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„Rabbi Jesus“

Zunächst darf ich mich für Ihre Einladung und die ehrenvolle Aufgabe, in Ihrer Kirche eine Predigt zu halten, ganz herzlich bedanken. Es ist sicherlich für einen Nichttheologen und jemanden, der kein Christ ist, nicht ganz einfach über Jesus / Rabbi Jesus eine Predigt zu halten, doch ich werde mein Bestes versuchen…

Von Theodor Much,
Predigt vom 2.11.2008 in der Reformierten Stadtkirche HB, Wien

Für Juden war über lange Zeiträume die Beschäftigung mit der Person des Jesus von Nazareth fast ein Tabu. Das hatte verschiedene Gründe. Der erste Grund ist, dass Jesus theologisch im Judentum bis heute keine Rolle spielt, und zweitens weil in seinem Namen, über Jahrhunderte, Judenmission und Judenverfolgungen sich ereigneten, wodurch sein Name mit all den begangenen Gräueltaten assoziiert wurde. Vielen Juden (genauso wie Christen)war auch lange Zeit nicht klar, dass Jesus als Jude zur Welt kam und auch als Jude von den Römern hingerichtet wurde.

Das änderte sich erst langsam im 20. Jahrhundert, als bekannte jüdische Wissenschaftler und Theologen (wie u. a.: David Flusser, Josef Klausner, Schalom Ben–Chorin, Leo Baeck, Martin Buber oder Pinchas Lapide) Jesus als bedeutenden Juden, als Bruder wiederentdeckten. Von Schalom Ben–Chorin stammt auch der berühmte Satz: „Der Glaube des Jesus von Nazareth eint uns (gemeint sind Christen und Juden), der Glaube an Jesus von Nazareth trennt uns.“ Warum das bis heute so ist, will ich hier erläutern.

Für uns Heutige ist die offene Diskussion, der interkonfessionelle Dialog sehr viel einfacher geworden als für vergangene Generationen. Das hängt damit zusammen, dass christliche Theologen (fast aller Gruppierungen) das Judentum heute ganz anders sehen, als die alten Theologen, und unter dem Eindruck des Holocaust die Annäherung an das Judentum suchten. Durch dieses Umdenken wurde auch ein erfolgreicher Dialog beider Religionen möglich. Ein Dialog in Respekt und gleicher Augenhöhe, ohne den Hintergedanken der Mission.

Auch wir bei Or Chadasch-Wien sind in diesem interkonfessionellen Dialog tätig, und unsere Synagoge ist christlichen Besuchern, die mit uns gemeinsam beten wollen, immer offen.

Mein Thema heißt „Rabbi Jesus.“ Doch was bedeutet überhaupt der Titel „Rabbi“? Das ist die 1. Frage, die ich beantworten will:

Das Wort Rabbi ist abgeleitet aus dem hebräischen Wort „Raw“ (= Herr, Meister). Dieses Wort bekam seine Bedeutung als Ehrentitel in der Generation nach Hillel (er lebte von 30 v. d. Z. bis 9 n. d. Z.). Damalige Rabbiner – so auch Jesus – legten die hebräische Bibel (Thora, „Altes Testament“) aus, lehrten, führten (in gut jüdischer Tradition) Streitgespräche mit Freunden und Gegnern, hatten oftmals ihre eigenen Anhänger und gingen im allgemeinen einem bürgerlichen Beruf nach. Dass Jesus mit dem Ehrentitel „Rabbi“ von seinen Anhängern und selbst von Gegnern angesprochen wurde, erfahren wir aus den Evangelien. Daran kann nicht gerüttelt werden. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass weder die Sadduzäer, noch die Essener diesen Titel kannten, nur die im Neuen Testament vielgescholtenen Pharisäer führten den Titel Rabbi.

