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Erich-Fromm-Preis 2007 für Dr. Eugen Drewermann und Konstantin Wecker

Am Donnerstag, 29. März 2007, erhielten im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle Dr. Eugen Drewermann und Konstantin Wecker für ihr friedenspolitisches Engagement den Erich-Fromm-Preis 2007...

Der Erich Fromm-Preis ist mit einem Preisgeld von 10.000 Euro dotiert und wird jährlich von der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft verliehen. Mit dem Erich Fromm-Preis sollen Personen ausgezeichnet werden, die mit ihrem wissenschaftlichen, sozialen, gesellschaftspolitischen oder journalistischen Engagement Hervorragendes für den Erhalt oder die Wiedergewinnung humanistischen Denkens und Handelns im Sinne Erich Fromms geleistet haben bzw. leisten.

Die mit der Preisverleihung verknüpfte Erich-Fromm-Lecture 2007 hielt Dr. Drewermann zum Thema "Schwerter zu Pflugscharen... - es duldet keinen Aufschub mehr". Die Laudatio auf die Preisträger hielt Dr. Norbert Copray, Frankfurt (Direktor der Fairness-Stiftung; Herausgeber von Publik Forum). Konstantin Wecker selbst gestaltete die Feier musikalisch.

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Konstantin Wecker und Dr. Eugen Drewermann

http://www.erich-fromm.de

Worte auf die Preisträger des Erich-Fromm-Preises 2007 Dr. Eugen Drewermann und Konstantin Wecker

Von Dr. Norbert Copray

Im Jahre 1968 – ! – entwirft Erich Fromm in seiner Schrift „Die Revolution der Hoffnung“ eine Vision unserer Gesellschaft im Jahre 2000. Es ist die Vision von „der dehumanisierten Gesellschaft im Jahre 2000“. Dort heißt es unter anderem: „Wenn die Menschen wüssten, welchen Weg die amerikanische Gesellschaft vermutlich einschlagen wird, wären viele, wenn nicht die meisten, so entsetzt darüber, dass sie wohl geeignete Vorkehrungen treffen würden, den Kurs zu ändern. Wenn sie sich dagegen nicht darüber klar sind, in welcher Richtung sie sich bewegen, dann werden sie erst erwachen, wenn es bereits zu spät ist und wenn ihr Schicksal unwiderruflich besiegelt ist. (…) Sie sehen nicht, dass das Jahr 2000 nicht die Erfüllung und der beglückende Höhepunkt einer Epoche sein könnte, in welcher der Mensch um seine Freiheit und sein Glück kämpfte, sondern der Beginn einer Epoche, in welcher der Mensch aufhört menschlich zu sein und sich in eine denkunfähige und gefühllose Maschine verwandelte“. (E Fromm 1968a, GA IV, S. 280 f).

Die Internationale Erich Fromm-Gesellschaft ehrt heute mit dem Erich Fromm-Preis zwei Persönlichkeiten, die -seit sie öffentlich wirken und wirksam sind -der Dehumanisierung des Menschen und der Gesellschaft entgegen treten und der Humanität im Sinne Erich Fromms eine Bresche schlagen in Politik, Gesellschaft, Religion und Kirche: Dr. Eugen Drewermann und Konstantin Wecker.

Beide haben sich im Rahmen des Großen Friedensratschlags zusammen gefunden: Singend der eine, sprechend der andere. Keine Frage, wer mehr gesungen und wer mehr gesprochen hat, gleichwohl habe ich Konstantin Wecker schon Reden halten, aber Eugen Drewermann noch nicht singen hören. Wecker und Drewermann sind – laut Phillip Kreutzer – „Brüder im Geiste“. Sie vereint die Wut und Traurigkeit über das, was Menschen Menschen an Leid antun, über die Dehumanisierung von Gesellschaft und Menschen durch eine entfesselte Technik, Wirtschaft und Kriegsmaschinerie, der offenbar keiner der Machtinhaber wirklich Einhalt gebieten will.

