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Das Jahr 1933 – wie wahrscheinlich war Widerstand gegen Hitler?

Anlässlich der Wiederkehr Hitlers Regierungsantritt am 30.01.1933 – geräuschvoll von den Nazis „Machtergreifung“ genannt – sei hier auf ein wissenschaftliches Symposium in Dachau zurückgeblickt, das wie alle Jahre wieder am zweiten Oktoberwochenende, 2008, stattfand und das Schicksalsjahr 1933 thematisierte. Im Hinblick auf den stark diskutierten Film „Operation Walküre“, der derzeit in den Kinos läuft, hilft das Symposium eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Widerstand bereits in den Anfangsjahren des „Dritten Reiches“ möglich gewesen wäre – und nicht erst, als der Ausgang des Zweiten Weltkrieges gegen Deutschland entschieden war. …
Nichtsdestoweniger hat es einer gewagt, es zu tun. Auch wenn der einarmige Mann mit der Bombe in der Tasche etwas spät dran war, hat er dennoch versucht, den führenden Vegetarier der Deutschen ins Jenseits zu befördern. Dieser Artikel beweist, dass Schenk von Stauffenberg angesichts der üblichen Verhaltensmuster von Menschen im „Dritten Reich“ Außergewöhnlichkeit und Übermenschlichkeit bewies. Ein Hoch auf alle Helden sämtlicher Jahrhunderte!

Von Asta Hemmerlein

Prof. Dr. Wolfram Pyta, Universität Stuttgart, erklärte über der Charakterisierung Hitlers Charisma die Verfassung der deutschen Wählerschaft im entscheidenden Jahr 1933. Die literarischen Angaben sind für den Leser gedacht, der sich tiefer gehend informieren möchte.

Da das Ansehen Hitlers nach seiner Ernennung zum Reichskanzler in die Höhe schnellte, dass ihm im Verlauf des Jahres 1933 die Wandlung von einem polarisierenden Parteiführer zu einem von großen Teilen der deutschen Gesellschaft respektierten Staatsmann gelang, ist in der historischen Forschung unbestritten. Ian Kershaw, der mit Recht als der maßgebliche Hitler-Biograf gelten kann, hat dies in seiner Studie über Hitler mehrfach unterstrichen. (Ian Kershaw; Hitler, Bd. I, München 1998).

Wie erklärte sich dieser Erfolg? Unter den vielfältigen Definitionen charismatischer Herrschaft erscheint für Hitler nur eine Interpretation denkbar: Hitler legitimierte sich als dauerhaft nur deshalb, weil er die politisch-kulturellen Leitvorstellungen seiner Anhängerschaft aufgriff.
Damit betrat er als plebiszitär gekürter Führer, siehe unten, die staatspolitische Bühne. Seine charismatische Autorität beruhte nicht allein darauf, dass er diese Leitvorstellungen als politische Mission erfolgreich durchführte, sondern nicht zuletzt darauf, dass er sie so sehr mit seiner Person verknüpfte, dass seine Person symbolisch erhöht und zur verdichteten Expression jener politisch-kulturellen Vorstellungen aufstieg. Nur eine symbolische Interaktion zwischen „Führer“ und Volk verhalf Hitler zu dauerhafter Macht.

Die Nachfolge Hindenburgs durch Hitler als charismatisches Haupt der Deutschen gelang nur deshalb, weil beide Männer sich in symbolischer Hinsicht nicht nur ergänzten, sondern auch voneinander abgrenzten.

Daraus ergeben sich folgende Fragen:
Wie lange zehrte Hitler ausschließlich vom Charisma Hindenburgs?
Wann gelang es ihm, aus dem Schatten Hindenburgs herauszutreten und ein Eigencharisma zu entwickeln?
Welche politischen Vorstellungen konnte er dabei in seiner Person inkorporieren?
Gab es eine Arbeitsverteilung zwischen beiden Charismatikern, die es dem Neuling Hitler ermöglichte, gewissermaßen als Anschubhilfe das Charisma Hindenburgs anzuzapfen, um sich dann aber immer mehr zu verselbstständigen und sich auf symbolischer Ebene von Hindenburg unabhängige Ressourcen zu erschließen?

Im Frühjahr 1932 erschien es noch eher unwahrscheinlich, dass Hitler möglicherweise einmal vom Charisma Hindenburgs profitieren würde. Beide standen sich damals als Rivalen in zwei Wahlgängen zur Bestimmung des Reichspräsidenten gegenüber, in denen Hitler zwar schließlich mit knapp 37 Prozent der abgegebenen Stimmen ein beachtliches Resultat erzielte, aber dem Amtsinhaber doch deutlich unterlag. Bis zur Ernennung zum Reichskanzler durch seinen Kontrahenten bei der Reichspräsidentenwahl blieb Hitler im Kern ein Parteipolitiker, dessen Image untrennbar mit dem der NSDAP verknüpft war, die durch ihr militantes Auftreten und ihre politischen Inhalte zwar bestimmte Kreise der deutschen Gesellschaft mobilisierte, dafür aber auch andere abschreckte.

Hitler begann von Hindenburg zu profitieren, als der alte Mann den Österreicher zum Reichskanzler ernannte. Denn nun konnte er das genannte Problem der Reichweite lösen. Hindenburg hatte ihm durch die Ernennung Reputation verliehen. Hitler erreichte nun mit dem Segen Hindenburgs dessen Wähler des Jahres 1932, ohne die Linken. Reputation meint, dass der Reichspräsident als verehrter Generalfeldmarschall und Reichspräsident dem neuen Reichskanzler sein Vertrauen aussprach. Dies war das symbolische Gehäuse für den neuen, zweiten Charismatiker, der 1933 begann, in einer Art Feldzug die Herzen der Deutschen zu erobern, die ihn bislang mehrheitlich nicht mal leibhaftig gesehen oder von ihm gelesen und gehört hatten.