Heute sind Rabbiner Gemeindeangestellte. Sie sind Lehrer, Prediger, Seelsorger, leiten Gottesdienste und sind auch in Rabbinatsgerichten tätig. Ihre Ausbildung ist sehr unterschiedlich. Im liberalen Leo Baeck-College in London beispielsweise werden Studenten nur dann aufgenommen, wenn sie davor schon einen akademischen Titel erworben haben. Das Rabbinats-Studium dauert rund 5 Jahre. Heute können im Reformjudentum, aber auch im konservativen Judentum, Frauen diesen Beruf erlernen.

Bevor ich über Rabbi Jesus sprechen will, darf ich Ihnen einige der wichtigsten Grundlagen und Grundsätze des Judentums näher bringen, denn nur wer diese Grundlagen kennt, ist in der Lage zu verstehen, was Christen und Juden eint oder auch trennt.

Was zeichnete einst und zeichnet immer noch das Judentum heute aus?

Lassen Sie mich mit dem Pluralismus im Judentum beginnen. Der Pluralismus war immer ein Markenzeichen des Judentums.

Im heutigen Judentum kann unterschieden werden zwischen säkularen Juden (sicherlich die Mehrheit im Judentum) und religiösen Juden (die Minderheit). Im religiösen Judentum unterscheiden wir zwischen der Orthodoxie (mit all ihren verschiedenen Strömungen, die oft untereinander verfeindet sind) einerseits und dem konservativen Judentum bzw. Reformjudentum (auch liberales oder progressives Judentum genannt) andererseits. Die theologischen und auch praktischen Unterschiede zwischen orthodox- und nichtorthodox-religiösem Judentum sind beachtlich, doch auf sie kann ich hier aus Zeitgründen nicht näher eingehen. Tatsache ist aber, dass die weltweit größte religiöse Gruppierung im Judentum heute das Reformjudentum ist (und zu dieser Bewegung zählt auch Or Chadasch-Wien). Doch dieser Pluralismus macht es mir unmöglich, Ihnen eine allgemein gültige jüdische Sicht von Jesus zu vermitteln, weil es „DAS Judentum“ gar nicht gibt, sondern nur unterschiedliche Strömungen mit weit voneinander abweichenden Meinungen zu jedem beliebigen Thema.

Schon in Zeiten von Rabbi Jesus gab es in Israel sehr unterschiedliche Gruppierungen (wie u. a. Pharisäer, Sadduzäer und Essener), die miteinander oft bitter verfeindet waren. Anders als im Neuen Testament dargestellt, waren die Pharisäer die bei weitem fortschrittlichste religiöse Gruppierung im alten Israel.

Es muss auch daran erinnert werden, dass schon die großen Propheten Israels gegen gehaltlose Rituale (und Opferdienste) bzw. gegen Geschäftemacherei im Tempelvorhof (Amos 5,21; Sach. 14,21 u. a.) auftraten. Sie forderten Gerechtigkeit und soziales Verhalten und predigten, dass Gott Tieropfer von denjenigen nicht benötige, die sich moralisch falsch verhalten. Das alles predigte auch Jesus!

Während die Sadduzäer (die mit den Priestern im Tempel eng verbunden waren) nur die schriftliche Thora anerkannten und die mündliche Überlieferung (also die Interpretation der Thoragesetze) und die Idee der Auferstehung der Toten ablehnten, glaubten die Pharisäer an die Bedeutung der Diskussion und der Interpretation der Thora und auch an die menschliche Seele, die nicht mit dem sterbenden Körper im Nichts verschwindet. Fraglos waren daher nicht die Pharisäer, sondern die Sadduzäer die logischen Gegner von Jesus. Die Gegnerschaft von Sadduzäer und Pharisäer führte auch immer wieder zu blutigen innerjüdischen Bruderkriegen und schließlich zum Eingreifen der Weltmacht Rom.