Sie eint das Engagement für eine Welt ohne Gewalt und ohne das Sieger-Verlierer-Prinzip, für eine unbeirrbare Hoffnung auf eine humanitäre Gesellschaft. Sie eint eine Orientierung am Sein statt am Habenwollen, die Hingabe für Frieden, Freiheit und Würde der Menschen. Ihr Einsatz ist geprägt – wie Erich Fromm formuliert – durch „die Wiedererweckung von Mitgefühl, Liebe und einen Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit angesichts der politischen, sozialen und kulturellen Situation der heutigen Industriegesellschaft sowie ein Handeln, das von diesen Werten bestimmt ist“ (ebd., S. 363). Fromm nannte dies den radikalen Humanismus, weil er von den Wurzeln unserer Existenz ausgeht und der Gesellschaft an ihre Wurzeln geht.

Konstantin Wecker notiert in sein Tagebuch: „Am 04.02.2003 hatte ich die große Freude, mit Eugen Drewermann in Stuttgart gemeinsam aufzutreten. Seine, wie immer ohne Manuskript gehaltene, Rede haben wir auf Tonband aufgezeichnet und abgetippt. Die 1200 Besucher der Johanniskirche am Feuersee waren hingerissen und dankbar für seinen Mut und die Botschaft seiner Worte“.

Eugen Drewermann sagt: „Alles in unserer Welt denunziert sich als unmenschlich, solange das absolute Grauen, die Präparation des Kriegs nicht ein-für allemal Abschied genommen hat aus unserer Geschichte. Es genügt, das Wort auszusprechen: Es ist Krieg. Und wir fallen durch einen unsichtbaren Schacht in Jahrtausende zurück.“ Irak, Afghanistan, Sudan, Libanon, Somalia: Die Menschheit lebt in kriegerischer Anspannung. Die Verwicklung der Bundeswehr in die Kriegsherde und damit die Verwicklung jedes Bürgers in die globale Kriegslage machen deutlich: Die Menschheit ist nicht friedlicher geworden.

So endet mit Wolfgang Borcherts Gedicht „Sag nein“ die Rede Drewermanns und setzt sich fort in Konstantin Weckers neu variiertem Lied auf dieser Tournee im Jahr 2003:

„Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Mit bewährten Kriegsparolen
Scheinheilig zum Höchsten beten
Und das Recht mit Füssen treten
Wenn sie dann in lauten Tönen
Einzig ihrer Machtgier frönen
Denn am kriegerischen Wesen
Muss nun mal die Welt genesen
Dann steh auf und misch dich ein
Sage nein
Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig
Und behauptet nur mit Kriegen
Ließe sich die Welt befrieden
Diese fleischgewordne Lüge
Ach man kennt es zur Genüge
Mach dich stark und misch dich ein
Zeig es diesem dummen Schwein Sage Nein“


„Dummes Schwein“ – das mag hart klingen und gar nicht humanistisch. Die Provokation der Kunst geht über das Konventionelle hinaus, die letztlich immer eine Strategie der Verharmlosung beinhaltet. Bei Erich Fromm liest sich das so: „Wenn heute ein Führer käme und würde den Menschen sagen: Wir wollen Krieg haben, weil wir fremde Länder erobern müssen, weil wir andere unterdrücken wollen, weil wir Lust am Morden haben, würde ein Volk, um welches es auch gehen mag, kaum folgen – abgesehen vielleicht von einer kleinen Minorität von halbkranken Menschen. Deshalb muss er seine wahren Absichten verschleiern und den Menschen eine glaubhafte Bedrohung suggerieren“ (E. Fromm 1975b). Ob also nun halbkrank oder dummes Schwein: Wer für humanistische Prinzipien eintreten will, darf sich nicht verdummen lassen und seine Gegner nicht konventionell behandeln, sonst brechen diese nur in heimliches Gelächter aus.

