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Aliya: Weinen mit den Bayern

Von Deutschland nach Israel – junge Juden über ihre Auswanderung, Teil 1…

Von Patrick Goldfein

Eigentlich liebte ich den Geschichtsunterricht in der Schule. Gespannt lauschte ich den Erzählungen von mittelalterlichen Schlachten, politischen Komplotten und wagemutigen Rebellen. An machen Tagen aber bekam ich plötzlich ein fahles Gefühl in der Magengegend, mir wurde heiß und am liebsten wäre ich nach Hause gegangen. Das war immer dann, wenn der Lehrer mit ernster Miene das Klassenzimmer betrat und in einer Mischung aus Andacht und Schuldbewusstsein das Thema der Stunde verkündete: „Die Judenverfolgung im Dritten Reich.“

Sofort spürte ich die mitleidigenden Blicke meiner Mitschüler. Alle in der Klasse wussten natürlich, dass ich jüdisch bin. Wir waren ganz normale Klassenkameraden, die zusammen lernten, quatschten, stritten und lachten. Aber jetzt hatte sich innerhalb von wenigen Sekunden eine imaginäre Mauer zwischen uns aufgebaut. Ich sah nach unten, um meinen Mitschülern nicht in die Augen sehen zu müssen. Ich wusste, dass sie in diesem Moment in mir nur den Nachkommen der Opfer sahen – und sie waren die Nachkommen der Täter. Und obwohl ich niemals antisemitische Erfahrungen machen musste, erschien es mir schier unerträglich, mit den deutschen Jugendlichen über die Nazi-Zeit zu lernen.

Trotzdem war das nicht der Grund, weshalb ich Deutschland nach dem Abitur verlassen habe. Für mich und meine engsten jüdischen Freunde ging es vielmehr darum, endlich die Frage nach unserer eigenen Indentität zu beantworten. Jahrelang hatten wir uns in der jüdischen Jugendorganisation mit unserer gespaltenen Identität auseinandergesetzt. Schier endlos wurde darüber debattiert, ob wir nun jüdische Deutsche, deutsche Juden, Juden in Deutschland oder einfach nur stinknormale Bayern-Fans sind. Das letzte wäre uns, glaube ich, am liebsten gewesen. Besonders nervig wurde es, wenn wir diese Diskussion öffentlich austragen sollten: Immer dann, wenn ein jüdischer Feiertag nahte, schickte der Bayerische Rundfunk einen jungen Reporter vorbei, um „Junge Juden in Deutschland“ zu interviewen. Ich kam mir dann immer ein bisschen vor wie im Zoo. Es machte einem deutlich bewusst, dass man „anders“ war.

Am allerschlimmsten jedoch wurde dieses Gefühl bei Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen aus Frankreich, Amerika oder Israel. Das glich jedes Mal einem Spießrutenlauf: „Wie kannst Du nur als Jude in Deutschland leben?“ wurden wir aggressiv gefragt. Anfangs habe ich mich dafür gerechtfertigt. Und erklärt, dass meine Großeletern aus Polen stammen und nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager keine andere Möglichkeit hatten, als zunächst in Deutschland zu bleiben. Irgendwann wollte ich aber einfach nur noch meine Ruhe. Ich sehnte mich nach einer „normalen „ Identität. Ich wollte eindlich einer von vielen sein.

Und wo sollte das leichter fallen als im Land der Juden? Israel kannte ich aus den Ferien schon sehr gut. Meine Großeltern waren vor einiger Zeit dort hingezogen und nach der Scheidung meiner Eltern war ihnen mein Vater gefolgt. Aber schon sehr schnell wurde mir klar, dass ich falsche Vorstellungen von dem Land hatte. Durch die zahlreichen innenpolitischen Krisen und die vielen Kriege haben viele Israelis nämlich den Glauben an den Zionismus längst verloren und würden viel lieber im Ausland leben.

„Warum bist du hierhergekommen?“ war die erste Frage, die mir mein Freund Haim an der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan stellte. „In Deutschland hättest du doch kostenlos studieren können.“ Er konnte nicht verstehen, warum ich freiwillig in ein Kriegsland gezogen bin. Darum antwortete ich ihm lapidar: „Weil hier die Sonne scheint und die Mädchen alle hübsch sind.“

Während meiner Unizeit habe ich viele israelische Freunde kennen gelernt und mich schnell eingelebt. Mein Hebräisch wurde besser und es gab Zeiten, an denen ich tagelang kein Deutsch mehr gesprochen habe. Aber das ging bald vorüber und meine engsten Freunde sind heute immer noch die Jungs, die mit mir aus Deutschland hergekommen sind. Uns verbindet der gemeinsame Hintergrund. Dabei spielt wohl auch eine Rolle, dass ich nicht die israelische Staatsbürgerschaft angenommen habe. Die Armeezeit wäre eine sehr israelische Erfahrung. Manchmal fehlt sie mir, aber gerade in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr mit aller Gewalt einer von ihnen werden will. Dafür müsste ich nämlich einen Teil von mir aufgeben.

Das wurde mir vor allem deutlich, als Bayern München 1999 im Fußball-Europapokal-Finale stand. Gegner dort war ausgerechnet Manchester United – die beliebteste Mannschaft in Israel. Als ich am Tag vor dem Finale mit Bayern-Trikot bekleidet in die Universität kam, fragten mich viele, wie man als Jude Fan einer deutschen Mannschaft sein könnte. Voller Stolz erklärte ich ihnen, dass ich aus München bin und dass ich, seit ich ein kleiner Junge war, auf diesen Tag gewartet habe.

Bis kurz vor Schluss hatten meine Bayern dann 1:0 geführt. Doch dann geschah das Unfassbare: Manchester schoss noch zwei Tore in der Nachspielzeit und gewann das Spiel. Aus den Nachbarwohnungen hörte man Jubelschreie, von den Straßen ertönten Hupkonzerte. Ebenso wie den Münchner Spielern auf dem Rasen schossen mit die Tränen in die Augen. Ich heulte wie ein kleines Kind. In diesem Moment sagte der israelische Fernseh-Kommentator: „Es tut nicht weh, die Deutschen weinen zu sehen.“

Als ich diesen Satz hörte, verstand ich es. Ich werde niemals einer von vielen sein. Obwohl der Kommentator nicht mich meinte, fühlte ich mich angesprochen. Ich bin ein Deutscher. Und gleichzeitig ein Jude. Und ein wenig auch ein Israeli. Erst hier ist mir das bewusst geworden. Ich liebe deutsche Bücher, das deutsche Essen – und die deutsche Sprache ist mein Handwerkszeug als Journalist. Trotzdem wäre es natürlich unglaublich schwer, nach fünf Jahren in Israel wieder nach Deutschland zu gehen. Denn gleichzeitig liebe ich die israelische Wärme, die Spontanität und fühle mich hier zu Hause. Egal wo ich lebe, werde ich also immer ein wenig „anders“ sein. Und das ist vielleicht ganz gut so.

Ursprünglich veröffentlicht im „Aufbau“, Nr. 22, am 31. Oktober 2002 und mit Genehmigung des Autors und der Redaktion des „Aufbaus“ nachgedruckt.

Update (2008): Patrick Goldfein hat inzwischen die israelische Staatsbürgerschaft angenommen und auch in der israelischen Armee gedient. Seine Identitätskrise bezeichnet er als beendet.

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