Judentum war in längst vergangenen Zeiten in erster Linie eine Gesetzesreligion, deren Gesetze in der Thora (hebräische Bibel, „Altes Testament“ in christlicher Diktion) und später in Mischnah und Talmud niedergeschrieben sind. Der Talmud ist eine Niederschrift der sogenannten mündlichen Überlieferung (diese Niederschrift erfolgte zwischen 2. und 5. Jahrhundert n. Chr.). Doch mit der Zeit – und schon lange vor Jesus – wurde allmählich aus einer Gesetzesreligion eine interpretierende Religion, die es zustande brachte, viele Gesetze zum Wohle der Menschen zu mildern oder sogar ganz außer Kraft zu setzen; so wurde z. B. die Todesstrafe für bestimmte Vergehen völlig abgeschafft ( im Judentum gibt es seit 2000 Jahren die Todesstrafe nicht mehr). D. h.: Reformen waren stets Teil des Judentums, und ohne Reformen hätte das Judentum auch nicht überleben können.

Judentum ist eine Religion mit nur wenigen Dogmen und keine über allen Gläubigen thronenden Autoritäten (wie etwa ein Papst). Zu den wenigen Dogmen (sie gelten nur teilweise für alle Strömungen im Judentum) zählen die „Auferstehung der Toten, das Kommen eines Messias, die Offenbarungslehre, die Bundesidee und die Vorstellung eines unteilbaren, unsichtbaren und körperlosen Gottes (ausgedrückt im „Höre Israel“ Gebet).

Das Judentum kennt auch keine Erbsünde. Ganz das Gegenteil. Nach Ansicht der Weisen kommt der Mensch rein und mit einem freien Willen ausgestattet in diese Welt. Er hat daher immer die Möglichkeit zwischen gut und böse sich zu entscheiden. Die Vorstellung einer Erbsünde finden wir auch bei Rabbi Jesus nicht.

Zentrale ethische Gebote des Judentums sind: die Forderung nach Nächstenliebe und der Verzicht auf Rache, selbst die Feindesliebe (oder besser gesagt: die Vermenschlichung des Feindes) ist ein religiöses Gebot. Wer es nachlesen will, der lese: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lev. 19), „Du sollst den Fremdling (den Nichtjuden) lieben wie dich selbst“ (Lev. 19 und Dt. 27), oder: „Wenn dein Feind hungrig ist, so gib ihm zu essen, und wenn er durstig ist, so gib ihm zu trinken, damit bringst du ihn dazu, sich zu ändern“ (Sprichwörter 25,21). In Lev. 19, 17 lesen wir auch: „Wenn du etwas gegen einen anderen hast, dann trage deinen Groll nicht mit dir herum. Rede offen mit ihm darüber. Räche dich nicht an deinen Mitmenschen und trage niemanden etwas nach.“

Wir alle kennen auch das Talionsgesetz (Ex. 21, 23), in dem es angeblich wortwörtlich heißt „Auge um Auge, Zahn um Zahn … . Doch im Originaltext lesen wir etwas ganz anderes. Dort heisst es (im hebräischen Wortlaut) nicht „um“ sondern „anstelle von“ (hebräisch: tachat). In Wirklichkeit war das Talionsgesetz ein Sozialgesetz der gerechten Wiedergutmachung für einen angerichteten Schaden, womit ein Täter verpflichtet wurde, einen adäquaten Schadensersatz zu leisten, im Sinne von „Maß für Maß“. Das kann auch im Talmud ausführlich nachgelesen werden. Leider hat Martin Luther das hebräische Wort „tachat“ (anstelle von) mit dem Wort „um“ übersetzt und die Bedeutung des biblischen Talionsgesetzes dadurch völlig verfälscht.

Der berühmte Rabbiner Hillel der Ältere fasste das zentralste jüdische Gebot folgendermaßen zusammen: „Du sollst niemanden etwas antun, was du nicht willst, das man dir tut“ (das predigte auch Jesus).

Zu den wichtigsten Geboten im Judentum zählt auch die Einhaltung des Schabbat, als Ruhetag für Mensch und Tier. Doch auch hier waren immer Ausnahmen erlaubt, so zum Beispiel wenn es um die Lebensrettung von Lebewesen geht. Lebensgefahr hebt im Judentum die Schabbatruhe auf. Genau diesen Standpunkt vertrat auch Jesus.