Das haben unsere beiden Preisträger sehr gut begriffen. Und nicht nur das. Ohne Mobilisierung der berühmten schweigenden Mehrheit, die eher eine sich selbst zur Minderheit bescheidende Mehrheit ist, werden die Weltführer und Kriegsverkünder mit ihrem Medientrommelfeuer der Medienplausibilierungskampagnen zu Gunsten militanter Lösungen von Konflikten leichtes Spiel haben. Sie brauchen den Gegenwind, die Gegenströmung, den Gegenentwurf, die Vorstellung eines positiv gefüllten Friedens, den Erich Fromm im Anschluss an die hebräische Tradition „Schalom“ nennt. Und deshalb dichtet Konstantin Wecker zu Recht weiter:

„Ob als Penner oder Sänger
Bänker oder Müßiggänger
Ob als Priester oder Lehrer
Hausfrau oder Straßenkehrer
Ob du sechs bist oder hundert
Sei nicht nur erschreckt, verwundert
Tobe, zürne, misch dich ein:
Sage Nein“.


Wir ehren heute zwei Persönlichkeiten, die mir zu einer aussterbenden menschlichen Spezies zu gehören scheinen, einer Spezies, von der ich vor 30 Jahren und erst Recht beim Fall der Mauer noch angenommen habe, dass sie sich vermehren und nicht verringern wird: Pazifisten. Sie stehen so in guter Tradition des friedenspolitischen Engagements Erich Fromms, der seinerzeit schrieb: „Es gibt immer noch viele Menschen, die an die reale Möglichkeit dieses (Schalom) Friedens glauben, und es gibt viele andere, die diese Menschen Utopisten nennen. Es kommt darauf an, was man unter „Utopist“ versteht. Wer trifft hier eigentlich die Entscheidung? (…) So gibt es auch viele Menschen, die sich Realisten nennen, nur weil sie das Motto haben: „Es kann nicht sein, was noch nicht war“. Dieses Motto ist in seiner Falschheit in der Geschichte schon zur Genüge bewiesen worden. Vielleicht kann man auch so sagen: Es gibt viele Menschen – wenn ich mich bildlich ausdrücken darf –, die an eine Geburt erst im neunten, aber noch nicht im ersten Monat der Schwangerschaft glauben. Ich möchte diese Realisten die „Neun-Monate-Realisten“ nennen. In Wirklichkeit ist über das, was eine „rationale“ oder eine „irrationale Utopie“ ist, nur durch die Analyse dessen, was Hegel die realen Möglichkeiten genannt hat, zu entscheiden. Und diese Analyse ist in der Tat viel schwieriger als das Sichverlassen auf den Status Quo und auf die Vergangenheit“ (E. Fromm 1970h, GA V, S. 243 f.). Soweit Fromm. Was seiner Meinung nach nicht dazu führen darf, sich über die Gewalt und ihre vermeintliche Rationalität Illusionen zu machen. Insofern möchte ich Eugen Drewermann und Konstantin Wecker Neun-Monate-Utopisten nennen, die wir deswegen mit dem Erich-Fromm-Preis auszeichnen, weil sie uns ein Beispiel dafür sind, was auch wir sind, sein können und aus der Sicht Fromms sein sollten: Neun-Monate-Utopisten.

„Pazifisten sind keine Weicheier. Pazifismus“, stellt Wecker klar, „ist eine radikale und auch eine kämpferische Haltung gegen den Krieg und für eine friedlichere Welt. Ich stehe zu der Idee des Pazifismus auch deshalb, weil das Wort Frieden von allen verwendet wird. Waffenhändler geben vor, ihre Waffen zu verkaufen, um die Welt zu befrieden, Kriegsherren ziehen in den Krieg mit der Parole des Friedens für die Welt auf ihrem Panier, „Frieden“ ist ein Wischiwaschi-Begriff geworden. Beim Pazifismus ist klargestellt, dass er auf keinen Fall durch Kriege
Frieden schaffen will.“

