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Papst rehabilitiert Holocaustleugner

Papst Benedikt XVI. lässt die Exkommunikation von vier fundamentalistischen Bischöfen, die der extremen Rechten nahe stehen, annullieren. Einer von ihn entpuppt sich als Propagandist der Auschwitz-Lüge…

Von Bernard Schmid, Paris

Es ist nicht die erste kontroverse Entscheidung, die der seit vier Jahren amtierende Papst Benedikt XVI. – er wurde zuvor, in seiner Amtszeit als Kardinal, von manchen Stimmen auch „Panzerkardinal“ genannt – trifft. Aber dies ist wohl die umstrittenste von allen. Und zugleich der vielleicht folgenreichste unter allen seinen Beschlüssen, beispielsweise im Hinblick auf die christlich-jüdische Aussöhnung. Am Samstag hob das Oberhaupt der Römisch-katholischen Kirche die Exkommunierung von vier als fundamentalistisch geltenden „Bischöfen“, die im Jahr 1988 ohne Mitwirkung seines damaligen Amtsvorgängers geweiht worden waren, auf.

Der frühere Joseph Ratzinger verfolgt, seitdem er im Jahr 2005 Papst als Nachfolger von Johannes Paul II. geworden ist, ein Anliegen: Es gilt in seinen Augen, das „Schisma“ (so heißt eine Kirchenspaltung oder Aufspaltung der Gläubigen), das sich vor nunmehr gut zwanzig Jahren ereignet habe, zu überwinden. Es handelt sich um den 1988 erfolgten Ausschluss der Anhänger des französischen ultrareaktionären, fundamentalistischen Bischofs Marcel Lefevbre aus der römisch-katholischen Amtskirche. Lefevbre, ehemals Kolonialbischof im westafrikanischen Dakar, trat strikt gegen die Modernisierungsschritte und Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 65 ein.

Dazu gehören u.a. die Abhaltung der Messe in den jeweiligen Landessprachen, die für das „gemeine Volk“ verständlich ist – und eine Suche nach Aussöhnung des katholischen Christentums mit den Juden, die nicht länger als „Gottesmörder“ und Schuldige an Jesus‘ Kreuzigung geschmäht werden dürfen. Unsinn aus der Sicht des Ultrareaktionärs Lefevbre, der felsenfest von der tiefen Überlegenheit seiner eigenen Religion über alle anderen überzeugt war: Es könne ja nur einen wahren Glauben geben, den seinen. Und die Messe müsse selbstverständlich weiterhin ausschließlich in Latein zelebriert werden, denn so sei es schließlich schon immer gewesen – und wo kämen wir denn da hin, wenn man daran etwas ändern wolle, da könnte ja jeder kommen. Das Konzil „Vatikan II“ widerspiegelte laut Lefebvre das Produkt „marxistischer Subversion innerhalb der Kirche“, die Teile von ihr von den einzig wahren Glaubenssätzen abgebracht habe.

Der frühere Bischof Marcel Lefevbre wurde vor nunmehr 21 Jahren von Papst „Johannes Paul II.“ exkommuniziert, also aus der kirchlichen Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Hinausgeworfen wurde er nicht so sehr, weil er zu reaktionär war, sondern vor allem wegen eigenmächtigen Handelns und Amtsanmaßung: Er hatte im Jahr 1988 auf eigene Faust vier Bischöfen geweiht. Das Vorrecht, diese Handlung vorzunehmen, liegt jedoch laut kirchlichem Kodex allein beim amtierenden Papst. Lefevbre wurde also die Tür gewiesen, und mit ihm den vier von ihm eingesetzten „Bischöfen“. Lefevbre selbst ist im Jahr 1991 gestorben.

Die Anhänger Lefevbres sind derzeit in rund 40 Ländern präsent. Ihre Anzahl wird auf insgesamt 150.000 bis 250.000 geschätzt, der Schwerpunkt dürfte in Frankreich und der Schweiz liegen. Unter ihnen sind 500 Priester. Auf französischem Boden – wo die mit den Lefevbre-Anhänger verbundene, 1970 gegründete Priesterbrüderschaft „Fraternité Pie X. (Pius X.“) ihren Hauptsitz hat – sind viele ihrer führenden Anhänger beim rechtsextremen Front National (FN) organisiert oder in seinem Umfeld aktiv. Dieser Brüderschaft gehört auch der Abbé Philippe Laguérie an, der im Juli 2008 die Tochter des auf die extreme Rechte abgewanderten früheren Antirassisten Dieudonné M’bala – mit Jean-Marie Le Pen persönlich in der Rolle des Taufpaten – feierte. Derselbe Abbé Laguérie hatte im Juli 1996 an der Beerdigung von Paul Touvier, des früheren Chefs der Miliz unter dem Vichy-Regime, nicht nur teilgenommen, sondern hatte die kirchlichen Beerdigungsfeierlichkeiten dazu als Priester zelebriert. Aus diesem Anlass hatte er wörtlich erklärt, er sei „bei der Gott der Anwalt von Paul Touvier“ – und im Himmel gebe es zum Glück „keine Medien, keine Kommunisten, keine Freimaurerei, keine Nebenkläger und keine LICRA (Vereinigung gegen den Antisemitismus), um ihn dort noch zur Rechenschaft zu ziehen…