Auch die Wohltätigkeit (hebräisch: Zeddaka) ist eine zentrale Forderung der Thora. Dazu heißt es im Talmud: „Man versorge die Armen aus den Völkern (also die Nichtjuden) mitsamt der Armen Israels, und man besuche die Kranken derer aus den Völkern mitsamt den Kranken Israels, und man begrabe die Toten aus deren Völkern mitsamt den Toten Israels, des Friedens wegen“ (Gittin 61a). Dieser Satz zeigt auch sehr schön, dass schon im alten Israel die Gelehrten die allumfassende Nächstenliebe nicht nur auf das eigene Volk bezogen.

All diese Forderungen der Nächstenliebe predigte auch Rabbi Jesus, in völliger Übereinstimmung mit dem jüdischen Gesetz.

Das Judentum ist auch (im Gegensatz zu Christentum und Islam) keine missionierende Religion. Begründet wird die Ablehnung der Mission mit den sogenannten „Noachidischen Gesetzen“ (siehe Talmud b. San. 56). Diese besagen, dass alle Menschen (selbst Heiden), die die 7 Gesetze der Gerechtigkeit (ähnlich den 10 Geboten) einhalten, einen Anteil an der kommenden Welt haben werden. Mit anderen Worten: Das Heil in der kommenden Welt ist nicht von der Zugehörigkeit zum Judentum oder irgendeiner Religion abhängig.

Rabbi Jesus predigte zu seinen Lebzeiten, so weit bekannt, nicht den Heiden, er sprach immer nur zu den Kindern Israels (Mt. 15,24: „Ich bin nur zu der verlorenen Herde des Hauses Israel gesandt worden“; Mt. 10,5-6, Mk. 7,24). Trotzdem akzeptierte und akzeptiert das Judentum Proselyten, und ein Übertritt zum Judentum ist immer, wenn auch mit einigen Hürden, möglich.

Wie bei allen anderen Konfessionen auch, finden wir im Judentum sowohl partikularistische Elemente als auch einen sehr ausgeprägten Universalismus, also eine Hinwendung an alle Menschen der Erde.

Besonders schön zeigt sich dieser Universalismus im Alenu-Gebet, aus dem ich am Schluss meiner Predigt zitieren will.

Das Gebet

Seit der Zerstörung des 2. Tempels zu Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n. d. Z., ersetzt das Gebet die einstigen Opferdienste. Juden dürfen überall und auch spontan beten und sie beten direkt zu Gott, niemals über einen Vermittler. Ein automatisiertes Herunterratschen der Gebete ist nicht gerne gesehen, vielmehr kommt es auf die „Kawana“ (Verinnerlichung, völlig Hingabe) an. Besonders zum jüdischen Neujahr wird auch um die Vergebung der Sünden (die Gott gegenüber begangen wurden) gebetet. Doch die göttliche Vergebung ist nur dann gewiß, wenn der Mensch echte Reue empfindet, umkehrwillig ist und die bereuten Sünden unter keinen Umständen wiederholt. Diese Umkehr nennt man im Judentum „Teschuwa“ (die für Rabbi Jesus von allergrößter Bedeutung war).

Alle zentralen jüdischen Gebete betete wahrscheinlich auch Rabbi Jesus, und einige dieser Gebete sind bis heute ebenfalls Bestandteil der christlichen Liturgie. Dies wird einsichtig, wenn man z. B. einzelne Sätze des Kaddischgebets und des Achzehngebets mit Preisungen und Bitten des Vaterunser vergleicht. Es erscheint mir auch wichtig zu verstehen, dass für gläubige Juden (besonders im Gebet) Ausdrücke wie „Vater“, „Gott Vater“, „Herr“, „Unser Gott im Himmel“, „Gottessohn“, „Sohn Davids“ zum normalen Sprachgebrauch gehören. Sie sprechen zwar Gott mit „Vater“ an, doch sie meinen damit nicht, leibliche Kinder Gottes zu sein. Ein schönes Beispiel dafür ist das „Avinu malkenu“ Gebet, das zu den Hohen Feiertagen gebetet wird. Jede Zeile dieses gesungenen Gebets trägt die Nöte des Volkes vor den Vater im Himmel.