Entscheidend dabei ist für Fromm: „Eine Friedensbewegung kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie über sich selbst als Friedensbewegung hinausweist und zu einer Bewegung des radikalen Humanismus wird, wenn sie imstande ist, an den ganzen Menschen zu appellieren, (…) wenn sie eine Vision einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen zeigen kann“ (E. Fromm 1970h, GA V, S. 253). Fromm wollte sein eigenes Engagement in der internationalen und amerikanischen Friedensbewegung gar nicht ausdrücklich als politisches ausgeben: „Ich nenne das schon gar nicht politisch, weil es eine einfache, möchte sagen, menschliche Tätigkeit ist: die Zerstörung des Menschen zu verhindern“ (E. Fromm 1980e). Und er geht noch weiter: die Zerstörung des Menschen und der natürlichen Umwelt zu verhindern. Und damit sind wir ganz nahe bei unseren Preisträgern, die auch der Zerstörung des Menschen und der natürlichen Umwelt durch ihre Texte, durch Lieder und Bücher entgegen treten.

Drewermann hat eine „verlogene Humanität“ gebrandmarkt, wenn behauptet wurde, durch Krieg, Vernichtung und Drangsal müsse das irakische Volk von der Terrorherrschaft befreit werden. Und irrwitzig sei es, dass ausgerechnet die USA die Entwaffnung des Iraks eingefordert hätten. Denn die größte Gefahr durch Kampfmittel stellten die Vereinigten Staaten selbst dar: Auf 260 Millionen Einwohner kämen 250 Millionen Feuerwaffen. Und als wäre es eine Paraphrase des eben gehörten Textes von Fromm über Utopisten sagt Drewermann: „Wenn die Welt auf den Kopf gestellt wird, muss auch der Umkehrschluss richtig sein, dass Verrückte wie wir richtig liegen.“

Eugen Drewermann wurde 1940 in Bergkamen geboren. Er wuchs mit zwei Geschwistern auf; seine Mutter katholisch, der Vater evangelisch. Nach dem Abitur studierte er Philosophie in Münster, Theologie in Paderborn und Psychoanalyse in Göttingen. Mit der Einführung der Bundeswehr und des allgemeinen Wehrdienstes 1956 geriet er zum ersten Mal in Konflikt mit der Lehre der katholischen Kirche, weil er wegen seiner pazifistischen Überzeugung den Wehrdienst verweigerte. Die katholische Kirche hatte aber bis dahin in der intensiven politischen Debatte die Auffassung vertreten, ein Katholik habe nicht das Recht, den Wehrdienst zu verweigern.

1966 wurde Drewermann zum Priester geweiht und arbeitete danach im Gemeindedienst und in der Studentenseelsorge. Mit der Arbeit „Strukturen des Bösen“ habilitierte er sich 1978 und war bis 1991 Privatdozent für Religionsgeschichte und Dogmatik in Paderborn. Vor fünfzehn Jahren -am 8. Oktober 1991 -hat der damalige Erzbischof von Paderborn seinem populärsten Priester die Lehrerlaubnis an einer katholischen Hochschule entzogen. Drei Monate später -im Januar 1992 -verbot er Drewermann auch noch zu predigen. Seine Machtanalysen der Kirche, seine Machtanalysen der Dogmen, seine unglaubliche Breitenwirkung bei der Humanisierung der Kirche haben den Gegenschlag der Herrschaften ausgelöst. Drewermann wollte und will eine nicht autoritäre, nicht dogmatisierte, nicht theistische, nicht unterwerfende Religion, sondern eine humanistische Religion, ein zur Wirkung seiner Humanisierungen befreites Christentum, das den Menschen zu der in ihnen angelegten Transzendenz, Freiheit und Solidarität verhilft.

