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Sind wir in der Logik des Krieges gefangen? Sind wir schon so festgefahren?

Nach dem schweren Luftschlag gegen Gaza wäre es nun klug, sich an die Führer der Hamas zu wenden und ihnen zu sagen: Bis zum vergangenen Samstag haben wir uns zurückgehalten, obwohl ihr Tausende von Kassams auf Israel abgefeuert habt. Inzwischen wisst ihr, wie massiv wir zuschlagen können. Ihr habt gesehen, wozu auch wir fähig sind. Nun werden wir das Feuer einstellen. Genug des Todes und der Zerstörung!

Von David Grossman, Haaretz v. 30.12.2008

Wir werden das Feuer für 48 Stunden einstellen. Selbst wenn ihr euch, wie schon bisher, nicht daran haltet. Wir werden die Zähne zusammenbeißen und das Feuer nicht erwidern. So wie wir es schon monatelang getan haben, werden wir es noch einmal 48 Stunden lang tun. Gleichzeitig werden wir alle, die es mit unserer Region gut meinen, ob mit euch oder mit uns oder uns allen, dazu einladen, von nah und von fern zu kommen um zwischen uns zu vermitteln.

Wenn ihr nicht schießt, werden wir auch nach Ablauf der 48 Stunden nicht wieder schießen. Wenn ihr schießt, werden auch wir, nach Ablauf der 48 Stunden, schießen. Aber selbst dann werden wir unsere Tür offenhalten, für jeden der bereit ist zu verhandeln, um die Waffenruhe zu erneuern oder auch auszubauen.

Das ist mein Vorschlag, und ich frage mich, ob Israel in der Lage sein wird, ihn ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Kann sich Israel ein solches Verhalten vorstellen oder sind wir zu sehr in den Denkstrukturen des Krieges gefangen?

Bis zum vergangenen Samstag bewahrte Israel, unter der militärischen Führung Ehud Baraks, einen erstaunlich kühlen Kopf. Diesen sollte Israel auch in der Hitze des Gefechts nicht verlieren.

Wir sollten nie vergessen, dass die Leute von Gaza auch weiterhin unsere nächsten Nachbarn bleiben werden. Früher oder später werden wir nicht umhin kommen, mit ihnen in gut nachbarschaftlichen Beziehungen zu leben. Wir sollten sie deshalb niemals zu sehr schlagen, auch dann nicht, wenn die Hamas das Leben für die Menschen im Süden Israels jahrelang unerträglich und miserabel gemacht hat. Auch dann nicht, wenn ihre Führer jeden Vorschlag zurückgewiesen haben, mit dem Israel und Ägypten versucht haben, das jüngste Aufflammen zu verhindern.

Gerade weil Israel der um so vieles stärkere Part in dieser Tragödie ist, sind wir zur Selbstkontrolle verpflichtet und haben die Verantwortung das Leben Unschuldiger zu schützen. Gerade deshalb müssen wir uns pausenlos fragen, ob die Anwendung unserer Kraft und Stärke sich im Rahmen dessen bewegt, was noch legitim und effektiv ist. Wir wollen abschrecken und wir wollen eine Waffenruhe erreichen und zwischen diesen Polen müssen wir uns vorsichtig bewegen, um nicht vom Sog der Gewalt mitgerissen zu werden.

Israels Regierung ist sich darüber im klaren, dass in der gegenwärtigen Lage im Gaza-Streifen eine vollkommene und eindeutige militärische Lösung nur sehr schwer zu erreichen ist. Und weil ein solcher Lösungsweg nicht in Sicht ist, besteht die Gefahr, weiterhin in einer andauernd ungewissen Situation stecken zu bleiben. Israel wird geschlagen, und Israel wird schlagen. Schlagen und geschlagen werden, verletzen und verletzt werden. Wir werden uns noch mehr in eine Lage verstricken, in der wir einen hohen Preis bezahlen, ohne auch nur ein einziges unserer essentiellen Ziele zu erreichen.
Wir werden uns nicht befreien können. Trotz aller militärischer Macht und Stärke wird Israel nicht in der Lage sein, sich aus der Umklammerung zu lösen und nicht mitgerissen zu werden in einem Malstrom aus Gewalt und Zerstörung.

Deshalb, stop! Feuer einstellen! Versucht einmal aller Routine zuwider zu handeln. Lassen wir einmal die tödliche Logik der Kriegsführung außer acht. Danach können wir das Feuer immer noch eröffnen, oder, wie es Ehud Barak vor zwei Wochen sagte: „Der Krieg wird uns nicht davonlaufen“.

Wenn wir kalkulierte Zurückhaltung an den Tag legen und die internationale und arabische Gemeinschaft einladen, einzugreifen und zu vermitteln, wird dies die internationale Unterstützung für Israel nicht schwächen, im Gegenteil.

Es stimmt, die Hamas erhält dadurch eine Atempause und kann sich neu organisieren, aber hatte Hamas dazu nicht schon viele Jahre ? Für Hamas werden diese zwei Tage kaum den entscheidenden Unterschied machen. Vielleicht geschieht sogar ein Wunder und das Denken der Hamas bekommt durch diese überraschende Wende eine neue Richtung.
Auf alle Fälle könnte Hamas so einen ehrenvollen Weg aus der Grube finden, die sie sich selbst gegraben hat.

Und zum Abschluss meiner Überlegungen noch ein unvermeidbarer Gedanke: Wären wir mit dieser Einstellung in den Juli 2006 gegangen, als die Hisbollah unsere Soldaten entführt hatte, hätten wir damals innegehalten, nach unseren ersten Aktionen, wäre die Situation heute vielleicht eine ganz andere.
Auch diese Lehre hätte die Regierung aus jenem Krieg ziehen sollen.
Es könnte die wichtigste sein.