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Publizist Avidan über seine Heimat: „Israel ist ein pluralistisches Land“

Der israelische Journalist Igal Avidan hat ein Buch geschrieben und wird deswegen in Deutschland beschimpft. Dabei hätten die „Störer“ keine sachlichen Argumente, sagt der Autor…

taz: Herr Avidan, der Krieg in Gaza bewegt die Welt. Wie stark ist die Kritik an diesem Krieg in Ihrer Heimat Israel?

Igal Avidan: Kritik ist dort nur am Rande zu finden. Am ersten Kriegstag waren nur die Kommunisten in Israel gegen ihn. Drei Tage später hat auch Meretz-Jachad Kritik geäußert: Die linkszionistische Partei war mit dem Luftangriff einverstanden, aber nicht mit der Bodenoffensive. Es gibt auch ein paar Künstler, die jetzt eine Anthologie gegen den Krieg veröffentlicht haben, aber das sind Stimmen am Rande der Gesellschaft. Sagen wir: Vielleicht sind etwa 20 Prozent der Gesellschaft gegen diesen Krieg.

Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch über Israel publiziert und auch darin viel über die Pluralität dieser Gesellschaft geschrieben. Eint dieser Krieg die Reihen in Israel wieder?

Der Krieg eint die Reihen der Juden in Israel wieder. Andererseits vertieft er die Spaltung zwischen Juden und Arabern in Israel. Von einer aufgeregten Araberin wurde ich an dem Tag, als der Krieg begann, in Jaffa heftig angeschrien – als ob ich ein Vertreter der israelischen Politik wäre. Es macht mir Sorgen, dass die Nationalität bestimmend ist und die Gräben zwischen Arabern und Juden vertieft werden.

In Frankreich gab es am Dienstag wegen des Krieges einen ersten Anschlag auf eine Synagoge. Befürchten Sie, dass es auch in Deutschland wegen der Ereignisse in Gaza mehr Antisemitismus geben könnte?

Diese Bilder aus Gaza emotionalisieren, und es gibt genug dumme Leute, die nicht unterscheiden können zwischen der israelischen Politik und den jüdischen Gemeinden hier. Die Juden in Deutschland führen keinen Krieg, sondern sie wollen, dass dieser Krieg schnell vorbei ist und zugleich die Israelis in Ruhe leben können. Sie sind nicht gegen die Palästinenser, sondern gegen die Hamas.

In Ihrem Buch thematisieren Sie das israelisch-arabische Verhältnis. Es wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, und trotzdem gab es auf Ihrer Lesereise im letzten Jahr zum Teil massive Störungen.

In zwei Fällen war es hart, in Stuttgart und Fürth. Es gab einzelne Menschen, die nicht zuhören wollten. Sie haben mich beschimpft und lautstark ihre eigenen Vorträge gehalten.

Ein Israel-Buch für Fortgeschrittene
Igal Avidan, geboren 1962 in Tel Aviv, lebt in Berlin und arbeitet seit 20 Jahren als freier Journalist und Korrespondent für israelische Zeitungen, Hörfunksender und Nachrichtenagenturen sowie als Autor. „Israel. Ein Staat sucht sich selbst“ ist seine erste Buchveröffentlichung.

Was waren das für Beschimpfungen?

Es ging nach dem Motto: Wer hat dich eingeladen? Warum lässt du dich von Feinden Israels ausnutzen? Warum erscheinen keine kritischen Bücher über England, nur über Israel? Und überhaupt: Alles, was du sagst, ist falsch, alles. Aber Fakten hatten die Störer nicht, sachliche Argumente, auf die ich hätte eingehen können, auch nicht. Ein Mann sagte: Es gibt kein palästinensisches Volk. Ich sagte: Ja, und die Welt ist eine Scheibe.

Was fehlte den Störern?

Sie fragten etwa: Warum hast du nicht über die iranische Bedrohung gesprochen – oder dass Israel viel besser als die Palästinenserbehörde ist? Ich meine dagegen: Gerade wegen dieser Bedrohung muss Israel die Friedensinitiative der Arabischen Liga annehmen! Ich vergleiche Israel lediglich mit westlichen Demokratien. Zuletzt hat ein Störer gesagt: Warum hast du nicht erwähnt, dass Israel in seiner 60-jährigen Geschichte zwei Millionen Bäume gepflanzt hat? Ich habe ihm geantwortet: Schreibe ein Buch darüber, das wird sicherlich spannend.

Hatten Sie das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen: den einen sind Sie zu Israel-kritisch, den anderen zu Israel-freundlich?

Im Gegenteil. Ich sitze auf zwei Stühlen. Nach monatelangen Fehden zwischen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und der Volkshochschule in Ulm war ich bei einer Veranstaltung als ein Kompromissreferent eingeladen worden: für die einen kritisch genug, für die anderen nicht zu kritisch. Als der Konflikt zu Beginn der Veranstaltung wieder ausbrach, war es für einen Moment unklar, ob sie überhaupt weitergehen kann.

Es scheint häufiger gar nicht um Sie zu gehen.

Nein, es ging auch hier um die andere Sichtweise der israelischen Politik und um die Frage, was proisraelisch und was antiisraelisch ist. Es ging also um die Deutschen, nicht um Israel.

Haben sich keine Israelfeinde zu Wort gemeldet?