Messias

Fromme Juden erwarten – und erwarteten zu allen Zeiten – das Kommen des Messias. Nach traditioneller Auffassung wird der „gesalbte König“ ein Mensch (und kein übernatürliches Wesen) sein, ein Nachfahre Davids. Die wesentlichste Vorstellung in Verbindung mit seinem Erscheinen ist die Idee, dass durch seine Ankunft Friede in der Welt einzieht und alle Verfolgungen der Juden ein für alle Mal aufhören. Die Hauptaufgabe des Messias ist aber die völlige Durchsetzung der göttlichen Herrschaft in aller Welt.

Sämtliche Gruppierungen im alten Israel erhofften demnach einen politischen (= theopolitischen) Erlöser, wobei die Erwartungen der Menschen sehr unterschiedlich waren. Manche erwarteten eine (wenig definierte) himmlische Gestalt (in Anlehnung an Daniel 7,13), andere dachten an bestimmte Propheten oder einen endzeitlichen Hohenpriester. Und dann gab es noch die Vorstellung von einem Messiasvorläufer, der als Messias ben Josef (Sohn des Josef) bezeichnet wurde. Es ist der leidende Messias, der im Kampf mit den Feinden Israels umkommt.

Jesus hat sich jedenfalls niemals in der Öffentlichkeit (also dem Volk) als „der Messias“ dargestellt, ganz im Gegenteil: er warnte seine Jünger, ihre Vermutung öffentlich zu verkünden, und erwähnt die Gefahr von falschen Messiasanwärtern (Mt. 16,17-25 und Mk. 8,29). Und in der Tat gab es im Judentum immer wieder Personen (12 an der Zahl), die von sich behaupteten, „der Messias zu sein.“ Doch kein einziger von ihnen wurde deswegen hingerichtet, obwohl sie über ihre Anhänger oft großen Schaden brachten.

Bemerkenswert ist auch, dass Jesus in Mt. 22,41, Mk. 12,35 und Lk. 20,41 ganz klar argumentiert, dass der versprochene Messias nicht aus dem Hause David abstammen kann und zitiert dabei einen Psalm König Davids (Ps. 110: dieser Psalm wird allerdings in sämtlichen Übersetzungen aus dem Hebräischen fehlerhaft wiedergegeben).

Judikatur

Es erscheint mir auch wichtig, einige Worte zur Judikatur im Judentum zu sagen. Für Gerichtsverfahren waren zur Zeit von Rabbi Jesus Rabbinatsgerichte zuständig. Die Regeln einer Prozessführung waren klar definiert, sie lauteten: Der hohe Rat (Sanhedrin), bestehend aus einem Vorsitzenden (Hohenpriester) und 70 Mitgliedern aus angesehenen Familien (darunter waren auch Nikodemus und Josef, die Jesus sicherlich nicht verurteilten), durfte nach jüdischem Recht weder an Feiertagen und dazugehörigen Rüsttagen, noch abends zusammenkommen. Die Verhandlung musste öffentlich (also nicht heimlich in einem Privathaus) und stets unter Hinzuziehung eines Verteidigers erfolgen. Für eine Aburteilung war die Aussage von mindestens 2 Zeugen erforderlich, und der Verurteilte hatte stets das Recht, die Wiederaufnahme der Verhandlung zu beantragen. Ein Prozess musste stets mindestens 2 Tage andauern, und in einem Richtergremium genügte für einen Schuldspruch nicht die einfache Mehrheit, sondern ein einstimmiger Beschluß war vorgeschrieben. Todesstrafen waren daher im Judentum wegen all dieser Bestimmungen kaum noch möglich. Es ist auch nicht überliefert, dass jemals jemand zum Tode verurteilt wurde, der von sich behauptete der Messias oder Gottessohn zu sein. Hätte der Prozess gegen Jesus so stattgefunden, wie in den Evangelien überliefert, dann wären sämtliche Gesetzesforderungen umgangen worden, und die Beteiligten – ohne Ausnahme – vor Gericht gelandet. Jesus wurde daher nicht von einem jüdischen Gericht, sondern nach römischem Recht zum Tode am Kreuz (eine rein römische Hinrichtungsart, der tausende Juden zum Opfer fielen) verurteilt.

