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Über starke Nerven und Krokodilstränen

Ich habe Mitleid mit den Menschen im Gazastreifen. Doch ich habe noch mehr Mitleid mit der zivilen Bevölkerung in Südisrael, die während der letzten acht Jahre von Raketen beschossen wurde. Ich habe Mitleid mit den Kindern, die zu Bettnässern wurden. Ich habe Mitleid mit den Bürgern, die angesichts der „Alarmstufe Rot“-Sirenen wie verrückt losrennen müssen und nur hoffen können, innerhalb von 15 Sekunden einen Schutzraum zu finden. Ich habe Mitleid mit den Häusern, die zerstört wurden, mit den Städten, die ihrer Bewohner beraubt werden, mit den Schulen, die von Raketen getroffen wurden, jedoch glücklicherweise –wie durch ein Wunder- zu dieser Zeit leer standen…

Kommentar von Yoel Marcus, Haaretz, 13.01.2009
Übersetzung von Daniela Marcus

Am Anfang nahm niemand die Kassamraketen ernst. Israels zweiter Präsident, Yitzhak Ben-Zvi, sagte, Israel gewann den Kampf um Safed im Jahr 1948 Dank unserer Stärke und Dank eines Wunders: Die Stärke kam aus dem Lesen der Psalmen und das Wunder war, dass die „Davidka“ funktionierte. Während des Unabhängigkeitskrieges war die „Davidka“ so etwas wie eine Kassamrakete. Allerdings verwandelte sich diese primitive Rakete mit der Zeit in eine Langstreckenrakete.

Wir können froh sein, dass die Operation „Gegossenes Blei“ gestartet wurde und wenn es nur aus dem Grund ist, dass die Offensive die Stärke dieser Kassam-Geschosse offenbart hat und die Verpackung von dem riesigen Arsenal an Raketen überall in Gaza gerissen hat – Raketen, die fähig sind, Be’er Sheva zu erreichen. Wenn Israel jetzt nicht gehandelt hätte, wären wir eines Morgens aufgewacht und hätten die Raketen in Tel Aviv vorgefunden als Sonderlieferung aus dem Iran durch die Schmuggeltunnels entlang der Philadelphi-Straße.

Die Operation „Gegossenes Blei“ ist keine Vergeltungsmaßnahme sondern ein Verteidigungskrieg, der dazu bestimmt ist, die Flügel der Hamas zu stutzen bevor sie uns mit einer palästinensischen Version des Jom-Kippur-Krieges überrascht. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir eine starke und gut geführte Armee und hoch entwickelte Waffen haben. Was hat sich die Hamas gedacht? Dass wir angesichts der Angriffe auf uns hier herumsitzen und für immer Däumchen drehen?

Ich las die Kolumnen meines Kollegen Gideon Levy und ich hätte schreien können. Während der Tage der Intifadas und der Operationen der israelischen Verteidigungsarmee in den Palästinensergebieten betrachtete ich sein Mitgefühl für das bittere Los der Palästinenser als eine Art „Salon-Menschlichkeit“. Doch wenn Sie mich fragen, hat sein Weinen und Jammern über die toten Kinder von Gaza während wir einen Verteidigungskrieg für die Sicherheit unseres Landes führen, die rote Linie überschritten.

Es sind nicht unsere Soldaten, die auf die palästinensischen Kinder zielen sondern die Führer der Hamas, die diese Kinder als menschliche Schutzschilde und Lockvögel missbrauchen, während sie selbst sich in vorbereiteten sicheren Unterkünften verstecken. Ich beschuldige meinen Kollegen nicht, Krokodilstränen zu vergießen. In seinem Fall sind die Tränen wirklich ernst gemeint.

Das Töten von Kindern ist eine politische Angelegenheit. Einige der Staaten, die uns nun anprangern, haben viele Liter unschuldigen Blutes vergossen. Wo war die öffentliche Meinung, die uns jetzt nach 17 Tagen Kriegsführung attackiert, in den letzten acht Jahren als Städte und Dörfer in Südisrael beschossen wurden und Raketen über Israel regneten als „Preis“ für die Evakuierung des Gazastreifens?

Die Operation „Gegossenes Blei“ ist, um Ariel Sharons Worte zu gebrauchen, einer der gerechtfertigsten Kriege Israels. Das militärische Ziel ist, wie bereits gesagt wurde, den Raketenbeschuss zu beenden und die Schmuggelrouten zu blockieren während ein politisches Abkommen, das die militärischen Errungenschaften unterstützt, ausgearbeitet wird.

Gegenwärtig sind die diplomatischen Anstrengungen, den Krieg zu beenden, nicht erfolgreich. Nach achtzehn Tagen Kampf sehen wir zu Hause eine gewisse Ungeduld. Einige verlangen, dass Israel eine einseitige, bedingungslose 48-stündige Waffenruhe erklärt. Wenn während dieser Zeit kein Abkommen erreicht wird, soll der Kampf weitergehen.

Die internationale Gemeinschaft übt Druck auf Israel aus, die Operation zu beenden. Das war zu erwarten, denn die Welt stellt sich immer auf die Seite des Unterlegenen. Doch zu Hause sollte es keinen Druck geben, den Krieg zu beenden bevor seine politischen Ziele erreicht sind und der Süden Israels Frieden und Ruhe findet.

Die Operation wird weise geführt und alles, was möglich ist, wird getan, um das Leben unserer Soldaten zu schützen und das Raketenarsenal der Hamas aufzudecken. In der Hoffnung, dass die Hamas „Stopp“ sagt oder vielleicht auch aus Sorge, dass außen stehende Parteien zu viel Druck auf Israel ausüben, redet man nun viel über eine dritte Phase des Krieges: das Vordringen in den Gazastreifen bis hinein in die Zentren der palästinensischen Städte.

Der intelligenteste Zug wäre nun, nicht den Sentimentalen, die ihre Nerven verloren haben, nachzugeben, sondern das zu tun, was vom militärischen Standpunkt aus betrachtet das Beste und Vernünftigste ist. Hierzu gehören weder die Zerstörung Gazas noch die Umwandlung des Krieges in ein bloßes Zählen von Opfern.

Auf jeden Fall hat das Hamas-Regime seine Macht verloren. Vor den Augen der Menschen, die es gewählt haben, hat es sich in einen antriebslosen Motor verwandelt. Seine Führer verstecken sich und lassen das palästinensische Volk hängen. Ich bin sicher, dass sie eines Tages dafür bezahlen werden.

Was uns angeht, so haben wir keinen ersichtlichen Grund, gerade jetzt Druck auf unsere Regierung auszuüben. Trotz der kalten Füße, die der Verteidigungsminister hat, sollten starke Nerven das A und O der Armee sein. Sie stellen sicher, dass jeder Schritt sorgfältig kalkuliert wird und keine unwiderruflichen Fehler gemacht werden, nun, da die Reservisten in den Gazastreifen vordringen.