprägter Verurteilungen an und haben erst in jüngster Zeit einer historisch gerechten Bewertung Platz gemacht.
Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006

Gegenüber dem Nat.soz. ambivalent, Verurteilung des Antisemitismus, Eintreten für das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Dankgottesdienst für die „wunderbare Errettung des Führers“ nach Bürgerbräu-Attentat im November 1939.
Enzyklopädie des Nationalsozialismus, (Hg.) W. Benz u. a., 5. Aufl., München 2007

Michael von Faulhaber wurde als drittes von insgesamt sieben Kindern eines Bäckers und Bauern geboren. Der Dorfpfarrer ermöglichte ihm ab 1879 den Besuch des Gymnasiums in Schweinfurt… Am 1. Mai 1913 erhob ihn König Ludwig III. von Bayern mit Verleihung des Zivilverdienstordens der Bayerischen Krone in den persönlichen Adelsstand. Mit Kriegsbeginn 1914 wurde er im Nebenamt stellvertretender Feldpropst (Militärbischof) der bayerischen Armee, zeitlebens zeichnete ihn eine Affinität zu Militär und nationalem Obrigkeitsstaat aus. Am 26. Mai 1917 wurde er als Nachfolger des verstorbenen Erzbischofs Franziskus von Bettinger zum Erzbischof von München ernannt und am 7. März 1921 durch Papst Benedikt XV. als Kardinalpriester mit der Titelkirche Sant’Anastasia in das Kardinalskollegium erhoben. Die Weimarer Republik sah der national-konservative Faulhaber kritisch. So äußerte er: „Könige von Volkes Gnaden sind keine Gnade für das Volk, und wo das Volk sein eigener König ist, wird es über kurz oder lang auch sein eigener Totengräber“. Dem Nationalsozialismus stand er aber ebenfalls kritisch gegenüber; er bezeichnete ihn im November 1930 als eine „Häresie und mit der christlichen Weltanschauung nicht in Einklang zu bringen“. In der am 24.1.1926 in Rom gegründeten Priestervereinigung „Amici Israel“ hatte Faulhaber eine führende Rolle inne. Hauptziel war die christlich-jüdische Versöhnung. Der Verein bat Papst Pius XI. am 2.1.1928 darum, die schroff formulierte Karfreitagsfürbitte für die Juden („Oremus et pro perfidis Judaeis“ – „Lasst uns auch beten für die treulosen Juden“) ändern zu lassen. Dem entsprechenden Antrag stimmte die Ritenkongregation zwar zu, letztlich wurde er aber vom Heiligen Offizium abgelehnt. Auch die „Amici Israel“ wurden vom Papst gerügt und aufgelöst. Faulhaber selbst hatte schon 1927 seinen Priestern beim Predigtkurs Programm und Gebetszettel der „Amici Israel“ mitgegeben und geboten: „Man vermeide in der christlichen Predigt alles, was antisemitischen Klang hat!“ … Faulhabers Loyalität zu staatlichen Autoritäten behinderte jedoch eine entschiedenere Opposition zu den Nationalsozialisten. Stattdessen begrüßte er nach ihrer Machtübernahme das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 mit dem Ziel die Unabhängigkeit kirchlicher Institutionen zu erhalten und bedankte sich bei Hitler in einem Telegramm Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertig brachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in 6 Monaten weltgeschichtlich verwirklicht. … Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler. Ebenso verpflichtete er die katholischen Priester, „in Predigt und Privatgespräch alles zu vermeiden, was das Vertrauen zur nationalen Regierung zerstören könnte“. Im November 1936 kam es zu einem Treffen Faulhabers mit Adolf Hitler und Rudolf Heß auf dem Obersalzberg, wonach Faulhaber Hitler erneut positiv bewertete: „Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott“. Faulhaber lehnte es ab, die Judenboykotte in den ersten Wochen der nationalsozialistischen Diktatur zu verurteilen. „Dieses Vorgehen gegen die Juden ist derart unchristlich, daß jeder Christ, nicht bloß jeder Priester, dagegen auftreten müßte. Für die kirchlichen