Jesus

Doch kommen wir nun zur Person von Rabbi Jesus und seiner Lehre.

Dass Jesus sowie Maria und die 12 Jünger Juden waren, daran zweifelt heute wohl kaum jemand. Er besuchte regelmäßig Synagogen (Lk. 4,16) und predigte dort (einem Nichtjuden wäre das sicher nicht gestattet worden). Jesus ließ sich auch, wie viele seiner Zeitgenossen, durch Johannes am Jordan taufen (und Reinheitsrituale sind bis heute wichtige Zeremonien im Judentum). Er wanderte durch Nordisrael, predigte nach Art und in der Sprache der Propheten in Gleichnissen, unterrichtete und vollbrachte – ähnlich wie manche Propheten und Weisen (wie Honi der Gerechte und Hanina ben Dosa) – medizinische und andere Wunder. Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude und starb – wie unzählige seiner Landsleute vor- und nach ihm – als Jude, mit den Worten von Psalm 22,2 auf seinen Lippen, am römischen Kreuz.

Als ein Gesetzeslehrer ihn fragte, „welche denn die wichtigsten Gebote im Judentum seien?“, antwortete er: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand“ und „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst“. Genau diese Worte von der Liebe zu Gott finden sich wortwörtlich im zentralsten Gebet des Judentums, im uralten „Höre Israel“-Gebet. Die Worte der Nächstenliebe (und selbst die Liebe zum Nichtjuden, der unter den Israeliten wohnt, und der Feindesliebe) sind, wie einleitend dargestellt, zentrale Forderungen der hebräischen Bibel. Die berühmten Worte von Rabbi Hillel: „Tue keinem etwas an, was du nicht willst, dass man dir antut“ (b. Sabbat 31a und Tobias 4,15), waren Bestandteil seiner Predigten (Lk. 6,31). Jesus verwarf auch jede Form von Rachegelüsten und zitierte dabei Lev. 19,17-18 („Wenn du etwas gegen einen anderen hast … ); er verlangte Gerechtigkeit und Mitleid bzw. Hilfe für die Armen und Schwachen der Gesellschaft (hebr.: Zedaka), und auch das ist eine der wichtigsten Forderungen im Judentum (Dtn 15,7). Ferner verbot er die Verleumdung von Mitmenschen (Ex. 23,1), den Meineid (siehe „Die zehn Gebote: Ex. 20, 1-17) und verlangte „Umkehr“ (hebr.: „Teschuwa), als Voraussetzung, um das nahe Himmelsreich herbeizuführen.

Jesus betonte auch sehr energisch, „dass er nicht gekommen sei, um das Gesetz zu ändern, sondern um es komplett zu erfüllen“ (Mt. 5,18), und genau das forderten auch die Schriftgelehrten der damaligen Zeit. Doch trotz seiner prinzipiellen Gesetzestreue erlaubte er im Einzelfall die Uminterpretation von einigen Gesetzen, und genau so handelten auch Rabbi Hillel und andere Gelehrte vor und nach ihm. Selbst Heilungen am Schabbat waren, wie eingangs erwähnt, schon im damaligen Judentum, unter bestimmten Voraussetzungen, gestattet, womit Jesus nicht mit seinen Handlungen gegen das Gesetz verstieß!

Jesus erwartete, ganz in der Tradition des Judentums, das kommende Himmelsreich (mit dem Kommen des Messias) und auch die Auferstehung der Toten, in der Tradition der Pharisäer und gegen die Ansichten der stockkonservativen Priester.

Jesus betete – wie alle Juden – stets direkt (und ohne Vermittler) zu Gott. Er empfand sich im übertragenen Sinn (doch nicht nach Art der Griechen und Römer, deren Götter Söhne und Töchter mit Menschen zeugten) als Sohn Gottes und sprach Gott ganz traditionell mit Vater (Abba) an. Auch heute noch beten Juden in dieser Art, und in vielen Gebeten (ich zitierte schon das Awinu Malchenu-Gebet zum Versöhnungstag) wird Gott als „unser Vater, unser König“ angeredet.