Wie sehr Hitler gerade in den Hindenburg wohlgesinnten national-konservativen Kreisen ein unbeschriebenes Blatt war, wird daran deutlich, dass nicht einmal hohe Offiziere wie Wilhelm Keitel oder Heinz Guderian ihn persönlich kannten.

Sein neues Amt als Reichskanzler verschaffte Hitler die Möglichkeit, mit Multiplikatoren ins Gespräch zu kommen, die er vorher nie bei solchen Gelegenheiten getroffen hatte. Bei diesen Gesprächen versprühte Hitler anscheinend so viel Charme, dass selbst Skeptiker nach solchen Begegnungen wie verwandelt herauskamen und nun zu persönlichen Anhängern Hitlers wurden, und zwar auch dann, wenn sie nach wie vor ihrer Zweifel an den Methoden der NSDAP hegten.

Eines der wichtigsten Zeitzeugendokumente ist das Tagebuch des Schriftstellers Erich Ebermayer. Der aufstrebende Literat dokumentierte brillant die Wandlungsprozesse von Zeitzeugen, die ihn, einen überzeugten Liberalen, umgaben. Ebermayer war Teil der Künstlerkreise von Leipzig und Berlin und ein enger Freund Klaus Manns. Ebermayers Familie verkehrte gesellschaftlich mit dem damaligen Reichsgerichtspräsidenten Erwin Bumke. Ebermayer schildert in seinem Tagebucheintrag vom 9. Mai 1933 eindrucksvoll die Folgen Bumkes Antrittsbesucht bei Hitler, ebenfalls vom Mai 1933:

„Der Reichsgerichtspräsident selbst, ein tadelloser Mann, alles andere als ein Nazi, war unlängst zum Antrittsbesuch zu Hitler befohlen. Mein Vater traf ihn zwei Tage vorher in den Gängen des Reichsgerichts. Bumke war schlecht gelaunt und hatte keine Lust, als alter hoher Beamter aus der preußischen Schule diesem politischen Emporkömmling die Hand zu geben. Aber als höchster deutscher Richter konnte er sich nicht ausschließen … Vor ein paar Tagen ist Bumke von der Audienz bei Hitler zurückgekommen. Er kam als Bekehrter, oder doch fast Bekehrter. Von dem Charme, der Wärme, der Kraft dieser Führer-Persönlichkeit könne man sich keine Vorstellung machen, wenn man ihm nicht selbst gegenübergestanden, erklärte er meinem Vater. Zum Schluss der Audienz habe Hitler seine beiden Hände festgehalten, ihm lang und tief in die Augen geblickt und mit seiner brunnentiefen Stimme gesagt: ,Bumke – helfen Sie mir!‘ Damit war der Seelenfang perfekt. Dr. Bumke hat dieser Tage, ohne dass dies jemand von ihm verlangt hätte, aus dem großen Festsaal des Reichsgerichts das Ölgemälde des ersten Reichsgerichtspräsidenten Simson, einem getauften Juden, entfernen lassen.“

Jener Eroberungsfeldzug in Richtung deutsche Volksmasse bedeutete für den neuen Reichskanzler eine rastlose Reisetätigkeit, um sich als der von Hindenburg in sein Amt Berufene persönlich denjenigen Schichten zu präsentieren, die bislang in keine nationalsozialistische Veranstaltung gegangen waren und dies auch künftig nicht vorhatten. Dabei kam Hitler zugute, dass das neue Medium Radio der Reichsregierung uneingeschränkt zur Verfügung stand und er somit sein rhetorisches Talent für seinen Siegeszug als charismatischer Herrschaft effektiv einsetzen konnte.

Obwohl 1933 nur etwa 5 Millionen Radiogeräte registriert waren, was ein Drittel der deutschen Reichsbevölkerung entsprach, wurde das Radio dennoch Hitlers effektives Vehikel, um für sich als Vertrauensmann Hindenburgs zu werben. Über seine radiogesendeten Reden veränderte Hitler im Laufe des Jahres 1933 sein für viele Deutsche bisheriges Image als unkontrollierter Parteiagitator. Kardinal Michael Faulhaber, eine entschiedener Widersacher der Nazi-Ideologie, räumte in seinem Memorandum vom 17. März 1933 ein: „Es muß festgestellt werden, daß er, seit er Reichskanzler ist, nicht mehr die tobsüchtige Sprache gegen Judentum und Kapitalismus führt und auch bis heute noch niemals zum Revanchekrieg gegen Frankreich aufgerufen hat. Ich habe seine sämtlichen Reden seitdem mitstenographiert, weil man den Wortlaut niemals bekommt. Psychologisch auf die Seele des Bauern und Arbeiters abgestimmt, sind die Reden Meisterstücke.“

Eine ähnliche Entwicklung beobachtete Erich Ebermayer bei einem berühmten Schauspieler jener Tage, den der Schriftsteller im Berliner Kaiserhof traf: „Die politische Einstellung von Jannings läßt mich aufhorchen. Seine Antipathie gegen die Nazis scheint, seit sie ander Macht sind, im Schwinden zu sein … Er hört sich stundenlang am Radio die Reden und Aufrufe der neuen Regierung an … und scheint, alles in allem, mit wohwollender Sympathie dem ‚Aufbruch der Nation‘ gegenüberzustehen.“

Wie sah die Arbeitsteilung im Binnenverhältnis Hitler – Hindenburg aus, die es Ersterem erlaubte, zum einen von der politischen Schirmherrschaft Hindenburgs zu profitieren, zum anderen aber sich auch von diesem im Laufe des Jahres 1933 zu emanzipieren und eigenständige Quellen charismatischer Herrschaft zu erschließen?