Auf der vorletzten Veranstaltung in München meldete sich ein Hisbollah-Aktivist, wie ich nachträglich erfuhr. Er war sehr höflich und intelligent – und sehr radikal. Aber er hat nicht gestört. Er wollte einfach zuhören. Weder Antisemiten noch Neonazis oder Hamas-Anhänger kamen, um Beifall zu klatschen.

Gab es keine antisemitischen Anfeindungen?

Nein, nur vereinzelt dumme Sprüche. In Ostdeutschland war das Interesse für Israel übrigens besonders groß. Ebenfalls bei muslimischen Schülern, die sehr viele intelligente Fragen gestellt haben.

Mit der israelischen Botschaft in Deutschland haben Sie seit Jahren Probleme. Wie hat die Botschaft auf Ihr Buch reagiert?

Der Botschafter hat mir beim Jahrestreffen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gesagt, er rede mit mir, obwohl ich Israel diffamiere. Das habe ich als eine Art Diffamierung empfunden. Welche falschen Tatsachen in meinem Buch stehen, sagte er leider nicht. Übrigens war in Bern der israelische Botschafter in der Schweiz auf meiner Lesung, von Anfang bis Ende. Er wollte einiges über mich und das Buch wissen, und ich glaube, dass er mit der Veranstaltung recht zufrieden war. Auch der ehemalige Botschafter in Deutschland, Avi Primor, lobte das Buch. Israel ist halt ein pluralistisches Land.

Sie kritisieren die israelische Politik und Gesellschaft zum Teil sehr scharf. Sind deutsche Journalisten da eher zurückhaltend?

Wenn sich deutsche Journalisten nicht auskennen, sind sie mit dem Thema Israel vorsichtig. Dann lassen sie eher etwas aus, damit man ihnen nicht vorwerfen kann, dass sie antiisraelisch seien. Der nächste Schritt ist dann zu sagen, sie seien antisemitisch, was in den meisten Fällen nicht zutrifft. Denn wie schreibt man in Deutschland über Bush, Putin oder gar Berlusconi? Es gibt kaum ein Land, das in der deutschen Presse nur Lob bekommt. Ich glaube, über Israel schreibt man viel, weil das Land demokratisch ist und die Journalisten dort arbeiten können – im Gegensatz etwa zu Saudi-Arabien, wo israelische Journalisten gar nicht hinfahren dürfen.

Tut es Ihnen leid, dass Ihr Land meistens nur dann in den Medien erscheint, wenn es mal wieder Tote gab?

Ja, weil das nicht Israel ist. Wer Israel kennt und etwa nach Tel Aviv fährt, erlebt, dass die Restaurants in Tel Aviv bis nach Mitternacht überfüllt sind. Man spürt dort so viel Leben und Energie! Die Menschen dort denken kaum über Terror nach. Natürlich haben sie auch Probleme, aber Israel ist auch ein buntes Land, wo die Menschen viel bewegen können.

Das zeigen Sie auch in Ihrem Buch.

Ob Privatpersonen oder NGOs, sie bemühen sich – und manchmal gelingt es ihnen auch, etwas in der Politik durchzusetzen und zu verbessern. Natürlich ist es einfacher, Israel in Zusammenhang mit den Palästinensern zu bringen, weil es das ist, was viele leicht verstehen. Wenn man ein anderes Thema aufbringt, braucht man viel Platz, um es überhaupt zu erklären. Und das Problem der Presse hier ist, dass sie wenig Zeit und wenig Platz dafür hat. Dabei sind die Probleme Israels viel komplexer, als dass sie in dieser Kürze dargestellt werden könnten. Gerade deswegen richte ich meinen Blick auf das Pluralistische in der israelischen Gesellschaft.

Arbeitet die deutsche Gesellschaft in ihren Debatten über Israel im Hintergrund vor allem die eigene NS-Vergangenheit auf?

Das ist sicherlich so – zumindest im Unterbewusstsein. Manche Kollegen sind daher besonders Israel-unkritisch, andere besonders kritisch. Die meisten Korrespondenten in Israel bemühen sich, anständig zu recherchieren und zu schreiben – und die kommen nicht mit einer vorgefertigten Meinung.

Viele Israelis sind, auch 60 Jahre nach der Staatsgründung, ziemlich pessimistisch, was die Zukunft ihres Staates angeht – geht Ihnen das auch so?

Ja. Deshalb muss man die Probleme thematisieren und versuchen, diejenigen Kräfte in Israel zu unterstützen, die in die richtige Richtung gehen und die ein Ende der Besatzung fordern, die Israel als Demokratie gefährdet. Und nur eine starke Gesellschaft kann der Bedrohung durch Iran, Hisbollah und Hamas standhalten.

Hat Israel diese Stärke?

Beim Schreiben des Buches wurde mir wieder klar, in welcher gefährdeten Lage sich Israel 1948 befand. Da stand wirklich die Existenz des neuen Staates auf dem Spiel. Aber die Menschen haben gekämpft, weil sie großes Vertrauen in ihr Land hatten – und keine andere Wahl. Die größte Gefahr heute ist, dass die Israelis selbst von ihrem Staat enttäuscht werden. Wenn sie an ihren Staat glauben, werden sie sehr viel Kraft entwickeln, mit den Feinden fertig zu werden.

INTERVIEW: PHILIPP GESSLER, taz