In Österreich wiederum ist die fundamentalistische Katholikenströmung, die Lefevbre unterstützt(e), vor allem mit Ewald Stadler in der politischen Landschaft vertreten, einem prominenten Juristen und rechtsradikalen Politiker. Er gehörte bis 2007 der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ (FPÖ) an, die er jedoch aufgrund von Differenzen mit deren Chef Heinz-Christian Strache verließ. m August 2008 gab er seinen Übertritt zum BZÖ („Bündnis Zukunft Österreich“) unter der damaligen Führung von Jörg Haider bekannt. Solcherlei ultrareaktionäre katholische Positionierung war jedoch eher selten bei FPÖ und BZÖ, weil das – in der Geschichte zwischen deutschnational und liberal schillernde – „Dritte Lager“, aus dem die FPÖ (und mit ihm ihre Abspaltung, das BZÖ) kommt, historisch in seiner Mehrheit eher antiklerikal geprägt ist.

In Rom zeigt sich der amtierende Papst seit einiger Zeit bemüht, diesen Bruch mit dem früheren Rechtsaußenflügel der Kirche zu kitten und dadurch die Reihen zu schließen. Zugleich dürften bestimmte ideologische Übereinstimmungen bestehen. Denn auch Benedikt XVI. zeigt sich etwa davon überzeugt, dass es einen „interreligiösen Dialog“, wie er sagt, „im engen Sinne“ (also in Kernfragen) „nicht geben könne“ – weil, dies bedeutet seine Position, letztlich nur ein Religion Recht habe. Schon im September 2007 verabschiedete Benedikt XVI. einen Erlass, demzufolge die „Traditionalisten“ (so werden die Fundamentalisten im Stil der Anhänger Lefebvres auch bezeichnet) die Messe im Rahmen der Amtskirche auch in Latein feiern dürfe, wenn ihnen der Sinn danach steht. Dieser Beschluss sollte ausdrücklich ihre Rückkehr in die Reihen der römisch-katholischen Amtskirche ermöglichen und beschleunigen. Dazu wurde auch eigens ein Glaubensinstitut für diese Strömung geschaffen, das seit September 2006 bestehende ‚Institut du Bon Pasteur‘ (Institut des Guten Hirten), das durch niemand anders als den oben zitierten Abbé Laguérie geleitet wird.

Nun ist es soweit: Am vergangen Samstag (23. Januar o9) verkündete der Vatikan, die vier im Jahr 1988 durch Marcel Lefevbre geweihten „Bischöfe“ würden durch die Kirche rehabilitiert, d.h. ihre Exkommunikation sei aufgehoben worden. Es handelt sich um Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galaretta.

Skandal um Auschwitzlüge

Um den dritten unter den Aufgezählten rankt sich seitdem ein handfester Skandal. Denn das schwedische Fernsehen (SVT) strahlte am Mittwoch zuvor ein (früher aufgezeichnetes) Interview mit Richard Williamson aus, in welchem dieser die historische Existenz des Holocaust offen bestreitet: „Ich glaube, dass es keine Gaskammern gegeben hat. (…) Deutschland hat Milliarden und Abermilliarden DM – und jetzt Euros – bezahlt, weil die Deutschen unter einem Schuldkomplex leiden, dafür, sechs Millionen Juden vergast zu haben. Aber ich glaube nicht, dass sechs Millionen Juden vergast worden sind.“ Er beziffere die Anzahl der in NS-Konzentrationslagern umgekommenen Juden auf rund 200.000, „aber nicht ein einziger in Gaskammern“.

Daraufhin berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL am vergangen Wochenende, es seien strafrechtliche Ermittlungen gegen Williamson wegen Verbreitung der sog. Auschwitzlüge aufgenommen worden. Es werde überprüft, ob der Beitrag nicht bei einem Besuch des angeblichen „Bischofs“ in einem Priesterseminar der „Bruderschaft Pius X.“ in Zaitzkofen in der Nähe von Regensburg aufgenommen worden ist. Wäre dies Fäll, und hätte Williamson seine Äußerungen auf deutschem Boden getätigt, so wäre die Staatsanwaltschaft (in diesem Falle jene von Regensburg) unzweifelhaft für die Strafverfolgung zuständig.