Oberbehörden bestehen weit wichtigere Gegenwartsfragen; denn Schule, der Weiterbestand der katholischen Vereine, Sterilisierung sind für das Christentum in unserer Heimat noch wichtiger, zumal man annehmen darf, und zum Teil schon erlebte, daß die Juden sich selber helfen können, daß wir also keinen Grund haben, der Regierung einen Grund zu geben, um die Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen. Ich bekomme von verschiedenen Seiten die Anfrage, warum die Kirche nichts gegen die Judenverfolgung tue. Ich bin darüber befremdet; denn bei einer Hetze gegen die Katholiken oder gegen den Bischof hat kein Mensch gefragt, was man gegen diese Hetze tun könne. Das ist und bleibt das Geheimnis der Passion.“ 1937 entwarf er auf Wunsch Pius XI. die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ und geriet so in immer schärferen Gegensatz zu den nationalsozialistischen Machthabern. Am 11. November 1938 kam es zu einem Sturm auf das Erzbischöfliche Palais in München. Im März 1939 nahm er am Konklave zur Wahl Pius XII. teil. Gegen den Massenmord an Behinderten und chronisch Kranken durch die „Euthanasie-Aktion“ protestierte er 1940 mit einem öffentlichen Brief an den Reichsjustizminister. Faulhaber wandte sich am 26. Juli 1941 öffentlich gegen die Entfernung der Schulkreuze. Am 12. September 1943 verurteilte Faulhaber gemeinsam mit den deutschen Bischöfen im so genannten „Dekaloghirtenbrief“ allgemein die Tötung von Menschen fremder Rassen und Abstammung. Beim Einmarsch der amerikanischen Truppen versuchte Faulhaber in Verhandlungen, die Lebensbedingungen der Münchener Bevölkerung zu erleichtern. Seit Sommer 1945 intervenierte er für inhaftierte NSDAP-Mitglieder, die später als Kriegsverbrecher galten. Zum Einen setzte er sich zusammen mit den katholischen und evangelischen Bischöfen Bayerns für eine Freilassung inhaftierter Mitglieder der NSDAP ein, zum Anderen galt sein Augenmerk dem Präsidenten der mit Hitler verbündeten Slowakei, Mons. Jozef Tiso. Er erklärte den amerikanischen Besatzungsbehörden, eine pauschale Bestrafung aller NSDAP-Mitglieder sei nicht mit „der Demokratie” vereinbar. 1946 erfolgte ein erster Besuch bei Papst Pius XII. in Rom, unter anderem um Hilfslieferungen zu organisieren. Am 11. September 1948 konnte er wieder ein Pontifikalamt in den Ruinen der Münchener Frauenkirche feiern. 1949 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt München. Er starb am 12. Juni 1952 in München und wurde in der Unterkirche der Frauenkirche beigesetzt. Der wegen seiner unerschrockenen Äußerungen gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern während des Zweiten Weltkriegs von vielen Menschen verehrte Faulhaber wird heute zunehmend auch kritisch gesehen. Die Ambivalenz seiner Position zeigt sich auch darin, dass er zu seiner Zeit von der politischen Linken als Antidemokrat und Antisozialist, von den Nationalsozialisten als ideologischer Gegner und „Judenfreund“ betrachtet wurde. Im Jahre 1949 schreibt der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern an Faulhaber: „Als Vertreter der Bayerisches Kultusgemeinden werden wir nie vergessen, wie Sie, verehrter Herr Kardinal, in den Jahren 1933 mit einem Mut sondergleichen die Ethik des Alten Testaments von der Kanzel verteidigten und Tausende jüdischer Menschen vor dem Terror und der Gewalt geschützt haben.“
Kirchengeschichte
Im Jahr 1951 hat Michael von Faulhaber im Freisinger Dom Joseph Alois Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI. und dessen Bruder Prälat Georg Ratzinger zum Priester geweiht.
Auszeichnungen
1951: Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland …
http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_von_Faulhaber (aufgerufen am 25. 2. 2009)