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Erdogan in Davos: Schweizer Uhren und türkische Rechnungen

Quer durch die Zeitungen findet man Berichte über den Skandal in Davos. Tenor dabei: Erdogan verlässt Davos, weil Peres 25 Minuten Redezeit hatte und er nur zwölf. Peres habe zuvor leidenschaftlich den Krieg verteidigt…

Eine kleine Analyse des Davoser Eklats (mit Dokumentation) von Ramona Ambs

Die Süddeutsche schreibt sogar:
http://www.sueddeutsche.de/politik/983/456650/text/

„Der in Davos üblicherweise überaus freundliche und konziliante Peres war erkennbar auf Krawall gebürstet. Im vollbesetzten Hauptkonferenzsaal nutzte er die Gunst der Stunde dazu, Israels Position im Gaza-Krieg kompromisslos darzustellen. Eine minutenlange Rechtfertigungsrede ohne Zwischentöne machte die anderen Gesprächsteilnehmer – darunter immerhin UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan – zu Statisten.“

Wie immer ist es sinnvoll sich ein eigenes Bild zu machen. Kaum eine Zeitung berichtet über die gesamte Debatte und kaum ein Journalist überprüft wenigstens mal die von Erdogan beklagten Redezeiten. David Ignatius von der Washington Post leitete die Diskussion und bat die Teilnehmer um eine Einschätzung der Situation. Nachdem dann zunächst der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon seine achtminütige (keineswegs israelfreudndliche) Einschätzung der Lage von sich gegeben hatte, war Erdogan an der Reihe. 16 Minuten lang führte er aus, was ihm alles nicht an Israel gefällt. Dabei bemängelte er beispielsweise, dass er bei der Grenzüberschreitung von Israel nach Palästina über dreisig Minuten mit seiner Frau im Auto warten musste. Er schwadronierte über seine wichtige Rolle als Vermittler und kritisierte Israel scharf. Nach exakt 16 Minuten beendete er von sich aus – also ohne Unterbrechung durch den Moderator- seine Ausführungen.
Amru Mussa, Generalsekretär der arabischen Liga war danach dran und begann seine Anklage gegen Israel damit, dass er sich bei Ban Ki Moon für dessen Positionierung bedankte. Anschließend erklärte er, dass palästinensische Kinder und Frauen den Preis bezahlen müssen für das (Krieg-)Spiel zwischen Hamas und Israel, das Israel begonnen habe. Nach 13 Minuten bat ihn der Moderator zum Ende zu kommen, damit Peres auch noch Gelegenheit habe zu antworten. Mussa beendete daraufhin seine Rede nach weiteren zwei Minuten.

Und hier machen wir einen kurzen Stopp zum Rechnen.
Wir haben 8 Minuten Ban Ki Moon gehört.
Wir haben 16 Minuten Erdogan gehört.
Wir haben 15 Minuten Mussa gehört.
– und selbst wenn wir Ban Ki Moon nicht mitrechnen würden, haben wir nun über 30 Minuten Anklagen und einseitige Schuldzuweisungen gegen Israel gehört.

Dann durfte Peres antworten.
Seine von vielen Zeitungen als „flammende Verteidigungsrede für den Krieg“ bezeichnete Antwort war eine einfache Schilderung des israelischen Alltags unter Raketenbeschuss. Er stellte Fragen: „Was würden Sie tun, wenn immer wieder Raketen auf Istanbul niedergehen würden?“
„Wir haben uns komplett aus Gaza zurückgezogen – warum bekämpfen sie uns noch? Was wollen sie, was wir tun sollen?“
Peres wirkte nicht angriffslustig oder leidenschaftlich – eher ratlos bis verzweifelt. Er erklärte, dass Erdogan deshalb solange warten musste, weil an den Grenzen immer wieder in Lastwagen Dynamit gefunden wird und deshalb eben genau geschaut werden muss – was Zeit kostet. Er erzählte, dass es auch auf israelischer Seite Kinder und Mütter gibt, die nicht schlafen können bei Nacht. Und immer wieder betonte er, dass Israel Frieden will. Nach 20 Minuten wurde er vom Moderator aufgefordert zum Schluss zu kommen, was er ebenfalls 1 Minute später tat.

Nun wollte der Moderator die Aussprache beenden, aber Erdogan forderte vehement eine Minute. Und diese letzte Minute (es sind dann übrigens knapp drei) nutzte er, um Peres u.a. dann an den Kopf zu werfen „Mit dem Töten kennt Ihr Euch aus – ich weiß, wie Sie Kinder am Strand töten und bombardieren“ – als der Moderator ihn mehrfach aufforderte die Debatte nicht wieder von vorne zu beginnen, verließ Erdogan den Saal – nicht ohne sich mit einem Handschlag von Amr Mussa zu verabschieden.

Danach hat er in alle Kameras erklärt, man habe ihn daran hindern wollen zu reden, die Wahrheit zu sagen. Und alle haben es zitiert – ohne auch nur einmal kurz nachzurechnen.

Nur deshalb tun wir es:
Rechnen wir nochmal: 16 Minuten + 3 Minuten Nachschlag ergibt 19 Minuten Redezeit für Erdogan. Mussa hatte 15 Minuten. Zusammen hatten sie also 34 Minuten.
Peres hatte 20 Minuten. Da hat Erdogan ja wirklich allen Grund beleidigt zu sein.

Deshalb, für alle, die sich selbst ein Bild machen wollen, ist hier der Link zur gesamten Debatte (eine Stunde und acht Minuten – der Moderator hat nämlich auch ein paarmal etwas gesagt)

Hier Teilausschnitte:
was Peres sagte:

was Peres noch sagte:

was Erdogan sagte:

in english
oder in türkisch mit korrekten deutschen Untertiteln:
http://www.youtube.com/watch?v=Wt8Rbq5vZOk

Nun kann sich jeder selbst eine Meinung bilden.