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Antisemitismus im 21. Jahrhundert: Dummheit oder Absicht?

Was für ein Thema denke ich, als ich zum ersten Mal auf eine Podiumsdiskussion zum „Antisemitismus im 21. Jahrhundert“ angesprochen werde. Manches Übel scheint von ewiger Dauer zu sein. Siebzig Jahre nach der Schoah, wer hätte gedacht, dass man darüber noch würde reden müssen. Und schon werde ich wütend und versuche nicht bitter zu werden…

David Gall

Aber es ist bitter, wenn man sich die Auseinandersetzung mit diesem Thema in den letzten zwanzig Jahren anschaut und es macht wütend, wenn man sieht, wie wenig sich ändert und wie selbstgerecht die dafür Verantwortlichen damit umgehen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist meiner Meinung nach in erster Linie von Heuchelei gekennzeichnet. Glaubt denn wirklich jemand, der in diesem Land zur abgehobenen Kaste der Entscheidungsträger gehört, dass dieses Thema ein ernst zu nehmendes ist?

Würde das Thema so ernst genommen, wie es sich viele auf die Flaggen schreiben, und wäre die „Betroffenheit“, die bei zahlreichen immer wiederkehrenden Gelegenheiten so routiniert zur Schau gestellt wird, ehrlich, dann müsste doch die Auseinandersetzung z.B. mit jenem Medium, in dem der Antisemitismus in besonders ungeschminkter und widerwärtiger Deutlichkeit zum Ausdruck kommt, wesentlich ausgeprägter sein. Zumal man inzwischen weiß, dass kein anderes Medium die Jugend in ähnlich starker Weise anspricht und fesselt, wie das Internet.

Das Thema ist ein gutes, um sich zu den Guten zu bekennen, um sich feiern zu lassen, im Feuilleton und beim Bundespresseball. Internet ist was für die Schmuddelkinder. Wie viele der so ungeheuer „Betroffenen“ hat sich denn schon einmal die Mühe gemacht, sich mit einer Jugendkultur auseinanderzusetzen, in der die Worte „Jude“ und „Opfer“ Schimpfwörter und Synonyme sind? Viel lieber gibt man sich doch der wohligen Heimeligkeit einer Lichterkette hin, fühlt die Gemeinsamkeit der Gutmeinenden und bekennt sich großmütig zu den Opfern, ohne sich je darüber Gedanken zu machen, was es eigentlich bedeutet, dass diese alles, nur keine Opfer mehr sein wollen.

Genauso medienwirksam und verlogen sind auch die häufigen Bekenntnisse zur besonderen Verantwortung für Sicherheit und Wohlergehen des Staates Israel. Doch was ist das anderes als blanker Hohn, wenn die Bilanz des deutsch-iranischen Handelsvolumens um 20% nach oben schnellt, in einer Zeit in der internationale Sanktionen beschlossen wurden, auch von der Bundesregierung. Warum konnte Altbundeskanzler Schröder, in Abstimmung mit der Bundesregierung, den iranischen Staatspräsidenten Achmadinedjad besuchen, um dessen Renommee so kurz vor den Wahlen zu stärken? Machmud Achmadinedjad, einen Holocaustleugner, der alles daran setzt um seinem Land die Mittel für einen atomaren Holocaust zu verschaffen und alle vierzehn Tage das Ende Israels ankündigt.

Bei vielen Gelegenheiten und Gesprächen habe ich in den letzten Jahren eine Tendenz zur Verharmlosung beobachtet. Dabei rede ich nicht von Möllemann und Hohmann, immerhin angesehene Mitglieder demokratischer Volksparteien, sondern von den Protagonisten der „Vergangenheitsbewältigung“. Sei es im zuständigen Referat des BMFSFJ (Bundesfamilienministerium), wo die 250.000.000 Euro des viel beschworenen „Aufstands der Anständigen“ verwaltet werden, sei es in „zivilgesellschaftlichen Bündnissen“, wie dem für Demokratie und Toleranz, im Bundespresseamt und vielen anderen, die gerne „Gesicht zeigen“ und „Tacheles reden“.

Denn es geht um viel Geld und es geht um PR-Arbeit zu Gunsten der Bundesrepublik Deutschland. Und kaum jemand scheint zu begreifen, dass das Thema für solche Spielchen zu ernst ist. Dabei habe ich durchaus auch lernfähige und lernwillige Menschen getroffen. Doch auch was Lernwillen und Lernfähigkeit betrifft, habe ich inzwischen große Zweifel. Und wie gesagt, ich rede nicht von der Jugend und dem „einfachen Volk“, sondern von der selbsternannten Bildungselite.

Wer kann es mir erklären, dass ein ehemaliger Arbeits- und Rentenminister, dass Bischöfe und Leiter von Tierschutzorganisationen immer wieder und wieder die selben Fehler machen? Immer wieder beleidigen sie und verletzen sie die Überlebenden der NS-Lager mit völlig deplatzierten Gleichsetzungen. Holocaust = Abtreibung, Hühnerkäfig = Konzentrationslager, Ramallah = Warschauer Ghetto. Und das alles hat der eine schon gesagt, hat sich auch dafür entschuldigt, und zwei Wochen später sagt der Kollege etwas ähnliches. Wie kann das sein? Intelligente Menschen, gebildete Menschen! Kann es wirklich Dummheit sein, oder müssen wir endlich begreifen, dass es Absicht ist? Dass sie mit diesen brutalen und grausamen Gleichsetzungen die Überlebenden erniedrigen und ihre Nachkommen beleidigen wollen? Oder was ist der Grund dafür? Kann ich die Situation in Ramalla nicht in anderer Weise beschreiben? Kann ich die Problematik einer Abtreibung nicht gerechter ansprechen? Kann ich für Vegetarismus nicht anständiger eintreten, als dass ich eine alte Frau, die Auschwitz und andere Lager überlebt hat, mit einem gerupften Huhn gleichsetze? Ich bin mir sicher, das Huhn, wenn es sprechen könnte, hätte eine bessere Idee und mehr Respekt vor der Würde des Menschen.

Auch Statistiken, so wertvoll sie sind, können in diesem Sinne missbraucht werden. Wenn beispielsweise immer wieder darauf hingewiesen wird, nicht von jenen, die die Daten erheben, sondern von jenen, die sie ausnutzen, dass 20 oder 30% Antisemiten als „Bodensatz“ in vielen europäischen Gesellschaften präsent sind. Das mag schon sein und ist auch interessant und gut zu wissen. Man muss aber auch wissen, dass ein französischer Weinbauer einen 30% Schnaps ganz gut vertragen mag, dass aber für einen Deutschen mit Alkoholismus in der Anamnese auch schon 20% tödlich sein können. Man darf das nicht vergessen, vor allem nicht in Deutschland und zwar nicht weil es die Juden so wollen, sondern weil es für Deutschland so gefährlich ist.