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Abgetaucht:
Als U-Boot im Widerstand
In Kreuzberg wächst Eugen als Berliner Junge in den dreißiger
Jahren auf. Seine Mutter, eine in Russland geborene Jüdin, hat die jüdische
Tradition hinter sich gelassen. Erst durch die zunehmende Ausgrenzung
erfährt Eugen, dass er Jude ist. Er muss die öffentliche Schule verlassen
und besucht eine jüdische Schule. Die Benutzung von öffentlichen
Verkehrsmitteln ist jüdischen Kindern nur dann erlaubt, wenn der Schulweg
länger als fünf Kilometer ist. In dieser Zeit erlebt er seine erste Liebe
mit seiner Schulkameradin Helga.
Auch
einige skurrile Situationen sind in dem Buch geschildert: Eugen ist zum
Schabbat bei einem Schulkameraden, dessen Familie traditionell lebt,
eingeladen. Als dessen Eltern verwundert nachfragen, weil sie merken, dass
der Junge sich nicht auskennt, klärt sie Eugen hinsichtlich der
Schabbatkerzen auf: "Bei uns werden nur zu Weihnachten am Tannenbaum Kerzen
angesteckt oder wenn die Sicherung durchgeknallt ist".
In
bewundernswerter Weise steht Eugens nicht-jüdischer Stiefvater zu seiner
Familie. Er versucht Eugen den vorteilhafteren Status des "Halbjuden" zu
verschaffen, indem er vorgibt Eugens leiblicher Vater zu sein:
"Meine
Eltern schwuren Stein und Bein, dass Papa mein Erzeuger und ich daher gar
kein "ganzer" sondern nur ein "halber Jude" sei. In dem weiß gekachelten
Raum des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Dahlem, in das wir zur Klärung bestellt
wurden, liefen ernst und wichtig aussehende "Rasseforscher" in schneeweißen
Kitteln über braunen und schwarzen Uniformen geschäftig hin und her, trugen
Schublehren, Messlatten und Tafeln mit Nasenbildern und Augenfarben unterm
Arm. Große, blauäugige Frauen mit um die Ohren gelegten blonden Zöpfen
hielten Spritzen, Kanülen und Pipetten bereit, um mir mit kaltem Blick an
den verschiedensten Körperstellen Blut abzusaugen. Sie zwängten meinen Kopf
in das Gestänge der Messinstrumente, maßen meine Nase ab und berechneten mit
Rechenschiebern ihren Rauminhalt, verglichen sie mit den Bildern auf den
Tafeln, schüttelten mit angewidertem Gesicht beim Betrachten meiner Augen
den Kopf, betasteten mein Kinn und ließen mich schließlich zu meinen Eltern
gehen, die aufgeregt im Vorraum hin und her liefen.
Am Ende all dieser
wissenschaftlichen Untersuchungen kam nichts heraus, was meine Situation
hätte verbessern können. Die Vaterschaft sei möglich, hieß es ziemlich
unwirsch, aber zu beweisen sei sie nicht. Es war also nichts mit Halbjude,
ich blieb ganzer Jude" (Seite 58)
1943
reicht der Schutz des Stiefvaters nicht mehr aus. Eugen muss untertauchen
und wird von verschiedenen Familien und Einzelpersonen aufgenommen. Er
schließt sich der Widerstandsgruppe "Gemeinschaft für Frieden und Aufbau"
an, der Juden und Nichtjuden angehören. Sie drucken und verteilen
Flugblätter, organisieren falsche Ausweispapiere und Unterkünfte für
Verfolgte. Die Gruppe fliegt auf, und für Eugen beginnt die schlimmste Zeit
seines Lebens. Er wird in das Deportationssammellager in der Großen
Hamburger Straße eingeliefert.
Der
Verfasser hat schon vor Jahren seine Autobiografie für Erwachsene unter dem
Titel "für Freudensprünge keine Zeit" veröffentlicht. Seit vielen Jahren ist
er im Gespräch mit Schülern. "Abgetaucht" ist für jugendliche Leser
verfasst. Man merkt Eugen Herman-Friede seine reiche Erfahrung im Gespräch
mit Jugendlichen an. Das Buch geht auf die Wissensvoraussetzungen junger
Leser ein und zeigt die unterschiedlichen Facetten des Lebens in einer
gemischten Familie während der Nazizeit.
Der
Band ist mit Fotos und Dokumenten ausgestattet. Eine Zeittafel über die
antijüdischen Gesetze, die Juden immer mehr aus dem öffentlichen Leben
ausgrenzten, hilft den jugendlichen Lesern bei der Orientierung.
Das
Buch ist zugleich eine Hommage an Julius Friede durch dessen Schutz seine
jüdische Frau und sein Stiefsohn Eugen am Leben blieben. Julius Friede hat
nicht überlebt.
Sehr
empfehlenswert für Jugendliche ab 12 Jahren.
Rezension von Iris Noah
Herman-Friede, Eugen:
Abgetaucht. Als U-Boot im Widerstand Tatsachenroman
Gerstenberg Verlag 2004
Euro 14,90
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