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Ahnungslosigkeit 2.0: Lehrer zwischen Hysterie und Leichtsinn

Lehrer und Medienkompetenz sind zwei Begriffe, die sich auszuschließen scheinen. Einerseits sehen rund 60% der Lehrer die Schule als die Instanz, die Kindern den Umgang mit Computer vermitteln soll, andererseits findet diese Vermittlung dort kaum oder verspätet statt. Hinzu kommt, dass das Internetverhalten von Lehrern ein komplett anderes ist, als das ihrer Schüler…

von Ramona Ambs

Eine Studie aus dem Jahr 2003 belegt, dass Lehrer im Internet vor allem Angebote nutzen, die sich mit didaktischen und fachspezifischen Inhalten auseinandersetzen, also Seiten mit Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblättern, Homepages von Schulverlagen oder die Bildungsserver und Angebote der Kultusministerien oder Schulämter.

Schüler hingegen surfen anders, sie sind aktiver in Internetforen, experimentieren und kommunizieren gerne.
Mittlerweile gibt es das sogenannte Web 2.0- eine weitere pädagogische Herausforderung für die Lehrer, dem sie aber offenbar noch weniger gewachsen sind als der vorherigen Version. In einem Interview schätzt Volker Rüddigkeit vom Hessischen Amt für Lehrerbildung die Situation wie folgt ein:

„Die weitaus größte Gruppe der Web 2.0-Nutzer stellen die unter Dreißigjährigen und damit auch unsere Schüler. Lehrer selbst wissen vom Web 2.0 bisher herzlich wenig, wie ich es immer wieder selbst bei meinen Vorträgen zum Thema Web 2.0 erlebe. Das dionysische Web 2.0 kennen sie nicht und das apollinische Web 2.0 nutzen sie noch nicht! Wir haben etwa 750.000 Lehrer in Deutschland und nur etwa 100 davon führen nach meinen Recherchen ein Blog. Es erscheint fast schon peinlich, wenn immer wieder in allen Publikationen der sicher gut gemachte Blog des Herrn Rau als Beweis dafür herhalten muss, dass auch Lehrer bloggen oder die Elefantenklasse als Alibi für Blogs in der Grundschule herhalten muss! Besser sieht es mit Wikis aus, aber von Schweizer Verhältnissen, wo Wikis und Blogs schon in den Schulalltag eingezogen sind, können wir nur träumen. Mehr als einige wenige Leuchttürme haben wir nicht aufzuweisen. Kurzum, anstelle von Web 2.0 gibt es bei uns Ahnungslosigkeit 2.0, und zwar angefangen von den Kultusministerien über die Schulämter bis hin zu den Schulen selbst. Während man in Unternehmen längst erkannt hat, welche Potenziale Blogs z.B. für die Öffentlichkeitsarbeit bieten, warte ich immer noch auf den ersten Kultusminister respektive Kultusministerin oder den ersten Schulleiter, der Eltern, Lehrer und Schüler via Blog informiert und damit zur Diskussion einlädt. Der Blog als quasi informelles Pendant zum Amtsblatt!“

Darauf wird man sicherlich noch länger warten müssen. Bis dahin schwanken Schulen zwischen Hysterie und Leichtsinn im Umgang mit dem Internet. Einerseits gibt es Schulen, in denen z. Bsp. HaGalil nicht aufrufbar ist, weil Lehrergremien Keywords wie „Juden“, „Israel“ oder „Talmud“ als „bedenkliche Ausdrücke“ und „jugendgefähredend“ einstufen, andererseits werden dann leichtfertig Hausaufgaben vergeben wie „Googelt Euch mal was zu dem Thema aus, druckt es aus und bringt es mit!“ – ohne dass man den Schülern je zuvor beigebracht hat, wie man sich sicher im Internet verhält.
Auf diese Weise kam kürzlich auch meine Tochter stark verstört zu mir, weil sie beim Recherchieren auf der Website des „Neuen Stürmer“ / „TheNewStuermer“ und dessen Judenhetze gelangt war. Dort ist zu lesen, wie gefährlich das „Judentum für jedes Gastvolk ist, in dem es lebt“.

Im Kapitel zur „jüdischen Sprache“ erfahren wir u.a.: …„Die Sprache der Juden hat in der Weltgeschichte die Bezeichnung Mauscheln. Man erkennt den Juden an seiner Sprache, zu der er sich neben dem Mundwerk auch der Hände und Füße bedient.
Jeder Jude möchte am liebsten ein paar Sätze auf einmal sprechen. Jeder Jude will schon in der Verständigung mit dem Mitmenschen den anderen übertölpeln, darum die jüdische Hast auch in der Sprache. Jedem Nichtjuden geht das Mauscheln „auf die Nerven“…“
… Nach etlichen Seiten geht es dann weiter zum Kapitel: „Judenverbrechen in und an Deutschland“.

Ich frage mich, was bei Kindern und Jugendlichen passiert, die gänzlich naiv und ohne weitere Wissen auf eine solche Seite treffen?
Dabei gibt es mittlerweile viele Seiten, die auch schon jüngeren Kindern den Umgang mit dem Internet beibringen und auf denen man einen sogenannten „Surf-Schein“ mache kann. Als Beispiel sei hier die website Internet ABC genant.

Die könnte man durchaus auch den Lehrergremien empfehlen – denn bevor man die Kinder ins Netz schickt, sollte man sie darauf vorbereiten, was dort unter Umständen anzutreffen ist. Nicht zuletzt empfiehlt es sich jüngere Kinder nicht an Google zu verweisen, sondern an die Blinde Kuh.

Die hätte nämlich bei der Suche nach Jüdischem z.Bsp. auf haGalil verlinkt und nicht auf Thenewstuermer. Denn auch wenn haGalil es meistens schafft, rassistische und antisemitische Seiten von den vorderen Plätzen der Suchmaschineneinträge zu verdrängen: ein bisschen was könnten Lehrer ja dann doch auch tun, um Kinder und Jugendliche vor solchen Inhalten zu schützen. Schließlich werden sie ja – im Gegensatz zu haGalil – vom deutschen Staat dafür bezahlt.