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Zeit wär’s: Umbenennung des Marienplatzes in Kurt-Eisner-Platz

Es ist schon sehr eigenartig, dass sich unter den Portraits der im Bayerischen Landtag bzw. in der Staatskanzlei geehrten ehemaligen Ministerpräsidenten des Freistaates, keine Würdigung des Gründers des Freistaates befindet. Von Kurt Eisner, dem ersten Ministerpräsidenten und Gründer des Freistaates Bayern, steht auch kein Denkmal vor dem Parlament. Auch an anderer zentraler Stelle der Hauptstadt, etwa vor dem Rathaus, findet sich kein Hinweis auf den Ermordeten…

Lediglich an der Stelle der Ermordung findet sich ein schuhabstreiferartiges Relief, das die Umrisse des Ermordeten, gemäß der Markierung der Spurensicherer am Tatort wiedergibt. Dieses ist unauffällig im Gehsteig eingelassen.

Zur 90. Jahrzeit des Todestages Eisners, dem eine wochenlange antisemitische und antidemokratische Hetzkampagne vorausging, traten deshalb verschiedene Bürger, unter anderen der Künstler Wolfram Kastner, an den jetzigen Ministerpräsidenten, Herrn Horst Seehofer, sowie den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Herrn Christian Ude, heran. In einem offenen Brief fordern sie ein „angemessenes Gedenken an Kurt Eisner“. Geeignet wäre die Umbenennung des Marienplatzes im Münchner Zentrum.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

wir bedanken uns für Ihr Schreiben vom 23.01.2009, in dem Sie einräumen, dass die bisherige Form der Erinnerung an den Begründer des Freistaats in München „dem Wirken Eisners nicht angemessen ist“.

Wir haben – ebenso wie Familienangehörige und die Kurt-Eisner-Kulturstiftung – am Tag der Ermordung Eisners durch einen antisemitischen Rechtsextremisten vor 90 Jahren Kränze am historischen Ort in der Kardinal-Faulhaber-Straße niedergelegt und entsprechende Zeichen von der Stadt vermisst.

Wir begrüßen es selbstverständlich, dass der Stadtrat einen Wettbewerb für ein Denkmal ausgeschrieben hat. Die abgelegene Grünfläche am Oberanger, an dem das Denkmal errichtet werden soll, erscheint aber nicht nur uns als völlig ungeeignet. Das ist weder ein Forum noch ein zentraler Platz in der Landeshauptstadt des Freistaats. Dort fahren nur Autos vorbei. Die Fußballmannschaft des FC Bayern wurde als Deutscher Meister auf dem zentralen Platz der Stadt empfangen und nicht am Oberanger. Fußgänger und Besucher der Stadt kommen dorthin nur in Ausnahmefällen. Schwer verständlich ist, dass eine Sigi Sommer darstellende Bronzeskulptur inmitten der belebten Fußgängerzone dicht beim Marienplatz aufgestellt werden konnte, der ermordete erste Ministerpräsident Kurt Eisner aber abgeschoben werden soll auf eine städtische Leerstelle. Die Kurt-Eisner-Straße in Neu-Perlach befindet sich wahrlich auch nicht im Zentrum der Stadt und ist für die meisten Bürger der Stadt und des Freistaats ebenso wenig sichtbar wie für Touristen und Gäste.

Eine Umbenennung des zentralen Marienplatzes oder zumindest des Marienhofes in Kurt Eisner Platz wäre für die Hauptstadt einer mühsam errungenen und zu bewahrenden Demokratie, die „Freistaat“ heißt, ein weithin wahrnehmbares Zeichen, das gerade „weltweit“ mehr Wirkung hätte als die magisch motivierte „Marien“-Benennung des 19. Jahrhunderts, mit der vergebens eine Cholera- Epidemie aus der Stadt gehalten werden sollte.

Eine selbstbewusste Demokratie sollte in der Lage sein, zentral und gut wahrnehmbar sich zu ihren Wurzeln zu bekennen.
Das könnte auch als ein Zeichen verstanden werden gegen die damaligen und heutigen mörderischen Rechtsextremisten.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfram P. Kastner und Frieder Köllmayr

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

am Samstag, 21. Februar 2009, brachten wir ein Porträt von Kurt Eisner, dem Begründer des Freistaat Bayern und dessen ersten Ministerpräsidenten in die Staatskanzlei – als Geschenk. Das Porträt ist nach einem Foto auf Leinwand vergrößert, Format 80 x 60 cm, und auf Keilrahmen aufgespannt.

Wie Sie wissen, wurde Kurt Eisner vor 90 Jahren von einem rechtsextremistischen antisemitischen Burschenschaftler ermordet.
Zu Eisners bleibenden Verdiensten gehören u.a. die Ausrufung des „Freistaats“ – also der Republik ohne Monarchen, die Einführung des Wahlrechts für Frauen und des Achtstundentags.

Es gibt also für heutige Demokraten mehr als genug Anlass dafür, Eisner endlich entsprechend zu würdigen. Nicht zuletzt wäre dies auch als ein überfälliges Zeichen gegen den damaligen und aktuellen mörderischen Rechtsextremismus zu verstehen.

Wir wissen, dass bisher nur die Ministerpräsidenten ab 1945 in der Staatskanzlei porträtiert sind, angeblich weil man vermeiden wollte, den in den Nazi-Putsch von 1923 verwickelten Ritter von Kahr in der Reihe der Ministerpräsidenten zu berücksichtigen.
Sicher gibt es gravierende Unterschiede zwischen dem Begründer des Freistaats, Kurt Eisner, und einem mit den Nazis sympathisierenden Totengräber der Demokratie wie Kahr.

In einer selbstbewussten Demokratie ist es jedenfalls unumgänglich, die ganze Geschichte des Freistaats zu erinnern und alle Ministerpräsidenten mit den notwendigen historischen Kommentaren in der Staatskanzlei zu dokumentieren und die Gefahren und Widersprüche nicht auszublenden.

Wir gehen davon aus, dass Sie das Porträt Ihres Vorgängers Kurt Eisner an würdiger Stelle im Sitzungssaal oder in Ihrem Amtszimmer anbringen lassen, und freuen uns auf Ihre dementsprechende Mitteilung an die Öffentlichkeit.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfram P. Kastner und Frieder Köllmayr