Der entscheidende Durchbruch gelang Hitler am 21. März 1933 in der Potsdamer Garnisonskirche. An diesem Tag manifestierte sich jenes politische Einvernehmen zwischen dem Reichspräsidenten und dessen letzten Reichskanzler, das bis zum Tode Hindenburgs andauern sollte. Von jenem Tag an übte Hindenburg das politische Aufsichtsrecht über seinen Kanzler nicht mehr aktiv aus, zog sich in den Hintergrund zurück und überließ allein Hitler die politische Bühne. Hitler nutzte den ihm zugefallenen Aktionsraum nicht nur dazu, in Sachen Selbstdarstellung für seine Person zu werben. Er besetzte überdies mit seiner Person immer mehr dasjenige politische Projekt, auf dessen Repräsentation Hindenburgs charismatische Stellung bislang beruht hatte: Hitler symbolisierte höchstpersönlich die Vorstellung von der Nation als einer homogenen, einer geeinten politischen Willensgemeinschaft.

Ab März 1933 ist mithin eine Art symbolische Enteignung Hindenburgs zu verzeichnen, die mit dessen stillschweigender Duldung einherging, weil Hindenburg sich im Gegenzug auf die für ihn reservierte Feldherrnrolle zurückziehen konnte, die ihm der Weltkriegsgefreite Hitler nicht streitig machen wollte und mangels eigener militärischer Erfahrungen auch nicht machen konnte.

Schon im weiteren Verlauf des Frühjahrs 1933 offenbarte sich, dass Hitler aus dem symbolischen Schatten Hindenburgs herauszutreten begann und eine eigene symbolische Statur erlangte. Hitler gelang damit das, was ihm bei der Reichspräsidentenwahl 1932 noch verwehrt geblieben war. Im März und April 1932 konnte Hitler zwar einen Großteil der Stimmen der Frontkämpfergeneration des Ersten Weltkrieges auf sich vereinigen, weil er sich in diesen Kreisen glaubhafter als der dem Frontgeschehen entrückte Feldmarschall des Weltkrieges als authentischer Repräsentant des Kriegserlebnisses profilierte. Aber ihm glückte es nicht, Hindenburg als symbolischen Ausdruck des über die Parteigrenzen hinweg weitverbreiteten Willens nach nationaler Eintracht abzulösen.

Doch seit dem Frühjahr 1933 konnte ein von schierem Tatendrang angetriebener Reichskanzler immer stärker den Eindruck erwecken, als bringe erst er mit seinem Aktionismus das fertig, was Hindenburg und andere vor ihm nur verbal beschworen hätten: nämlich den Zusammenschluss aller Deutscher zu einer nationalen Bekenntnisgemeinschaft, was gleichbedeutend war mit der unnachsichtigen Beseitigung aller jener politischen Kräfte, die in diesem antipluralistischen Modell von nationaler Gemeinschaft als Störenfriede galten. Das geradezu atemberaubende Tempo, mit dem ein energiegeladener Reichskanzler binnen weniger Wochen nicht nur die missliebigen politischen Parteien zur Bedeutungslosigkeit verurteilte, sondern zugleich auch den Föderalismus liquidierte, nötigte vielen Bürgerlich-Konservativen Bewunderung ab.

Gereade der radikale Vollzug der Geschaltung ließ Hitler in den Augen konservativer Kreise nicht nur an Hindenburg vorbeiziehen ließ. Selbst Bismarck sah im Rückblick blass aus. Dazu schrieb Generalleutnants Karl von Fabeck, ein Verwandter Hindenburgs und bis zum 4. Mai 1933 Mitglied der DNVP im April 1933 in sein Tagebuch: „Es ist unerhört, was Hitler in kurzer Zeit geleistet hat: die gänzliche Ausschaltung der Kommunisten, des Marxismus, gegen den Bismarck vergeblich gekämpft hat. (…) Der Einfluss des Zentrums ist lahmgelegt. Das Parlament hat sich legal ausgeschaltet, die Diktatur – und unter der stehen wir jetzt – ist legal ausgeführt worden. (…) In 8 Tagen ist es gelungen, daß Reich, Länder und Gemeinden einheitlich regiert werden. (…) Das Alles geschah in einer unerhörten Schnelligkeit … Wir sind noch mitten in der nationalen Revolution, aber sie ist auf der ganzen Linie siegreich.“

Und nach der Auflösung der SPD im Juni 1933 notierte Fabeck triumfierend: „So haben diese Vaterlandsfeinde endlich ihren Lohn erhalten, nachdem sie 70 Jahre lang unser Volk verhetzt, zerrissen und betrogen haben. Was Bismarck und dem Kaiser nicht gelang, erreichte Hitler. Dafür allein gebührt ihm der größte Dank des deutschen Volkes“.

Aber auch parteiungebundene Konservative wie Hans Thimme, Archivrat am Potsdamer Reichsarchiv und mit starken Vorbehalten gegenüber der NSDAP behaftet, konnten gerade dem revolutionären Schwung, mit dem Hitler kein Stein auf dem anderen ließ und in Windeseile alle partikularen Gewalten eliminierte, Positives abgewinnen. Thimme kritisierte in seinen Tagebüchern ungeschminkt den Antisemitismus der neuen Staatsführung; aber alle Bedenken gegen einen „engstirnigen und egoistischen Nationalismus wurden bei ihm aufgewogen durch die befreiende Tat Hitlers, alles dem hehren Ziel der nationalen Einheit vermeintlich Entgegenstehende aus dem Weg zu räumen. Am 7. März 1933 notierte er in seinem Tagebuch: „Hitlers Aufgabe und Leistung ist die deutsche Einheit. Die ihr entgegenstehenden Fossilien konnten nur durch die Revolution weggeräumt werden. Parteien, Länder und Klassen. Die Revolution war notwendig, ist zu bejahen, wie jede Revolution“.

Diese Zeugnisse belegen, dass eine Revolution eine besonders geeignete Situation für die Errichtung charismatischer Herrschaft schafft. Revolutionäre Führer sind nicht den Zwängen legaler Herrschaft unterworfen; sie agieren kompromissloser und hemmungsloser und können daher direkter auf die Verwirklichung politisch-kultureller Leitvorstellungen hinwirken als Politiker in ruhigen Zeiten. Eine Revolution ist deswegen ein idealer Geburtshelfer für die Generierung von Eigencharisma, falls der revolutionäre Führer ein mitreißendes politisches Ziel auf seine Fahnen geschrieben hat.