Anders als seine Nachfolger sprach Jesus in erster Linie zu den Kindern Israels (Mt. 10,5 und 15,24), versuchte nicht, Heiden zu bekehren, wobei er – ganz im Sinne von Bibel und Talmud (siehe: Noachidische Gesetze) – die Fremden stets mit Respekt behandelte und sie auch heilte.

Wer die Bergpredigt (Mt. 5ff) mit offenen Augen liest, wird auch feststellen können, dass Jesus in dieser Predigt viele der wichtigsten Grundsätze des Judentums zusammenfasst. So u. a.: Friedensbestrebungen („Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Avot 1,12 und 1,18), Barmherzigkeit, Umkehr, Verzicht auf Rache, Liebe zu allen Menschen, Mildtätigkeit (ohne dabei den Empfänger zu demütigen), Verbot von Meineid und Ehebruch (siehe: 10 Gebote) und vieles mehr.

Jesus zitiert auch (in Mt. 4,4) Dtn. 5,9 und spricht: „Es muss nicht Brot sein, wovon der Mensch lebt, er kann von jedem Wort leben, das Gott spricht“, und ein wenig später heißt es: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen“.

In Mt. 19,5 predigt er auch die klassische Eheansicht des Judentums und zitiert Gen. 24,1: „Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter … die zwei sind dann eins mit Leib und Seele“.

All diese Beispiele zeigen die tiefe Verwurzelung des Rabbi Jesus im Judentum.

Zum Abschluß wollen wir uns die Frage stellen, zu welcher der vielen jüdischen Gruppierungen zur Römerzeit Jesus gehörte?

Eines können wir mit Sicherheit sagen: Er war sicherlich kein Sadduzäer, denn er glaubte, anders als sie, an die mündliche Überlieferung, an das Kommen des Messias und die Wiederauferstehung. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass er – wie manchmal behauptet – der Gruppe der Essener (der Sekte von Qumran) angehörte, selbst wenn er mit ihnen wahrscheinlich Kontakt pflegte. Den Pharisäern (die, wie der Talmud berichtet, sich in unterschiedlich sympathische und weniger sympathische Gruppierungen aufteilten) stand er theologisch nahe.

In Mt. 23,1 erkennt er ausdrücklich die Kompetenz der Pharisäer in der Auslegung der Gesetze an, auch wenn er ihr soziales Verhalten rügt. Offensichtlich hatte er unter einzelnen Gruppierungen der Pharisäer Freunde, gleichzeitig aber – hauptsächlich wegen seiner offenen Kritik und liberalen Interpretation von einzelnen Gesetzen – auch Feinde.

Im Judentum zählt Jesus nicht zu den Propheten, obwohl er wie sie (und oft in Gleichnissen) im Namen Gottes predigte, prophezeite, soziale Missstände anprangerte und zur Umkehr aufrief. Doch anders als die Propheten predigte er aus eigener Vollmacht und nahm für sich das Recht in Anspruch, Gesetze außer Kraft zu setzen. Manche Gelehrte bezeichnen ihn als „Reformrabbiner“. Einige seiner Aussagen passen auch sehr gut zu den Ansichten des heutigen Reformjudentums in Bezug auf Speise- und Schabbatgesetze, doch sein Bekenntnis, „dass er nicht gekommen ist, das Gesetz zu ändern, sondern um es bis zum letzten Jota zu erfüllen“ und seine doch radikale Forderung an seine Jünger, „nur ihm zu folgen und notfalls auch die eigene Familie zu verlassen“, passt nicht zu dieser Theorie.

Jesus lässt sich – wie ich meine – in keine derartige Schublade pressen. Er war ein großer und eigenständiger, charismatischer Lehrer und Prediger, ein tiefgläubiger Jude und ein Mann des Friedens, besaß eine ihm ergebene Anhängerschaft, erweckte bei vielen Menschen große Hoffnungen, und sein Selbstverständnis (als Messias?) blieb seinem Volk bis zu seinem Tod völlig verborgen.