Eugen Drewermann wollte und will die Kenntnisse von Theologie und Psychotherapie miteinander verbinden, ja versöhnen. Das ist sein großes Programm. Die Bibel wortwörtlich zu nehmen, erscheint ihm als Frevel, vielmehr will er die biblischen Geschichten in ihrer therapeutischen Wirkung für Menschen und für die Gesellschaft erschließen. Wenn wir die Bibel wortwörtlich verstehen, führt das laut Drewermann zum Unglauben. Da ist Drewermann ganz nahe bei Erich Fromms Rehabilitation der „Märchen, Mythen und Träume“ als „einer vergessenen Sprache“ (E. Fromm 1951a ) bis hin zur Auffassung, dass „der Traum … die Sprache des universalen Menschen“ sei (E. Fromm 1972a ) – ein Kerngedanke, der sich immer wieder durch Drewermanns Werk zieht. Da ist Drewermann ganz nahe beim Umgang Erich Fromms mit Religion, dessen Abhandlungen über „die Entwicklung des Christusdogmas“ (E. Fromm 1930a) er immer wieder in seinen Schriften zitiert. Und identisch mit Fromms Plädoyer für einen Glauben im Seinsund nicht im Haben-Modus (vgl. E. Fromm 1976a).

Und Drewermanns Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nimmt die Tradition mit auf, die sich im sozialistisch-humanistischen Ansatz von Fromm wieder findet, wobei man dann den Humanisten nicht humanistisch genug und den Sozialisten nicht sozialistisch genug ist. Den Kapitalismus – heißt es bei Drewermann – könne man tatsächlich nicht schönreden, weil hier der Profit und die Gewinnmaximierung die Haupttriebkräfte des Handelns darstellen. Es gäbe tatsächlich nur die Alternative: Entweder man nutzt das Geld, um im Konkurrenzkampf global die Menschen gegeneinander zu stellen – dann seien am Ende Kriege und Grausamkeiten aller Art unvermeidbar. Oder man nutze im Sinne Jesu das Geld dazu, sich Freunde zu schaffen mit dem ungerechten Mammon. Dann allerdings bräuchten wir eine Ethik, die sich gegen Zinstreiberei und Ausbeutung der Armen durch eine Konkurrenz im Suchen nach den Billigstlohnländern und Billigstarbeitskräften richte. Da wäre eine Kirche aufgerufen, als Protestbewegung sich gegen den Kapitalismus zu stellen. Doch das geschieht nicht.

Und so bekennt Drewermann: „Ich leide unter vielem, was ich sehe: unter der aberwitzigen Hochrüstung, unter der Zerstörung der Natur, unter der endlosen Tierquälerei, unter der Ausbeutung der Dritten Welt und, und, und. Aber ich denke, beides gehören zusammen: Wer sich selber als Mensch fühlt, wird an vielem Menschlichen unglücklich, aber mit sich selbst im Einklang sein. So gehört, glaube ich, Glück und Engagement zusammen.“ Das ist ein anderer Glückbegriff als ihn uns heute Vertreter der seichten Welle des Selbstmanagements anbieten. Und einer, der ganz und gar beheimatet ist in Erich Fromms Gedankenwelt.

Das Leiden an den Verhältnissen, die durch Reden, Publikation, durch Dichtung und Musik nur unmerklich zu verändern sind, findet sich auch bei Konstantin Wecker. Da wird diese Zwiespältigkeit sichtbar, einerseits heftig in den Wortschatz und die Tasten zu greifen, um teilweise ironisch, teilweise sarkastisch dehumanisierende Politik, Ideologie und Lebensgewohnheit wahrnehmbar zu machen und zu geißeln, andererseits den Blues zu geben, wenn es um die schwer auszuhaltende Langsamkeit der Revolution geht.

Mit der Botschaft: „Wage es zu denken“ will Wecker sein Publikum aus den Konzerten entlassen. „Dieses Wagnis des Denkens, des Hinterfragens“, so Wecker, „das gehen heute leider immer weniger ein. Ich will vermitteln, dass Information eine demokratische Bürgerpflicht ist.“ Bei Fromm lautet das: „Wissen bedeutet nicht im Besitz von Wahrheit zu sein, sondern durch die Oberfläche zu dringen, kritisch und nach immer größerer Annäherung an die Wahrheit zu streben“ (Haben oder Sein, 1976). Und dafür ist die Poesie, die der Märchen wie der Lieder, der Träume wie der biblischen Geschichten, das hervorragende Medium, denn wie Wecker selbst feststellt: „Poesie ist klüger als Politik, denn sie schöpft aus einer Quelle tief im Inneren von uns allen. Träume sind Poesie, Mathematiker sprechen von der Poesie der Zahlen. Poesie ist überall. Aber sie geht oft verloren. Die Dogmen der Kirche zum Beispiel ersticken jede Poesie und Fantasie. Wir müssen das Erstickte bergen.“ Das Erstickte bergen, das Getretene auf richten, das Verachtete wert schätzen. Das sind Humanisierungsschritte, die sich an Weckers Lieder und Texten ablesen lassen.