In der von vielen als „nationaler Aufbruch“ empfundenen Zeit des Frühjahrs 1933 schein es erstmals so, als sei das Projekt „Volksgemeinschaft“ beim dynamischen Hitler besser aufgehoben als bei Hindenburg, der im Kontrast zu Hitler zur bloß statischen Repräsentation des Willens zur homogenen Nation erschien.

In der Wahrnehmung der Zeitgenossen erschien die Periode ab März 1933 jedenfalls als eine Zeitspanne atemberaubender revolutionärer Umwälzungen. Die Zuschreibung dieser Ereignisse als „Revolution“ war weit mehr als eine positiv konnotierte nationalsozialistische Eigenbezeichnung, sie stieß auch bei Kritikern und Skeptikern auf Widerhall.

Für Hitlers Charisma wichtiger ist jedoch, dass die revolutionäre Situation eng mit dem Begriff der Tat verknüpft ist. Die Tatkraft profilierte sehr stark Hitlers Image als Charismatiker.
Für Hitler erleichternd kam hinzu, dass die gesamte Weimarer Republik von einer mächtigen kulturellen Unterströmung geprägt war, die die Sinnhaftigkeit der Tat um ihrer selbst willen behauptete und deswegen ein aktionistisches Politikverständnis vertrat. Die schleichende Entwertung des Wortes machte es Hitler leicht, Hindenburg als nicht mehr aktiven Symbolträger der Nation an die Seite zu drängen.

Speziell die Außenpolitik bot Hitler ein ideales Betätigungsfeld, um Tatkraft zu demonstrieren. Denn Hindenburg hatte die maßvoll revisionistische Politik Stresemanns und später Brünings mitgetragen und war deswegen vor demonstrativen und auftrumpfenden Aktionen zurückgeschreckt.

Als Außenpolitiker erschloss sich Hitler mithin ein nicht vom Reichspräsidenten besetztes Politikfeld, das zudem den großen Vorzug besaß, dass es sensitiv aufgeladen war und damit in besonderer Weise nationale Energien mobilisierte. Ein demonstrativer Bruch mit der bisherigen Politik, der als Akt der Wahrung nationaler Selbstachtung, als eine selbstverständliche nationale Ehrenpflicht ausgegeben werden konnte, war daher der ideale Schritt, um sich als Tatmensch zu profilieren. Am 14. Oktober 1933 verkündete Hitler den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund, der vielen Deutschen als Synonym nationaler Demütigung durch die Versailler Nachkriegsordnung erschien.

Geschickt verknüpfte Hitler diesen außenpolitischen Schritt mit dem Plebiszit vom 12. November 1933, das als kollektives Votum der Bevölkerung für die Politik der Reichregierung angelegt war – mit einer Zustimmungsquote von 95 Prozent. Trotz der manipulativen Umstände, die für die Hitler dieses Traumergebnis möglich machten, ist hier wesentlich, dass das Plebiszit die enge Interaktion zwischen „Führer“ und Gefolgschaft beglaubigen sollte.
Zusammen mit der zeitgleich abgehaltenen Reichstagswahl bescherten beide Akte der Akklamation Hitler erstmals eine von Hindenburg abgelöste persönliche Bestätigung.
Am 5. März 1933 war noch eine von Hindenburg vollzogene Entscheidung – nämlich die Ernennung eines „Kabinetts der nationalen Konzentration“ – von der Mehrheit der Wähler auf quasi-plebiszitäre Weise gutgeheißen worden; acht Monate später stand allein Hitlers Politik zur Abstimmung. Mit dem Ergebnis des Novembers 1933 wurde Hitlers nationaler Führungsanspruch untermauert. Die Mehrheit der Deutschen brachte damit zum Ausdruck, dass der Bruch Hitlers mit der bisherigen außenpolitischen Linie für sie eine Erlösung war.

Die Rollenverteilung zwischen Hindenburg und Hitler im Laufe des Jahres 1933 entwickelte sich zu einer ähnlichen Beziehung zwischen Wilhelms I. und Bismarck: Hindenburg als die in Ehren ergraute Symbolgestalt nationaler Größe überantwortete dem Tatenmenschen Hitler die Nation zu treuen Händen. Und wie Bismarck in der Wahrnehmung der Zeitgenossen seinen königlichen und kaiserlichen Herrn bald um Haupteslänge überragte und zu mythischer Größe aufstieg, überstrahlte das Charisma Hitlers in Bälde das von Patina überzogene Ansehen Hindenburgs.

In einem weiteren Vortrag versuchte Prof. Dr. Joachim Scholtyseck, Universität Bonn, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Widerstand innerhalb der deutschen Eliten gegen Hitler im Jahre 1933 bereits denkbar gewesen wäre.

Warum gab es keinen Widerstand?

In den frühen Dreißigerjahren gab es noch Handlungschancen gegen Hitler. Noch zu Beginn des Jahres 1933 sah es so aus, als ob der Nationalsozialisms im Abschwung begriffen sei. Der Scheitelpunkt der Wirtschaftskrise war überwunden und erste Anzeichen der Erholung erkennbar. Der Weihnachtseintrag im Tagebuch von Joseph Goebbels – das Jahr 1932 sei eine einzige Pechsträhne gewesen und man müsse es in Scherben schlagen – spricht für sich.
Erst eine entscheidende Zusammenkunft Hitlers mit führenden Gegnern des Reichskanzlers Kurt von Schleicher im Kölner Haus des Bankiers Kurt von Schroeder am 4. Januar 1933 markierte gleichsam die, so Karl Dietrich Bracher die „Geburtsstunde des Dritten Reiches“. (Karl Dietrich Bracher: Die Auflösung der Weimarer Republik, Stuttgart/Düsseldorf 1955).