Wer letztlich seinen Tod verschuldete, bleibt unklar. Sicherlich hatte er Feinde hauptsächlich unter den Sadduzäern und einzelnen Pharisäern, doch weswegen er letztlich von den Römern ermordet wurde, kann nur vermutet werden. Denn weder der Inhalt seiner Lehre, noch seine öffentlichen Reden standen im Gegensatz zum Judentum. Selbst wenn er sich als den Messias verstanden hätte, wäre diese Selbsteinschätzung kein ausreichender Grund für eine Hinrichtung (das beweist die lange jüdische Geschichte mit vielen gescheiterten Messiasanwärtern, die nie vor Gericht standen). Obwohl er sich nie dem Volk als Messias präsentierte (und seine Jünger davor warnte, öffentlich diese Behauptung aufzustellen), war er – wie dem Neuen Testament entnommen werden kann – ein beliebter und viel bewunderter Prediger. Die wenigen Personen, die im Hof der Burg Antonia seinen Tod forderten, kann man schwerlich als „das Volk“ bezeichnen. Daher muss die historische Kollektivschuldzuweisung an „das jüdische Volk“ und die Entlastung des bekannt grausamen Pontius Pilatus als ein schwerer historischer Fehler (mit schrecklichen Folgen für Millionen unschuldiger Juden) gesehen werden.

Die Römer, die das Land und seine Bevölkerung schwer unterdrückten und erniedrigten, befürchteten wahrscheinlich, dass sich Jesus als „König der Juden“ ausrufen lassen würde und zögerten daher nicht lange, den für sie „gefährlichen“ Oppositionellen – nach Römerrecht – zu kreuzigen. Sie taten das ohne Skrupel und äußerst grausam.

Nicht das, was Jesus lehrte, trennt heute Juden und Christen, sondern die Theologie seiner Nachfolger. Denn sie führten den Begriff der Dreifaltigkeit ein (eine Vorstellung, die der jüdischen Gottesvorstellung von einem unsichtbaren, einzigen Gott, der nicht abgebildet werden darf und keinesfalls mit Menschenkindern Nachkommen zeugt, widerspricht) und sahen in Jesus den körperlichen Sohn Gottes und auch den Messias (dessen Wirken auf Erden mit den gängigen Messiasverständnis des Judentums sich nicht vereinbaren lässt).

Der große jüdische Philosoph Martin Buber definierte einst Jesus als „den zentralen Juden“ und sah in ihm „die Verkörperung der edelsten Elemente des Judentums“. Das sind, wie ich meine, klare Worte.

Doch all das was Christen und Juden – gerade wegen Jesus – gemeinsam haben, sollte in Zukunft sehr viel stärker betont werden: um des Friedens Willen.

Ich sprach eingangs vom Universalismus im Judentum und will daher mit einem Absatz aus dem Alenugebet („Es ist unsere Aufgabe … „) meine Predigt beenden.

Dort heißt es: “ … dass die Welt geprägt werde von deiner Herrschaft und alle Menschen deinen Namen anrufen; dass alle Bösen der Welt sich zu dir bekehren. Dann wird Gott über die ganze Erde herrschen. An jenem Tag wird Gott einzig sein und sein Name einzig.“ Amen.

Theodor Much, Dr. med., Jahrgang 1942, verheiratet, Vater von drei Kindern. Von Beruf Hautarzt, mit beruflichen Erfahrungen in Österreich, Schweiz und Finnland.
Seit 1990 Präsident der ersten liberalen jüdischen Gemeinde in Österreich und im interkonfessionellen Dialog mit Islam und Christentum aktiv. Autor der Bücher: Leitfaden der praktischen Dermatologie (1994), Judentum, wie es wirklich ist, Bruderzwist im Hause Israel (1999), Noah & Co. sowie Der veräppelte Patient in der EDITION VA bENE 2003.