Tom Segev: „Lieberman mit Haider vergleichbar“

Der israelische Historiker und Journalist Tom Segev hat die politische Linke in seinem Land für „bedeutungslos“ erklärt. Gleichzeitig äußerte er sich besorgt über den Rechtsruck in Israel und erinnerte an den Abzug des israelischen Botschafters aus Wien, nachdem der Populist Jörg Haider dort an die Macht gekommen war…

„Nach den Ergebnissen ist es Benjamin Netanjahu möglich, eine Regierung mit dem Rechtspolitiker Avigdor Lieberman zu formen“, sagte Segev nach Bekanntgabe der vorläufigen Wahlergebnisse gegenüber „Spiegel Online“. „Das ist abstoßend. Schon in den vergangenen Jahren ist Israel nach rechts gerückt. Doch jetzt haben wir es mit der extremen Rechten zu tun. Das ist etwas ganz Neues und sehr alarmierend. Als in Österreich mit Jörg Haider ein ähnlich rechter Politiker wie Lieberman an die Macht kam, berief Israel seinen Botschafter ab. Jetzt wird ein Mann vom Schlage Haiders Königsmacher in der israelischen Knesset sein.“

Dabei ging der Journalist nicht darauf ein, dass Lieberman bereits in der Vergangenheit mehrere Ministerposten innegehabt hatte. So war er unter Ariel Scharon von März 2001 bis März 2002 Infrastrukturminister. Anschließend fungierte er bis Juni 2004 als Verkehrsminister. Unter Ehud Olmert war er vom 30. Oktober 2006 bis zum 18. Januar 2008 stellvertretender Regierungschef und Minister für Strategische Angelegenheiten. Damals trat Liebermans Partei „Israel Beiteinu“ aus der Regierung aus. Sie protestierte dagegen, dass mit den Palästinensern Verhandlungen über Kernfragen wie Grenzen und Jerusalem eröffnet worden waren.

Zur Stellung der linksgerichteten Parteien sagte Segev: „Die israelische Linke ist bedeutungslos geworden, es gibt sie einfach nicht mehr. Das ist schon erstaunlich: Dieses Land wurde praktisch von der Arbeitspartei gegründet, sie hat die Politik von Jahrzehnten dominiert. Und jetzt ist sie auf einmal von der Bildfläche verschwunden. Dahinter steckt ein Wandel in der Mentalität der Israelis. Früher waren die Menschen solidarisch, sogar sozialistisch. Heute sind Konsum und Sicherheit die beherrschenden Themen.“

Nach den vorläufigen Wahlergebnissen erhält die Kadima-Partei von Zippi Livni 28 Mandate in der Knesset. Netanjahus Likud kommt auf 27 Sitze. Liebermans Israel Beiteinu kann 15 Abgeordnete stellen, die Arbeitspartei wird mit 13 Sitzen nur viertstärkste Kraft.

inn, 11.02.2009

12 Kommentare zu “Tom Segev: „Lieberman mit Haider vergleichbar“

  1. „ein ähnlich rechter Politiker wie Haider“:
    Nun, Lieberman steht LePen näher als Haider.
    Rassistische Aussagen wie er sie machte über „stinkende Araber“ und Forderungen nach Lagern für und Ausweisung aller Araber hätte sich Haider wegen der österreichischen Vergangenheit nie erlauben können.

  2. mich in die Nähe von Lieberman zu rücken ist doch seltsam, mir Neid zu unterstellen noch seltsamer.
    1) Immerhin führe ich seit vielen Jahren einen politischen Kampf gegen den rechtsextremen Rand in Österreich. Wegen meiner Kritik am FPÖ Jahrbuch 1995 fanden sieben Prozesse statt. Und ich mußte mich an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wenden. Dieser hat in  der Sache Pfeifer v. Austria mir Recht gegeben.
    Zu keiner Zeit habe ich je eine Zeile zugunsten irgendeinen rechten Politiker in Israel geschrieben jedoch viele Artikel gegen solche Politiker und Rabbiner publiziert.  Meine Kritike an Segev ist sachlicher Art.
    2) Neid zu unterstellen Maki bedeutet, dass sie vielleicht ihre eigene Einstellung auf mich projizieren. 
    Wenn Sie Kritik an meinem kurzen Text vorzubringen haben, dann tun  Sie das, aber versuchen Sie sachlich zu bleiben.

  3. „Weil Haider das (angeblich) auch war? Ein kleiner Jokus bzgl. “Vergleichbarkeit”, verstehen Sie?“
     
    Aha. Wobei ich sagen muss, dass es mich nie interessiert hat, ob der nun Homosexuell war oder nicht. Bei anderen interessiert die Heterosexualität ja auch nicht. Aber gut, dann habe ich Sie missverstanden.

  4. Wie kommen Sie darauf, daß ich etwas gegen Homosexuelle hätte? Ich hab‘ auch nix gegen Phaeton-Fahrer. (Und bei tödlichen Unfällen entwickle ich auch keine Animositäten gegen die Verunglückten.)

  5. die dt.presse ist immer die erste, die alles und jeden angreift und für undemokratisch erklärt. dabei ist deutschland heute nur solch ein demokratisches und friedliebendes reich, weil es europaweiten genozid begangen hat und dafür ordentlich die fresse eingeschlagen wurde. demokratie und pazifismus gibt es hier wg. den amerikanern, weil sie ihr system hier aufgebaut haben. nicht weil die deutschen von selbst drauf kamen.

    liebermann wird hauptsächlich von juden aus der ehemaligen sssr gewählt, da diese oft die größten nationalisten werden angesichts der lage israels in der welt – verdammen kann man sie dafür nicht. die deutsche presse vergisst oft und gerne, dass im gegensatz zu deutschland israel umgeben ist von feinden, und selbst in ländern mit friedensvertrag gibts es hass innerhalb der bevölkerung. ein nährboden für nationalismus, solange er nicht in progrome, diskriminierung und extremismus umschlägt, kann man das tolerieren.

  6. @Maki

    Wußtest du, daß Liebermanns Partei u.a. deshalb gewählt wurde, weil sie sich als Einzige für die Möglichkeit einer standesamtlichen Trauung stark machen – und für Nahverkehr am Shabat? Wußtest du, daß viele drusische Israelis Liebermann wählen – und seine Hauptwählergruppe Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion sind?

    Natürlich nicht … aber wenn Bild und SZ sagen, er ist ein Nazi, dann muß es ja stimmen. Welche Partei hättest du gewählt – und warum?

    Das Problem von Segev ist, er versteht nicht, warum die Wähler nicht mehr automatisch Meretz und Avoda wählen – kommt nicht auf die Idee, daß dies an deren verkorkster Politik der letzten Jahre liegen könnte… und deshalb viele „Linke“ jetzt Kadima wählen…

  7. Jeder mag mal daneben hauen. Leute die ewig jeden noch so kleinen Makel daherbringen, sind auch nicht gerade sympathisch.
    Wo ist das Argument? Eigentlich will Herr Pfeifer ein gutes Wort für Liebermann einlegen, aber ihm fällt nur ein, auf Segev einzuschlagen. Ist es Neid?

  8. Tom Segev greift fast immer daneben, wenn er sich zu solchen Themen äußert. So erklärte er zum Prozess [2000] David Irving gegen Debora Lipstadt: Was wäre passiert, wenn Irving gewonnen hätte, „Alles halb so wild“, war seine Antwort, mit anderen Worten: nichts.
    „Internationale Reaktionen auf David Irvings verlorenen Prozess“, Die Welt, 13. April 2000.

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