Die folgenden Wochen bis zum 30. Januar 1933 verliefen als Zähmungs- und Tolerierungsprozess – eine Art „Mitmachen, um Schlimmeres zu verhindern“. Das Superioritätsgefühl jener „mitmachenden“ konservativen und halbfeudalen Eliten war dafür verantwortlich, dass sie Hitler auf verharmlosende Weise unterschätzten. Aus heutiger Sicht erklärt sich dieses Verhalten damit, dass für jene Zeitgenossen Hitlers das „Dritte Reich“ alles bis dahin politisch Vorstellbare in den Schatten stellte. Diese fehlende Erfahrung führte zu einer Ignoranz des Wesens totalitärer Herrschaft: keine Mitgestaltung, sondern nur Unterwerfung oder als Alternative Widerstand.

Hitler wäre bis zum 30. Januar 1933 noch zu verhindern gewesen, aber das wäre kein Widerstand im engeren Sinn gewesen, sondern Machtverhinderung. Eine Möglichkeit hierführ hätte in einem Militärregime bestanden. Gerade in der Zwischenkriegszeit wäre diese politische Entwicklung auch im Deutschen Reich nachvollziehbar gewesen: In Polen, Spanien und im Balkan gab es in jenen Tagen Militärregierungen. Ein General hätte wahrscheinlich 1933 mit der Unterstützung der Reichswehr rechnen können. Irgendwann wäre die NS-Bewegung in sich zusammengesunken und eine andere Regierungsform möglich gewesen. Eine ganz sicher bessere als Hitlers. Aber es fand sich niemand und Schleicher war für einen Militärputsch nicht zu haben.

Opposition und Widerstand sind in einer Diktatur immer Ausnahmeverhaltensmuster.

Der deutsch-amerikanische Historiker Klemens von Klemperer hat in diesem Zusammenhang einmal festgestellt, dass die Diktatur die Menschen so in Bedrängnis bringt, dass „nur die wenigsten“ wissen, was zu denken und zu tun ist: „Mitmachen und Anpassen“ stelle „die einfachste Lösung dar; Widerstehen die gefährlichste“. Aber selbst wenn man den Begriff großzügig auslegt und in Rechnung stellt, dass in der NS-Diktatur selbst „Verhaltensformen, die unter anderen, z. B. den westlichen Bedingungen der Nachkriegszeit unerheblich und belanglos wären, Widerstand darstellen“ konnten, wird man für das Jahr 1933 wenig Oppositionsgeist identifizieren können.

Wenn man unter diesem Aspekt danach fragt, „ob ein bestimmtes Verhalten von einzelnen oder von Gruppen damals Risikocharakter hatte oder nicht“, wird man, vom linken Widerstand abgesehen, höchstens für einen geistigen Widerspruch einige Beispiele finden können – etwa wenn man an die Vorgänge um das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933 denkt. (Kemens von Klemperer; Über Widerstand und Kollaboration oder : Im Angesicht des Absurden, in: Mechtild Gilzmer (Hg.); Widerstand und Kollaboration in Europa, Münster 2004)

Bei den wenigen noch verbliebenen Anhängern des republikanischen und demokratischen Gedankens herrschte angesichts der einschüchternden Vorgänge in und vor der Kroll-Oper Mut- und Ratlosigkeit vor. Angesichts des durch Begeisterung und Einschüchterung gleichermaßen gekennzeichneten Ausnahmezustands stellten die bürgerlichen Eliten den als aussichtslos erklärten Kampf ein. Es war ein resignierter Abgesang auf verpasste Gelegenheiten.
Sebastian Haffner hat diesen Befund in die Feststellung gekleidet, dass die Repräsentanten der bürgerlichen Parteien „nicht mehr mitspielen wollten, daß sie zufrieden waren, sich sozusagen ins politische Nichts zurückziehen zu dürfen.“ (Sebastian Haffner; Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, München 1987)

Was war das Motiv jenes bürgerlichen Kleinmuts?

Zun einen sicherlich, dass die parteipolitische Elite die „Machtergreifung“ als einen „Triumph geordneter Gewalt“ (Joachim Fest) verstand und Hitlers Machtantritt das Ergebnis dosierter Brutalität war oder, wie es Ian Kershaw bezeichnete, eine „Mischung aus pseudogesetzlichen Maßnahmen, Terror, Manipulation und bereitwilliger Kollaboration“. Auf eine Bartholomäusnacht verzichtete Hitler nur deshalb, weil er sie aufgrund seiner legalen „Machtergreifung“ überhaupt nicht mehr nötig hatte. Und nicht etwa weil er „doch nicht so schlimm wie befürchtet“ war, wie es sich die bürgerliche Elitenträger einredeten.

Zum anderen widerlief ein Aufbegehren der traditionellen Eliten gegen Hitler der vorherrschenden Stimmung in der Bevölkerung. Der neue Staatsmann repräsentierte einen klassen- und schichtenübergreifenden Revolutionär, dem die Bürgerlichen nicht entgegenzutreten wagten. Außerdem war Hitler auch noch legal/halblegal an die Macht gekommen. Die rauschhafen Vorgänge des Frühjahrs 1933 schienen eine wahre „Volksgemeinschaft“ anzukündigen, denen sich auch die alten Eliten nicht glaubten, entgegenstellen zu dürfen. Kaum einer von ihnen vermochte sich dem deformierenden, ideologisch aufgeladenen Mythos eines egalitären Neuanfangs zu entziehen.

Karl Bracher hat die unheimliche Suggestivkraft dieser Bewegung anschaulich beschrieben:
„Sozialistisch im Sinne von ’sozial‘ hatte nun jeder Deutsche zu sein: das Winterhilfswerk, tausenderlei Spenden- und Sammelaktionen, Reichsberufswettkämpfe und Musterbetrieben, ‚Kraft durch Freude‘ und nationales Eintopfessen, der Volkswagen für jedermann, schließlich die klassenlose Gemeinschaft in Hitlerjugend und Parteiverbänden, in DAF und Arbeitsdienst – alle diese vielfältigen Aktionsformen der ‚Volksgemeinschaft‘ verfehlten nicht ihre Wirkung.“

Selbst viele der Intellektuellen, die dem Nationalsozialismus eigentlich skeptisch gegenüberstanden, reagierten mit Hoffnung, „dankbarer Verblüffung“, so Sebastian Haffner, auf die „Erfolge“ Hitlers und verwiesen jeden Opponenten in die Position eines „querulantischen Nörglers“.