Am Freitag warnte der römische Oberrabbiner Riccardo di Segni gegenüber der im norditalienischen Turin erscheinenden Tageszeitung ‚La Stampa‘ vor „gravierenden Auswirkungen“, die eine Integration der Lefebvre-Anhänger in die Amtskirche auf das christlich-jüdische Verhältnis hätte. Tatsächlich droht dieses aus verschiedenen Gründen, und aufgrund unterschiedlicher Initiativen des aktuellen Papsts, brüchig zu werden. So plant „Benedikt XVI.“ die Seligsprechung seines umstrittenen Amtsvorgängers Pius XII., der während der Ära des Faschismus und Nationalsozialismus an der Spitze der Kirche saß und die Judenverfolgung nie öffentlich kritisiert hatte. Die italienischen Rabbiner kritisieren „Benedikt XVI.“ dafür, dass er fünfzig Jahre Bemühungen um eine Überwindung der traditionell Anspannung zwischen beiden Religionsgruppen – vor dem Hintergrund Jahrhundert alter christlicher „Gottesmörder“vorwürfe – von kirchlicher Seite her in Frage stelle.

KZ-Relativierung aus dem Vatikan

In ähnliche Richtung könnte auch die Auslassung des Kardinals Renato Martino, Vorsitzender des „Vatikanischen Rats für Gerechtigkeit und Frieden“, vom 7. Januar o9 weisen. In einem Interview mit der Online-Zeitung Il Sussidiario.net hatte er den Gazastreifen sinngemäß als ein „riesiges Konzentrationslager“ bezeichnet. Dies hatte zu Protesten von israelischer Seite geführt (allerdings auch geleitet von den militärstrategischen Interessen des Staates, welcher Kardinal Martino sogleich in die Ecke der „Propaganda der Hamas“ rückte, während der römische Funktionsträger sich von der islamistischen Bewegung distanzierte).

Tatsächlich sind die Lebensbedingungen für die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen, wo man anderthalb Millionen Menschen wie in einem „Indianer-Reservat“ zusammengepfercht hat und ihnen keinerlei Freizügigkeit gewährt, völlig unerträglich. Von den militärischen Angriffen ganz zu schweigen. Aber der Vergleich mit einem Konzentrations- oder gar Vernichtungslager der Nazis ist, sei es nun „nur“ objektiv oder auch subjektiv gewollt, geschichtsrevisionistischer Unfug: Er trägt bewusst oder unbewusst dazu bei, die besondere Dimension der Shoah – den Versuch, durch fabrikmäßige Vernichtung ein ganzes Volk oder eine gesamte so genannte „Rasse“ bis zum letzten Säugling zu vernichten – in einer allgemeinen Kette geschichtlicher Gräuel aufgehen und verschwinden zu lassen. Mit dem Ziel oder jedenfalls Ergebnis, dass irgendwann „in der Nacht alle Katzen grau“ sind, und der Unterschied zwischen Toten infolge einer militärischen Schlächterei (die auf die Durchsetzung politischer Ziele, nicht auf die Auslöschung einer ganzen Bevölkerung als solche abzielt) und der planmäßigen Vernichtung an und für sich angeblich keinen Unterschied mehr macht. Der nächste Schritt besteht dann nur noch darin, zu sagen: „Keiner ist besser als der andere, alle Völker, die wir sind, haben wir irgendwann einmal unsere Verbrechen begangen“. Als ob es keinen Unterschied zwischen Befreiungs-, Eroberungs- und wirtschaftlichen Interessen dienenden Kriegen auf der einen Seite (bei denen allesamt das Töten i.d.R. ein Ende findet, wenn die politischen Ziele erreicht und durchgesetzt sind) einerseits und Vernichtung als Selbstzweck – wie bei der Shoah – auf der anderen Seite gäbe. Die letzte Stufe des Räsonnements, das auf diese Gleichmachung folgt, lautet dann in der Regel: „Wir konnten nicht anders, die Anderen hatten auch schlimme Dinge begangen – und wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne.“

Um es nicht so weit kommen zu lassen, ist es prinzipiell am besten, sich jeder kriegerischen Logik zu entziehen. (Sofern irgend möglich; 1941 hatte die Welt gegenüber Hitler sicherlich mitnichten die Wahl – es wäre aber falsch, zu behaupten, die heutigen Konstellationen wären identisch oder weitgehend identisch.) Unabdingbar, ein politisches und moralisches Minimum aber ist es, das ganz besondere Grauen der Vernichtung von Menschen „als Selbstzweck“ von den übrigen Gräueln auseinander halten zu können. Aufgrund dieser Mindestanforderung an die politische Vernunft sind auch alle Versuche, die – an und für sich durchaus notwendige und legitime – Ablehnung von Kriegsgräueln wie jüngst in Gaza zur Relativierung des Holocaust zu benutzen, abzuwehren und zurückzuweisen.

Epilog

Vatikansprecher P. Federico Lombardi versuchte nun in den letzten Tagen, die Wogen zu glätten, und erklärte, dass die Äußerungen von Williamson zum Holocaust « in keiner Weise akzeptabel“ seien. Der Vatikan habe damit auch nichts zu tun, die Rücknahme der Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. stehe damit in keinem Zusammenhang. Die Priesterbruderschaft Pius X. ihrerseits sieht in dieser Stellungnahme lediglich eine „Privatmeinung“. Offenkundig wird eine Konsequenz der Kirche und des Papstes nicht als notwendig erachtet.