- haGalil - http://www.hagalil.com -

„Münchner Frauen“ von Carry Brachvogel: Erinnerung an eine jüdisch-bayerische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin

An dieser Stelle werden in lockerer Folge Dokumente aus vergangenen Tagen präsentiert und somit diese selbst und/oder ihre Autoren vor dem Vergessen bewahrt bzw. auf Texte hingewiesen, die auch heute noch von Belang sein können. Literaten, Publizisten, Politiker, Wissenschaftler und außergewöhnliche Persönlichkeiten sollen ‚zu Wort‘ kommen, aber auch Texte aus alten Periodika, oder anderes Material, welches nur in Frakturschrift vorliegt, mit einem erläuternden Begleittext versehen einer modernen Leserschaft dargeboten werden. Den Anfang macht die bayerische Schriftstellerin Carry Brachvogel, deren Biografie hier kurz umrissen sei…

Von Robert Schlickewitz

Die als Caroline Hellmann 1864 in München geborene jüdische Kaufmannstochter heiratet den schlesisch-katholischen Literaten Wolfgang Brachvogel, mit dem sie in glücklicher Ehe bis zu dessen frühen Tod zusammenlebt. 1892 beginnt sie, auch aus materieller Not, selbst zu schreiben und kann bereits 1895 mit „Alltagsmenschen“ ihren ersten Roman vorlegen. Nach positiver Aufnahme durch die Kritik folgen bald „Der Erntetag“ und die Legendensammlung „Die Wiedererstandenen“, in der sich Carry Brachvogel mit der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes auseinandersetzt.

Jedoch tritt sie eher als (gemäßigte) Frauenrechtlerin hervor, indem sie in ihren Büchern Anreize zur Selbstverwirklichung für Frauen und Alternativen zum traditionellen Frauenleben ihrer Zeit anbietet. In „Die große Pagode“ etwa prangert sie die Ausbeutung und den menschenunwürdigen Umgang mit Schauspielerinnen in München an. Ihr Schwabinger Salon entwickelt sich rasch zu einem beliebten Treffpunkt gepflegten kulturellen wie politischen Gedankenaustauschs.

1913 gründet die Literatin gemeinsam mit Emma Haushofer-Merk mit dem „Verein Münchner Schriftstellerinnen“ auch eine Art Gewerkschaft für Frauen des ‚schreibenden Standes‘, zu deren illustreren Mitgliedern Ricarda Huch, Elsa Bernstein und Annette Kolb zählen. 1923 veröffentlicht Carry Brachvogel ihre kleine Liebeserklärung an Bayern: „Im Weiß-Blauen Land“, das so ganz nebenbei auch ein Dokument für das in Bewegung geratene bayerische Frauenbild wird. Als die Schriftstellerin im darauffolgenden Jahr ihren 60. Geburtstag feiert, fliegen ihr noch deutschlandweit Glückwünsche und Ehrungen zu, jedoch bewirkt die zunehmend judenfeindliche Stimmung, besonders in Bayern, ihre allmähliche Isolierung und Abdrängung in eine Existenz am Rande der Gesellschaft. Das Publikationsverbot von 1933 ist dann nur noch eine, ihre Deportation gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Universitätsprofessor Siegmund Hellmannn, im Juli 1942 in das KZ Theresienstadt die weitere Konsequenz. Vier Monate nach ihrer Einlieferung stirbt sie 78jährig.

Auch wenn Carry Brachvogel ein halbes Jahrhundert später dank der lobenswerten Bemühungen des Arbeitskreises „Frauenleben in München“ wiederentdeckt wird, warten ihre etwa vierzig Werke noch heute auf eine angemessene Würdigung durch die Nachwelt.

„Münchner Frauen“ ist Carry Brachvogels Sammelband „Im Weiß-Blauen Land“, München (1923) entnommen (S. 73-77).