Das dritte Motiv gegen eine Opposition der bürgerlichen Elite war speziell ein Kriterium Hitlers Beliebtheit als Revolutionär innerhalb der Bevölkerung, und zwar die breite Zustimmung zu Hitlers außenpolitischem Handeln. Nicht nur die deutschnationalen Monarchisten und die politische Mitte, sondern sogar die Kommunisten hielten den Versailler Vertrag für einen „Schandvertrag“. Indem Hitler aus dem Völkerbund ausstieg, zog er diese Bevölkerungsteile auf seine Seite. Der innenpolitische Sprengstoff, den die Arbeitslosigkeit in gefährlicher Konzentration angehäuft hatte, wurde nach der „Machtergreifung“ auf eine Weise entschärft, die das Anziehende und das Abstoßende des Nationalsozialismus untrennbar miteinander verband.

Die bürgerlichen Eliten ergaben sich gleichsam in einem Zusammenspiel von „Verführung und Gewalt“ einem politischen System, das in einer für das 20. Jahrhundert neuartigen und doch typischen Weise das scheinbar Attraktive mit Zwang und Terror verband. Selbst Menschen mit kühler Vernunft oder Zyniker der Macht erlagen dieser Dynamik. Man lehnte die nationalsozialistischen Repressionsmaßnahmen ab und verachtete das Pöbelhafte, verwehrte aber der „Bewegung“ nicht den Respekt für den radikalen Versuch einer Lösung der Probleme, die jahrelang als unlösbar gegolten hatten. (Hans-Ulrich Thamer; Verführung und Gewalt, München 1986)

Die Geschichte der „Machtergreifung“ war immer auch die Geschichte der Unterschätzung Hitlers. Hitlers „Leistungen“ , gemischt mit politischen Zwangsmaßnahmen, Drohungen und Willkür ergaben einen hochtoxischen Polit-Cocktail, der die Zungen der Kritiker lähmte. Das Verführerische der Tyrannis stellte die deutschen Eliten vor eine dialektische Situation, die Abwarten und inneres Widerstehen in seltsamer Weise kombinierte. Nur die Sozialdemokraten und die Kommunisten sahen die Todesfratze des NS-Feindes in all seinen schrecklichen Ausmaßen. Tief greifende Orientierungs- und Sprachlosigkeit kennzeichnete die Haltung der deutschen Eliten.

In den zeitlichen Kontext gestellt, war der Missbrauch nationaler Gefühle durch antiliberale und antidemokratische Bewegungen nicht allein auf Deutschland beschränkt, sondern in weiten Teilen des durch den Weltkrieg tief verstörten Kontinents zu beobachten, vor allem in den Staaten, die territoriale Verluste im Ersten Weltkrieg erlitten hatten oder deren Gebietsgewinne, wie im Falle Italiens, nicht groß genug erschienen.

Wie sah die Grundhaltung der Eliten gegenüber Hitler en détail aus?

Die agrarische Elite:
Von ihr, den „Ostelbiern“, war am wenigsten Widerstand zu erwarten. Gerade das Zusammenwirken der „braunen Bewegung“ mit diesen residualen gesellschaftlichen Kräften bewirkte die Dynamik des Nationalsozialismus.

Die militärische Elite:
Auch seitens des Militärs waren Widerstandshandlungen ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Offiziere der 100.000-Mann-Reichswehr waren froh über die von Hitler aufgekündigten Versailler Restriktionen. Das Beispiel des Grafen Stauffenberg macht hier an prominenter Stelle deutlich, dass trotz Standesdünkel gegenüber der proletarisch auftretenden Nationalsozialisten der ersten Stunde der „Neuanfang“ mit Hitler leidenschaftlich begrüßt wurde. Territoriale revisionistische Interessen waren hier ebenso im Spiel wie das „Berufspathos“ des Treueides, geschworen auf den „Führer, das selbst dann noch geachtet wurde, als sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges das Blatt gegen die Wehrmacht wendete.

Die Elite der bürgerlichen Parteien:
Das Vertrauen des Bürgertums in die politische Handlungsfähigkeit des Einzelnen und die vernunftgeleitete Überzeugung, der Rechtsstaat sei nach einer gewissen Anfangsphase der neuen Regierung wiederherstellbar, führte 1933 zur Unterschätzung des NS als dauerhaften Feind der Demokratie. Die Mehrheit des Bürgertums war national und ließ sich deshalb von der neuen Ideologie leicht verführen. Da sich das Bürgertum auf die Wertschätzung eines jeden einzelnen Mitglieds als Individuum begründete, war es ohne ausgebildetes „Klassenbewusstsein“ wie die Arbeiter sehr viel angreifbarer. Angst und Sorge vor Denunziation trugen außerdem entscheidend zu Apathie, Teilnahmslosigkeit, Zaudern und Zweifeln bei. Die Kombination von „Verführung und Gewalt (Hans-Ulrich Thamer) wirkte ebenso wie die überkommenen Traditionen von Pflicht und Gehorsam einer aktiven Opposition entgegen.

Die Kirchen:
Die Haltung der Kirchen in den Jahren der „deutschen Diktatur“ ist wie kaum ein anderes Thema der NS-Geschichte in das Kreuzfeuer der Kritik geraten und hat zu erbitterten Kontroversen um die „Schuld“ der beiden großen Religionsgemeinschaften geführt. Jenseits aller erregt geführten Debatten kann heute kaum bestritten werden, dass die Kirchen von Beginn an dem totalen Geltungsanspruch des pseudoreligiösen Nationalsozialismus feindlich gegenüberstanden.