Der Sänger, Schauspieler und Buchautor Konstantin Wecker wurde 1947 in München geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er bereits im Alter von sechs Jahren, später lernte er dann Geige und Gitarre. Als er von 1955 bis 1960 in einem Kinderchor in München sang, wirkte er zudem bei einer Kinderoper von Benjamin Britten am Staatstheater am Gärtnerplatz in München mit. Seine erste LP produzierte er 1972 und er gründete 1974 die Gruppe „Team Musikon“. Eine schier endlose Reihe weiterer Platteneinspielungen folgte. Viele, viele Konzertreisen im In-und Ausland. Konstantin Wecker eröffnete schließlich 1984 ein Musiklokal in München, komponierte und sang Filmmusiken und schuf sich Glaubwürdigkeit und Bekanntheitsgrad durch seine unverbrüchliche Treue zu Werten wie Solidarität, Courage, Humanität und ökologische Verantwortung. Selbst seine schwerste persönliche Krise hat er in Treue zu diesen Werten durchgestanden und so noch mehr zu sich gefunden. Stets blieb er aufrecht. Neben seinen Bühnenauftritten und Filmaktivitäten schreibt Wecker nach wie vor Bücher und produziert Musik-und Hör-CDs.

Dabei versucht er zweierlei zu verbinden – und da sehen wir, wie nah sich Drewermann und Wecker sind: Denken und Intuition. Wecker: „Sie schließen sich keineswegs aus, aber leider schließen die Rationalisten die Intuition aus, und viele Esoteriker und sogenannte Spirituelle die Vernunft. (…) Für mich ist das Mysterium des Lebens nie und nimmer durch Denken zu ergründen, sondern ausschließlich in dem Raum des Nicht-Wissens, im Raum der Intuition zu erfahren. In diesem Raum, in dem, wie fast alle Wissenschaftler und Künstler bestätigen, die wirklich innovativen Entdeckungen und Schöpfungen zustande kamen. Ich weiß seit Kindesbeinen, dass ich meine Melodien, dass ich meine schönsten lyrischen, poetischen Sätze nie erdenken kann, sie fallen mir zu. Sie passieren dann, wenn ich die Ratio nicht zum Herrscher meiner selbst mache, sondern wenn dieses Selbst, das ich nicht kenne, das ich erforsche, das ich zu ergründen suche im Laufe meines Lebens, wenn mein Herz, nicht meine Emotionen, mein Herz und mein Geist, die Ratio im Griff hat. Das Problem des Rationalismus ist in meinen Augen, dass der Rationalist zwar viel denkt, aber dass er genau diesen Raum ausklammert. Ein rationaler Mensch zu sein -ein Mensch also, der die Ratio nicht zur allumfassenden Ideologie erklärt -ist hingegen notwendig. (…) Meines Erachtens ist deswegen die schöne Idee des Sozialismus gescheitert, weil sie die Transzendenz nicht zugelassen hat. Die Sehnsucht des Menschen und das Wissen des Menschen um das Mysterium ist aber zu groß, als dass man es ausschalten könnte. Wenn man es unterdrückt, wird es sich heimlich in einer Nische formieren. Du kannst nicht mit der Ratio den Menschen ein Glück überstülpen, das sie eigentlich nur in sich selbst erfahren können, und zwar ausschließlich in den Momenten des Nicht-Wissens und des Nicht-Denkens. Das spricht aber keineswegs gegen das Denken, um Gottes Willen, das Denken darf uns nur nicht beherrschen, wir müssen es als Fahrzeug benützen.“