Münchner Frauen

Während das Herz der Männer von alters her in zärtliche Schwingungen geriet, sobald das Wort „die Wienerin“ fiel, während es ein verliebtes Türütürülü anstimmte, sobald von der Pariserin die Rede war, schlug es gelassen, ja mißtrauisch, sobald man von der Münchnerin sprechen wollte. Die Münchnerin machte weder Eroberer noch Poeten mobil; unter der Münchnerin konnte man sich eigentlich gar keinen bestimmten Frauentyp vorstellen. Man traute ihr zwar gerne alle möglichen biederen Eigenschaften zu, nannte sie häuslich, fleißig, sparsam, gottesfürchtig, kurz, man stellte ihr so ungefähr das Zeugnis einer tüchtigen, verläßlichen Beschließerin aus. Aber Keinem wollte in den Sinn, daß sie ein Stückchen von Aphroditens Gürtel geschenkt bekommen hatte, daß auch um ihretwillen die Männer, wenn auch nicht gerade Verbrechen, so doch Tollheiten begehen konnten.

Die Münchnerin, – ja, das war sicher eine Provinzlerin, grobknochig, geschmacklos, ungraziös, war statt mit Formenreiz mit einem Blähhals ausgestattet, verbrachte ihr Leben zwischen Kuchel, Kirche und Hofbräuhaus. Die Fremden besonders schienen überzeugt, daß in München auch die Hofdamen in Wadlstrümpfen zur Audienz gingen, daß auch Exzellenzen beim Frühstück eine Weißwurst in den Kaffee tunkten… Langsam nur, sehr langsam begann das Bild zu verblassen, das man von der Münchnerin entworfen hatte und das doch so völlig verzeichnet war…

Es ist doch eigentlich merkwürdig, daß man just der Münchnerin mit solchem Mißtrauen begegnete, obschon aus und in dem Kreis der Münchnerinnen Ludwig I. die Schönheitsgalerie erstehen ließ. Doch die Welt, die sich sonst so gerne täuschen läßt, blieb hier skeptisch bei einem eingewurzelten Vorurteil stehen. Während sie ohne weiters annahm (und bis zur Stunde glaubt!), daß jeder hellenische Mistbauer dem Zeus von Otricoli geglichen habe, war sie boshaft genug, nicht zu glauben, daß die Münchnerin im allgemeinen den Modellen der Schönheitsgalerie gliche. Erst als im „Deutschen Theater“ die Redoutenwalzer erklangen, merkten auch weite Kreise, was Eingeweihte längst gewußt hatten, – daß hier ein häßliches graues Entlein zum lieblichen Schwan werden wollte und geworden war…

Die Stimmung für die Münchnerin schlug dann jäh ins Gegenteil um, hauptsächlich im Norden, wo man ja bei aller wirklichen Intelligenz und aller Schnoddrigkeit in vielen Dingen so rührend naiv ist. Mit einem Male war die Münchnerin „entdeckt“, das heißt, ein ganz bestimmter, charmanter Typ war entdeckt, an dem Künstlerphantasie ebensoviel Anteil hatte wie die Wirklichkeit. Aber die Münchnerin war auch dieser Typ nicht, war es ebensowenig wie die Frauen der Schönheitsgalerie. Konnte es nicht sein, weil das Wesen der Münchnerin in allerlei Facetten schimmert, weil es gar verschiedene Typen unter ihnen gibt, alle bodenständig und doch keiner dem anderen gleich, einander verwandt nur in einer großen inneren Wärme und in einer unüberwindlichen Abneigung gegen alle Ziererei. In diesen zwei Punkten treffen sich alle von dem sich „auslebenden“ Malweibchen angefangen bis zur großen Dame.