Der „deutsche Protestantismus klammerte sich fast krampfhaft an die lutherische Zwei-Reiche-Lehre, die das Reich Christi vom weltlichen Reich trennte und letzterem uneingeschränkte Befugnisse zusprach. […] Der staatlichen Obrigkeit war also zu gehorchen.“ (Klemens von Klemperer, Die verlassenen Verschwörer. Der deutsche Widerstand auf der Suche nach Verbündeten 1938–1945, Berlin 1994).

Für die Weimarer Republik hatte das allerdings nicht gegolten; die erste deutsche Demokratie galt weithin als Abirrung von der gottgegebenen Ordnung. Über die gesamte Weimarer Zeit war der christliche Obrigkeitsstaat weithin als Leitbild evangelischer Christen geblieben, traditionell waren sie national eingestellt und lehnten mehrheitlich die staatstragenden Parteien – das Zentrum und die Sozialdemokratie – ab.

Umso mehr begrüßten die deutschen Protestanten im Jahr 1933 die sogenannte „nationale Erhebung“. Mit den Worten Dietrich Bonhoeffers erlagen sie der „großen Maskerade des Bösen“. (Dietrich Bonhoeffer, Nach zehn Jahren, in: Eberahrd Bethge (Hg.); Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Hamburg 1951)

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, stießen sie auf eine evangelische Kirche, die nicht einheitlich auftrat, sondern in sich politisch und theologisch zerrissen war. Da die diffusen nationalen und sozialen Ziele der NS-Bewegung nicht wenige Protestanten ansprachen, konnte denn auch schnell eine neue Kirchenpartei innerhalb des evangelischen Lagers – die „Deutschen Christen“ – entstehen, die darauf drängte, das nationalsozialistische Gedankengut zu übernehmen und die evangelische Kirchen in den Dienst des nationalen und völkischen Aufbruchs zu stellen. Das „Dritte Reich“ erschien aber selbst vielen, die sich nicht als „Deutsche Christen“ bekannten, als das Richtige, als das Zeitgemäße und – nachdem es einmal etabliert war – zudem als das Überlegene.

Der deutsche Protestantismus zeigte in seiner Geschichte nicht selten einen fatalen Hang zu dem, was „modern“ erschien. Mancher Protestant bemühte sich nun auch im Jahre 1933, mit der neuen Bewegung Schritt zu halten, zumal die die Errichtung der Diktatur begleitenden Einschränkungen der Grundrechte und die Gewaltmaßnahmen als Rückkehr zu Sitte und Ordnung verstanden wurden.

Der Katholizismus verfügte mit dem Zentrum über eine politische Partei. Die katholische Kirche hatte seit Bismarcks „Kulturkampf“ eine größere Staatsferne bewahrt und die natioalsozialistische Ideologie bis zur „Machtergreifung“ ganz überwiegend abgelehnt. Ihr gelang es aufgrund ihrer vergleichsweise großen Geschlossenheit und nicht zuletzt auf der Basis des gerade abgeschlossenen Reichskonkordats – vom 20. Juli 1933 –, das zumindest einen relativen Schutz bot, besser, den allmählich kleiner werdenden Spielraum dafür zu nutzen, die eigene Glaubens- und Sittenlehre zu bewahrenz und sich von infiltrierenden nationalsozialistischen Gedanken weitgehend freizuhalten. Aber auch der Katholizismus betrachtete die bislang bekämpfte Bewegung nach 1933 als eine legal an die Macht gekommene Regierung und versuchte vor allem nach der Selbstausschaltung des Zentrums, mit zweifelhaften Kompromissen seine weltanschauliche Eigenständigkeit unter den totalitären Bedingungen zu bewahren.

Die Wirtschaft:
An der nach dem Zweiten Weltkrieg vertretenen These, die deutsche Industrie sei der „Steigbügelhalter“ Hitlers gewesen, hat die marxistische Forschung bis zum Ende des kalten Krieges festgehalten. Aber auch in den USA hat die Vermutung einer weitgehenden Komplizenschaft zwischen Wirtschaft und dem Nationalsozialismus eine Zeit lang Bestand gehabt. Mit einem bahnbrechenden Werk von Henry A. Turner ist diese allzu simple These zwar schon in den Achtzigerjahren falsifiziert worden, hatte aber keine grundlegende Ehrenrettung zur Folge. (Henry A. Turner, Die Großunternehmen und der Aufstieg Hitlers, Berlin 1985)
Auch für die Unternehmer war der Nationalsozialismus eine „Versuchung“ (Fritz Stern, Nationals Socialism as Temptation, in: Ders.; Dreams and Delusions. The Drama of German History, New Haven/London 1987). Sie hatten in Weimar in erster Linie die DVP unterstützt, in geringerem Maße die liberale DDP oder die nationalkonservative DNVP. Sie hofften auf die Ausschaltung der linken Parteien und Gewerkschaften und erwarteten, gleichberechtigte Partner in einer Interessengemeinschaft zu sein – eine völlige Fehlkalkulation: Die Männer der Wirtschaft durften, wie sich herausstellte, zwar verdienen, waren aber dazu verpflichtet, dem von Hitler definierten und diktierten „Gemeinnutz“ Folge zu leisten. Profit und Wettbewerb als Antriebskraft kapitalistischer Ökonomie verloren ihre eigentliche Funktion und dienten jetzt vornehmlich dazu, die Unternehmer zur Produktionssteigerung anzuspornen. Nach der „Machtergreifung“ trat auch bei den machtbewussten Industriellen sogar eine bis dahin unbekannte Angst auf.

Die Wissenschaft und die Universitäten:
Die Studentenschaft war aufgrund ihrer materiellen, sozialen und psychologischen Situation nach dem Ersten Weltkrieg diejenige universitäte Gruppe, die sich als erste der nationalsozialistischen Idelogie zuwandete und deren Ziele und Inhalte an den Universitäten vehement voranzutreiben suchte (Götz Aly; Unser Kampf: 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt/Main 2008).