Wer die Texte Fromms kennt, weiß, wie nahe diese Formulierungen etlichen Passagen von Fromm kommen, ohne dass vermutlich Konstantin Wecker bei der Formulierung Werke von Fromm heran gezogen hat. Radikaler Humanismus hat im Kern das, was Fromm die X-Erfahrung nennt, die sich nach seinen Worten – es könnten auch die Drewermanns und Weckers sein – „nur in poetischen und visuellen Symbolen ausdrücken lässt“ (E. Fromm 1966a, GA VI, S. 220). Die X-Erfahrung ist das Zentrum aller religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Systeme. Für Fromm wird diese X-Erfahrung dann am besten ernst- und wahrgenommen, wenn Menschen die eigenen Kräfte der Vernunft, der Liebe, des Mitgefühls und des Mutes optimal entwickeln (vgl. ebd.).

Und wie kann das gelingen? Wecker antwortet auf die Frage so:

„Es gibt kein Leben ohne Tod,
ich bring mich wieder ein.
Ich möchte wieder widerstehn
und weiterhin verwundbar sein.“


Wer nicht verwundbar sein will, kann für wechselseitige Befruchtung und Auswirkung von Vernunft, Liebe, Mitgefühl und Mut nichts tun. Wer nicht verwundbar sein will, der muss bis an die Zähne gerüstet sein und alle überfallen, die verwunden könnten. Zum Schluss wird er um der Unverwundbarkeit willen alle verwundet und die Erde ruiniert haben. Weil wir ohne Verwundbarkeit weder leben noch Mensch sein noch Mitmensch sein können. Wer unverwundbar sein will, muss viel haben und hat doch nichts. Wer den Mut hat, verwundbar zu sein und zu bleiben, kann einfach sein: mit Menschen und mit der Natur.

Mit Weckers Alter Ego Willy entspinnen sich auf der Bühne Dialoge. Vor einiger Zeit folgender Dialog über den Fortschritt bei denen, denen die Humanisierung der Gesellschaft auf dem Herzen liegt: „Wir haben dazugelernt, Willy, wir wissen, wo und wie wir uns informieren müssen, und auch wenn uns nun manche verhöhnen, und als Gutmenschen abqualifizieren – sie verstehen nichts von Demokratie. Gewaltfreier Protest, Ungehorsam und Zivilcourage sind nun mal die wirkungsvollste Waffe einer Demokratie und ihr unerlässliches Regulativ.“

Gewaltfreier Protest, Ungehorsam und Zivilcourage. Das sind Fromm wichtige Begriffe. Allein über den „Ungehorsam“ hat Erich Fromm eine eigene Abhandlung geschrieben. Akte des Ungehorsams sind für ihn wichtig, weil nur durch Nein-Sagen gegenüber Machthabern Entwicklungen möglich waren, auch die intellektuelle Entwicklung, um neue Ideen und Veränderungen einzuleiten (Der Ungehorsam als ein psychologisches und ethisches Problem, 1963). Fromm: „Wenn ein Mensch nur gehorchen und nicht auch den Gehorsam verweigern kann, dann ist er ein Sklave; wenn er nur ungehorsam und nicht auch gehorchen kann, ist er ein Rebell und kein Revolutionär; er handelt dann aua Zorn, aus Enttäuschung und Ressentiment und nicht aus Überzeugung und
Prinzip“ (E. Fromm 1963d, GA IX, S. 369). Fromm befürchtet, dass der „Organisationsmensch“ unserer hypermodernen Gesellschaft die Fähigkeit zum Ungehorsam verloren hat, weil er nicht einmal mehr merkt, „dass er gehorcht. An diesem Punkt der Geschichte könnte möglicherweise allein die Fähigkeit zu zweifeln, zu kritisieren und ungehorsam zu sein, über die Zukunft für die Menschheit oder über das Ende der Zivilisation entscheiden“ (ebd., S. 374).