Die Münchnerin große Dame, – selbst ihre eifrigsten Verehrer möchten nun gerne zweifelnd den Kopf schütteln. Eine Münchnerin als große Dame, – gibt es das wirklich? Sind denn nicht alle Münchner großen Damen nur kostbar gekleidete, vielleicht auch verheiratete „süße Mädeln“? (Natürlich nur die jungen!) Doch so ungern es auch geglaubt werden mag, so gibt es nicht nur echte, richtige große Münchner Damen, sondern sie zeichnen sich auch durch einen besonderen Charme von Damenhaftigkeit aus, der sie besonders in exponierten Stellungen kenntlich und beliebt macht. Man muß sich nur hüten, Damenhaftigkeit mit Modejournal-Eleganz zu verwechseln, darf sich andererseits auch nicht einbilden, daß die Münchner Dame stets so faszinierend aussieht, wie Meister Lenbach sie oft gemalt hat. Die Natur ist ja auch wirklich nicht allzu freigiebig gegen die Münchnerin gewesen, hat ihr weder die weichen Formen der Wienerin, noch die Huschelanmut der Pariserin, noch die blendenden Farben der Nordländerin geschenkt. Ihr Wuchs ist nicht selten derb, ihre Haut nicht durchsichtig, ihr Haar gemahnt weder an die Lorelei, noch an eine Mähne; aber wenn sie lächelt, blitzen in ihren grauen oder nußbraunen Augen reizende kleine Funken auf und ihr frischer Mund verrät, daß sie Humor besitzt, wirklichen Humor, der zwar der Güte nicht entbehrt, aber doch recht tapfer und anmutig kitzeln und hänseln kann. Diese Münchner Dame trifft man aber nicht etwa nur in diesem oder jenem Kreise, sondern überall wo geistige oder künstlerische Tradition vorhanden ist. Man findet sie sogar dort, wo solche Art eher ein Hindernis ist denn eine Empfehlung, – beim Theater.

Über das Münchner Mädel ist in den letzten zwanzig Jahren eine ganze mit Illustrationen ausgestattete Literatur erschienen, seine eifrigsten Propheten waren der inzwischen so griesgrämig gewordene Wolzogen und der leider so früh verstorbene Reznicek. Das Münchner Mädel ist nun sicherlich nicht immer so süß, wie seine Andichter und Porträtisten glauben machen wollen, aber gewiß ist sie häufig ein fescher, lieber Kerl, der in seiner harmlosen Lebensfreude und seiner jubelnden Heiterkeit einen ganz spezifischen Typ darstellt. Das Münchner süße Mädel ist weder so verführerisch, noch so albern wie seine Wiener Kollegin, auch fehlt ihm die Prätension, mit der an der Seine jedes Grisettel sich als feine Dame aufspielen und entsprechende Dotation heischen möchte. Sie ist auch nicht so zielbewußt wie die Berlinerin, die häufig an Energie und Intelligenz dem Mann, dem sie gefällt, überlegen ist. Das Münchner Mädel hat in erster und letzter Linie immer nur den Wunsch, sich zu amüsieren, gleichviel, ob das Amüsement teuer oder ruppig ist. Das lacht und tollt mit dem Liebsten durch die Tage hin wie durch einen Fasching und geht der Fasching zu Ende, naht der Trennungstag gleich einem Aschermittwochsgespenst, dann läuft die Münchnerin weder ins Wasser, noch ins Kloster, brütet nicht Rache und Mord. Du lieber Gott, das Leben ist so kurz und so süß und das bissel Jugend so schnell vorbei! Kann’s der Schorschel nicht mehr sein, so versucht man’s mit dem Franz; aber nur leben, leben und genießen…

Die nimmersatte Lebenslust des Münchner Mädels läßt ihm weder Atem noch Zeit, berechnend zu sein, es ist viel zu willig, sich sein Herz, sein ganzes Wesen zu schenken, als daß es sich zur Herrin über den Mann aufschwingen möchte. Sofern dieser Mann es nur ein klein wenig versteht, auf ihr harmloses Niveau einzugehen, sofern er sie nicht schulmeistert, langweilt oder vom Vergnügen absperrt, wird er in ihr einen guten, selbstlosen und in jedem Sinne treuen Kameraden finden, und wenn er sie heiratet, wird er staunen, wie schnell sie, die gestern noch Wassermädel oder Ärmelnäherin war, die Technik gesellschaftlicher Formen begreift und nicht nur eine gute Hausfrau, sondern auch eine gewandte Frau im Hause wird…