Der Verlust ihres schichtspezifischen Selbstbewusstseins als gesellschaftliche Führungselite, ihre fortschreitenden ökonomische Verelendung, die Überfüllung der Hochschulen und die verstopften akademischen Berufswege ließ die Studenten der Zwanzigerjahre an dem bisherigen klassisch-humanistischen Bildungsideal zweifeln, das in ihren Augen Wissenschaft un ihrer selbst willen betrieb, aber zur Lösung der immer prekärer empfundenen Überlebensprobleme wenig bis nichts beizutragen hatte. Das alles schuf eine explosive Stimmung der Hoffnungslosigkeit, die geeignet erscheint, die ungeheure Zunahme der natioalsozialistischen Bewegung an den Universitäten mit zu erklären.

Der 1926 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) wurde zum Heil bringenden Sammlungsorgan hochstilisiert. Dass sich ausgerechnet die künftige akademische Führungsschich als „neue Front“ gegen das Weimarer „System“ und für die braune „Bewegung“ mobilisieren ließ, stärkte den Nimbus der Nationalsozialisten, eine junge Bewegung zu verkörpern, die mit gleichsam naturgesetzlicher Notwendigkeit die überlebte alte Ordnung ablösen werde.

Der überwiegende Teil der eher nationalskonservativ als explizit natioalsozialistisch gesinnten Professoren ließ sich von dem Gedankengut der braunen Machthaber faszinieren, vereinnahmen oder missbrauchen.

Verwaltung und Justiz:
Auch hier war kein Widerstand zu erwarten. Das hängt nicht nur mit der pseudolegalen Machtübertragung zusammen, sondern auch mit dem Charakter der an das Dienen gewöhnten Behörden. Es gab zunächst auch wenig Anlass zur Klage, wenn man, wie die meisten Juristen es gewohnt waren, den positivistischen Denktraditionen verhaftet war. Trotz aller Exzesse, bei denen man entweder wegsah oder die man als „Kindekrankheiten“ in einer Übergangsphase zu entschuldigen versuchte, blieb das Rechtssystem formal zunächst noch intakt.

Das NS-Regime, das, mit Ernst Fraenkel gesprochen, ein „Doppelstaat“ war, war zwitterhaft zunächst nicht nur der „Maßnahmenstaat“, sondern noch eine ganze Zeit lang parallel dazu auch der traditionelle „Normenstaat“, der erst allmählich unterging. Da die Justiz zumindest eine Zeit lang noch „gegenüber der Aufweichung rechtsstaatlicher Normen ein gewisses Beharrungsvermögen“ zeigte, war an eine ernsthafte Gegenwehr von dieser Seite nicht zu denken. Auch die Verwaltung, aus deren Strukturen heraus die Entstehung revolutionärer Tendenzen ohnehin eher unbekannt ist, bot keinen Hebel für Widerstand, zumal die Veränderungen hier mit einer zeitlichen Verzögerung einsetzten. Der „Prozeß der innerstaatlichen Strukturveränderungen“ verlief hier „wie eine zeitlich gestreckte Fortsetzung der Gleichschaltungsaktionen in der Machtergreifungsphase“; politisch wirksam war dies 1933 nicht. (Dieter Rebentisch, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Welktrieg. Verfassungsentwickling und Verwaltungspolitik 1939–1945, Stuttgart 1989)

Als Antwort auf die eingangs gestellte Frage lässt sich damit leider feststellen, dass 1933 an keine ernsthafte Opposition seitens der deutschen Eliten zu denken war. Der Historiker Klaus Hildebrand hat treffend die fatale Situation beschrieben, in die sich die alten Führungsschichten aus eigenem Verschulden manövriert hatten. Während diese noch davon ausgingen, „Hitler und seine ‚Bewegung‘ in sozialkonservativem Sinne zur Bewahrung der überlieferten Ordnung benutzen zu können, hatten er und seine Partei den Spieß bereits umgedreht und bedienten sich der traditionellen Eliten, ihres Sachverstandes und ihres Einflusses, so lange, wie sie ihnen nützlich erscheinen konnten und wie man auf sie angewiesen war. Charakteristisch (…) war eine sich aus unübersehbarer Interessenidentität ergebende Kooperation zwischen Nationalsozialisten und Konservativen, deren Zusammengehen letztlich das Schicksal der von beiden Parteien abgelehnten Weimarer Republik besiegelt hatte.“ (Klaus Hildebrand, Das Dritte Reich, München 2003, S. 28)

Unabhängig von der historisch kaum zu beantwortenden Frage nach einer grundlegenden „Gemeinheit der Menschennatur“ sind Menschen im Alllgemeinen nicht zu Helden geboren, sondern reagieren gerade in totalitären Saaten mit ihren vielfätigen Mechanismen zur Herstellung von Loyalität und sozialer Kontrolle in der Regel feige. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die „Zeiten des Schreckens“ im 20. Jahrhundert inzwischen auch eine Angelegenheit der modernen Sozialpsychologie und Anthropologie geworden sind. (Wolf Sofsky; Zeiten des Schreckens, Frankfurt am Main 2002).

Warum sollen sich Eliten eigentlich anders verhalten als andere Teile der Gesellschaft?

Auch wer sich zur Elite zählt, ist meist nur ein Mensch, wenn es um Fragen der Moral geht, und das gilt erst recht für die Zeiten einer totalitären Herausforderung, als mancher bereit war, seine ethischen Grundsätze über Bord zu werfen und sich geradezu rauschhaft dem totalitären System des Hitlerstaates unterzordnen.

Auch für die Elite gilt die Feststellung Friedrich Nietzsches: „Vieles Wissen und Gelernthaben ist (…) weder ein notwendiges Mittel der Kultur noch ein Zeichen derselben und verträgt sich nötigenfalls auf das beste mit dem Gegensatze der Kultur, der Barbarei.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller, in: Karl Schlechta (Hg.); Frieidrich Nietzsche. Werke in drei Bänden, Bd. 1, Darmstadt 1954)