Doch es gibt viele, viel mehr als wir sehen und denken, die ungehorsam geworden und zu einem wirklichen Leben unterwegs sind. Wecker textet:

„Es sind nicht immer die Lauten stark,
nur weil sie lautstark sind.
Es gibt so viele, denen das Leben
ganz leise viel echter gelingt.
Die stehen nicht auf Bühnen, füllen keine Feuilletons.
die kämpfen auf schwereren Plätzen.
Die müssen zum Beispiel in Großraumbüros
sich der Unmenschlichkeit widersetzen.
Die schützt kein Programm, kein Modedesign.
Die tragen an sich etwas schwerer.
Die wollen ganz einfach nur anständig sein
und brauchen keine Belehrer.“


Wir ehren Dr. Eugen Drewermann und Konstantin Wecker mit dem Erich-Fromm-Preis 2007 für ihre Verdienste um einen aufrechten Gang für Humanität, Mitgefühl, Mitverantwortung und Courage im Sinne des radikalen Humanismus Erich Fromms.

Ihr je eigenes, aber auch gemeinsames öffentliches Eintreten für den Erhalt des Friedens und gegen eine religiös verbrämte Militanz, ihr furchtloses Auftreten gegen Antisemitismus und Fremdenhass, ihr Einsatz für eine humane Zukunft der Menschheit und gegen eine Praxis, die den Menschen nur noch als Ware, Kostenfaktor oder Konsument sieht – kurzum, ihr entschiedenes Engagement für die „Liebe zum Leben und Lebendigen“ (Erich Fromm) soll mit diesem Preis gewürdigt werden.

„Hoffen“ so heißt es bei Erich Fromm, „hoffen heißt, jeden Augenblick bereit sein für das, was noch nicht geboren ist, und trotzdem nicht verzweifeln, wenn es zu unseren Lebzeiten nicht zur Geburt kommt“ (Revolution der Hoffnung, 1968). Der Preis der Internationalen Erich Fromm-Gesellschaft soll Sie, Herr Dr. Eugen Drewermann und Sie Herr Konstantin Wecker, stärken in Ihrer Hoffnungsarbeit, im humanistischen Engagement, der in Ihrem Pazifismus sichtbar wird, und in Ihrer Beispiel gebenden Courage. Mögen Sie nicht verzweifeln, stets Hoffende bleiben und uns immer wieder zum Denken und zum Fühlen geben, was uns in der Humanität weiterbringt.

Dr. Norbert Copray ist geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung, Herausgeber von Publik-Forum und Mitglied der Erich Fromm Preis-Jury.
© Dr. Norbert Copray 2007


Die Fromm-Zitate beziehen sich auf:
Erich Fromm, Gesamtausgabe in zwölf Bänden (GA), hg. von Rainer
Funk, Stuttgart und München (Deutsche Verlags-Anstalt) und München (Deutscher Taschenbuch Verlag)
1999:
1930a Die Entwicklung des Christusdogmas. Eine psychoanalytische Studie zur sozialpsychologischen
Funktion der Religion, GA VI, S. 11-68.
1951a Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache, GA IX,
S. 169-309.
1963d „Der Ungehorsam als psychologisches und ethisches Problem“, GA IX, S. 367-372.
1966a Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition,
GA VI, S. 83-226.
1968a Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik, GA IV, S. 255-377.
1970h „Zur Theorie und Strategie des Friedens“, GA V, S. 243-257.
1972a „Der Traum ist die Sprache des universalen Menschen“, GA IX, S. 311-315.
1975b Interview mit Adalbert Reif: „Aggression und Charakter“, Zürich (Verlag die Arche) 1975.
1976a Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, GA II, S. 269-414.
1980e Interview mit Guido Ferrari: „Mut zum Sein“, Locarno 1980.

Category: Allgemein
Posted 29/03/07 by: admin

Comments

wrote:
Ihnen müsste doch eigentlich klar sein, dass Drewermann religiös antijüdisch argumentiert und sehr negativ gegen Israel eingestellt ist. Wecker ist mir nur bekannt als Besucher bei Saddam Hussein...
Publik Forum na ja, ein Antizionistenblatt wie viele andere....
06/04/07 11:57:44

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