Eine besondere Spezies von Münchner süßen Mädeln sind die Kellnerinnen, denen viele Männer und auch manche Frauen einen geradezu dämonischen Reiz zumuten oder andichten. Da ihnen in diesem Buch schon ein ganzes Kapitel gewidmet ist, braucht man sich an dieser Stelle nicht weiter mit ihren mehr oder weniger angenehmen Erscheinungen zu beschäftigen, sondern mag sich lieber ein nicht minder prägnantes Frauenbild des Münchner Lebens betrachten: das Malweibchen.

Das Malweibchen, das heute wie einst mit Vorliebe im dunkelsten Schwabing haust, stammt merkwürdigerweise nur in seltenen Fällen aus München, sondern vorzugsweise aus Mittel- oder Norddeutschland und sein Bestreben, sich so oder so (noch lieber so und so) auszuleben, ist ebenso sattsam bekannt, wie sein Anzug und seine Frisur. Vor zwanzig Jahren trug es Cleo-Scheitel und ein Reformgewand, heute ist es bolschewistisch-pagenhaft gekämmt und bevorzugt ein Minimum an Kleidung, „im Wald und auf der Haide“ auch gern Nacktkultur. So sieht das typische Malweib aus, so haben es unzählige Karikaturen der Mitwelt gezeigt. Aber daneben gibt es noch ein anderes, eines, dem es nicht ums „Ausleben“, sondern um die Kunst zu tun ist, eines das still, aber darum nicht minder fröhlich, in seinem Atelier schafft, im besten Sinne bürgerlich ist und Geist genug besitzt, um durch lustige Festspiele und zündende Einfälle die Feste des „Künstlerinnenverein“ zu wirklichen Festtagen des Humors und der Geselligkeit zu machen.

Eine ganz spezielle münchner Frauenerscheinung darf nicht vergessen werden: die Trambahnschienen-Putzerin. Obgleich ihr Tagwerk sie an die Scholle, d.h. an die Schiene bannt, trägt sie doch ein hoffnungsfroh grünes Hütel über dem sturmharten Antlitz, gerade als wollte sie uns weis machen: „Ich komme vom Gebirge her!“ Über ihre anderen Äußerlichkeiten will ich lieber schweigen. Wer sie nicht gesehen hat, kann sich doch kein Bild von ihr machen. Aber sie hilft, wenn auch nur in bescheidenem Maße, den allerdings immer stockender werdenden Verkehr der Stadt zu bewältigen und darum soll neben anderen glänzenderen oder bedeutenderen Frauentypen auch sie nicht vergessen sein.

Anmerkungen:
Der Text wurde in seinem Originalzustand belassen, d.h., die Orthografie nicht verändert. Es werden zwei Namen genannt, Wolzogen und Reznicek: Ferdinand von Reznicek (1868-1909) war ein österreichischer Maler, Zeichner und Illustrator (u. a. des „Simplicissimus“), der lange in München lebte. Bei Ernst von Wolzogen (1855-1934) handelte es sich um einen aus Breslau stammenden gesellschaftskritischen Schriftsteller, Komponisten und Kabarettbegründer („Brettl-Baron“), der ebenfalls viele Jahre in Bayern verbrachte.

Literatur:
Geschichte der Frauen in Bayern, (Hg.) A. von Specht, Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur Nr. 39/98, Regensburg 1998, S. 321ff
K. Festner und Ch. Raabe, Spaziergänge durch das München berühmter Frauen, Zürich und Hamburg 3/2002
München – Stadt der Frauen. Kampf für Frieden und Gleichberechtigung 1800-1945, (Hg.) E. M. Volland und R. Bauer, München und Zürich 1991